Die Nazis und das Lexikon

In Wiesenbach geboren: der NS-Funktionär Friedrich Schmidt. Archivfoto
In Wiesenbach geboren: der NS-Funktionär Friedrich Schmidt. Archivfoto
HARALD ZIGAN 31.01.2013

Das Internet-Lexikon "Wikipedia" ist eine feine Sache: Weltweit öffnen Millionen von Menschen das Schatzkästlein ihres Wissens und tragen zum Nulltarif eine gigantische Menge an Informationen zusammen.

Zu diesem Heer der Wissensvermittler zählt ein vermutlich aus dem Raum Heilbronn stammender Herr, der im Januar 2005 unter dem Benutzernamen "HaSee" auch zur Gemeinde Blaufelden einen Lexikon-Eintrag verfasst hat.

Unter der Rubrik "Persönlichkeiten", die ihre Wiege in Blaufelden oder in den heutigen Teilorten stehen hatten, listet "HaSee" nicht nur den Stoffdrucker Christoph Philipp Oberkampf, den Theologen Otto Betz und den Landtagsabgeordneten Karl Östreicher auf: In die Riege der örtlichen Prominenz reiht der Verfasser auch die beiden NSDAP-Funktionäre Karl Philipp aus Wittenweiler (er brachte es als "Kreisbauernführer" bis zu einer Spitzenposition im "Reichsnährstand" und nach dem Krieg zum Landtagsabgeordneten) sowie Friedrich Schmidt aus Wiesenbach ein, der eine steile NS-Karriere bis hin zum Vize-Gauleiter von Württemberg machte.

Eine Frau aus Stuttgart, deren familiäre Wurzeln auch in Hohenlohe liegen, störte sich jetzt daran, dass diese zwei Nazis zu "Wikipedia"-Ehren kommen - und bat in einer E-Mail an Bürgermeister Klaus Köger darum, "beide Personen von der Blaufelder Seite zu löschen".

Mit diesem Begehr war die Kritikerin allerdings an der falschen Adresse: "Ich habe der Frau mitgeteilt, dass die Gemeinde Blaufelden diesen Eintrag bei Wikipedia nicht erstellt und auch keinen Einfluss darauf hat", sagte der Rathaus-Chef. "Überhaupt", so Klaus Köger, "kann man diese historisch korrekten Tatsachen doch nicht so einfach weglöschen - diese Einträge sind in erster Linie nur ein sachlicher Hinweis und keine Wertung".

Auf die rechtsextremen "Söhne und Töchter" einer Stadt wird in fast allen kommunalen Wikipedia-Einträgen hingewiesen - im Artikel zu Braunau am Inn fehlt ebensowenig der Hinweis auf Adolf Hitler wie im Falle von Günzburg der heimatliche Bezug zum furchtbaren KZ-Arzt Josef Mengele. Und der "Wikipedia"-Beitrag zu Crailsheim nennt neben dem NS-Staatssekretär Karl Waldmann aus Tiefenbach auch den Neo-Nazi Alexander Neidlein.

Mit lexikalischen Informationen allein wird diesen Personen noch längst kein Denkmal gesetzt und auch keine Kommune denunziert - ganz im Gegenteil: Es wäre fatal, gerade über die Rolle der "Führer" in der Provinz als kleine, aber äußerst wirkungsvolle Rädchen im NS-Getriebe den Mantel des Schweigens zu decken.