Jagsttal Die Reiherhalde bei Morstein wird 80

Jagsttal / swp 11.09.2018
Das Naturschutzgebiet zwischen Langenburg und Kirchberg zählt zu den ältesten des Landes. Reiher leben dort nicht mehr.

Eines der ältesten Naturschutzgebiete Baden-Württembergs feiert sein 80-jähriges Bestehen: die Reiherhalde bei Morstein im Landkreis Schwäbisch Hall. Das teilt das Regierungspräsidium Stuttgart mit. Zu finden ist das Schutzgebiet im oberen Jagsttal zwischen Langenburg und Kirchberg unterhalb von Schloss Morstein.

„Das Naturschutzgebiet ist ein idyllischer Wald und sowohl naturkundlich als auch kulturgeschichtlich ein bedeutendes Gebiet“, sagte Regierungspräsident Wolfgang Reimer anlässlich des Jubiläums. Auch wenn dort heute keine Reiher mehr brüten, wird das Naturschutzgebiet vom Regierungspräsidium Stuttgart aus kulturgeschichtlichen und Artenschutzgründen erhalten.

Über 500 Jahre lang war der Hangwald Domizil einer der größten Graureiherkolonien Württembergs. Ab der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts sind die Reiher bei Morstein schriftlich belegt. Sie brüteten dort vorzugsweise auf alten Linden. Im 19. Jahrhundert zählte man mehr als 150 Horste, wie die Nester genannt werden. Dabei trug ein Baum bis zu 15 Nester. Im 20. Jahrhundert hat die Reiherkolonie Morstein immer mehr abgenommen. 1927 zählte man noch 50 Horste. Nach dem Zweiten Weltkrieg erreichte die Kolonie nochmals 80 Brutpaare, aber seit Ende der 1950er-Jahre sind die Zahlen kontinuierlich rückläufig. Seit 1973 ist die Kolonie gänzlich verwaist. Beobachtungen nach hatten Holzfällarbeiten in unmittelbarer Nähe des Brutgebiets und starker Besucherverkehr die Vögel vertrieben.

Neue Brutplätze entstehen

„Auch wenn es heute keine Reiher mehr dort gibt, war diese Kolonie für das Überleben des stattlichen Vogels in der Region ausschlaggebend“, erklärt Reimer. Doch ausgestorben ist der Graureiher nicht: Neue Brutplätze sind sowohl jagstaufwärts im Naturschutzgebiet „Jagsttal mit Seitentälern zwischen Crailsheim und Kirchberg“ als auch jagstabwärts an mehreren Stellen bekannt.

Der Hang- und Schluchtwald aus Bergahorn, Eschen, Sommerlinden und Berg-Ulmen im zentralen Teil des Naturschutzgebiets ist reich an Totholz und weist daher zahlreiche Bruthöhlen auf. Für Dohle, Hohltaube, Schwarz-, Mittel- und Kleinspecht, Schwarz- und Rotmilan, Garten- und Waldbaumläufer sowie Fledermäuse ist der jahrzehntelang nicht bewirtschaftete Wald ein wertvolles Brutbiotop. Das abwechslungsreiche Waldbild und der hohe Wert für den Naturschutz sind das Ergebnis einer guten Zusammenarbeit zwischen Regierungspräsidium und Waldbesitzer.

Das Naturschutzgebiet liegt fünf Kilometer südwestlich von Gerabronn an einem Nordhang des Jagsttals. Von Kleinforst im Jagsttal oder von Morstein auf der Hochfläche führen Wanderwege zur Reiherhalde. Für einen Besuch bietet sich der Wanderparkplatz bei der Kläranlage Dünsbach an. Ein markierter Weg führt um den oberen Ast der Dünsbachklinge herum ins Naturschutzgebiet. Man kann entweder am oberen Rand des Hangwaldes entlanggehen oder dem Weg in die Schlucht folgen. Das Regierungspräsidium weist darauf hin, dass es aus Naturschutzgründen verboten ist, die Wege zu verlassen, Pflanzen und Tiere zu entnehmen, zu lärmen und Feuer anzumachen.

Reiherbeize zum Vergnügen der Ritter

Im Mittelalter wurden die Reiher gehegt und gepflegt, denn sie dienten der Reiherbeize. Beize oder Beizjagd ist die Jagd auf Federvieh oder kleines Haarwild mit abgerichteten Greifvögeln und war ein sportliches Vergnügen der Ritter und Ritterdamen. Bei diesem Zeitvertreib ließ man einen Reiher frei, der sich in die Höhe schraubte. Dann wurde ein Falke losgelassen, der versuchte, den Reiher zu übersteigen. Gelang ihm dies, stürzte er sich auf ihn und brachte ihn zu Boden. Manchmal fiel der Falke aber auch dem scharfen Schnabel des Graureihers zum Opfer. Um den Kampf der Vögel zu verfolgen, scheute die Jagdgesellschaft keine Anstrengung und mühte sich über Stock und Stein. Die gebeizten Reiher wurden beringt und danach wieder freigelassen, sofern sie die Prozedur überlebten. Die Schmuckfedern der Reiherhähne steckte man zu jener Zeit den Damen an den Hut. Gegen Ende des 18. Jahrhunderts kam die Reiherbeize aus der Mode.

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