Jagstkatastrophe Kirchberg: Die Lehren und Leere nach dem Unglück

Kirchberg / Jens Sitarek 16.11.2018
Umweltministerium und Regierungspräsidium ziehen in Kirchberg eine positive Bilanz des Aktionsprogramms zur Wiederbelebung des Flusses. Aber es gibt Probleme, die sind noch längst nicht behoben.

Seit siebeneinhalb Jahren sei er Umweltminister des Landes Baden-Württemberg, sagt Franz Untersteller am Dienstag in Kirchberg, „aber kein Ereignis hat mich so bewegt wie das Jagstunglück“. Es habe ihm „dramatisch vor Augen geführt, wie sensibel Ökosysteme sind“.

In der Nacht vom 22. auf den 23. August 2015 gelangte nach einem Großbrand einer Mühle an der Jagst mit Kunstdünger kontaminiertes Löschwasser in den Fluss. Dieser Eintrag löste ein massives Fischsterben aus. Untersteller erfuhr am Morgen des 24. August davon, da war er gerade auf dem Weg in den Urlaub. In Südtirol angekommen sagte er zu seiner Frau: „Schönen Urlaub, ich muss wieder heim.“

Seit dem Unglück, das als Jagstkatastrophe Eingang in den regionalen Sprachgebrauch fand, ist viel passiert. Die für Umwelt und für Naturschutz zuständigen Landesministerien beauftragten das Regierungspräsidium Stuttgart mit dem Aktionsprogramm Jagst.

Darin sind 100 Maßnahmen und Projekte enthalten – mit drei Zielen: den ökologischen Schaden vollständig und nachhaltig zu beheben, die Widerstandsfähigkeit der Jagst für die Zukunft zu erhöhen sowie die Erfahrungen aus dem Jagstunglück für andere Gewässer nutzbar zu machen. 60 Maßnahmen wurden bisher umgesetzt. Kosten: mehr als drei Millionen Euro.

Lesen Sie hier alles zur Jagstkatastrophe – mit Bildergalerien.

Ob es die revitalisierten Neben- und Altarme sind, die fast sieben Hektar Gewässerrandstreifen, das Totholz, die Störsteine und die Kiesinseln, die eingebaut und angelegt wurden. Oder die Überprüfung von Düngemittellagern. Oder das Merkblatt zum Thema Löschwasserrückhaltung, das für die Gewerbeaufsicht ausgearbeitet wurde – für Untersteller hat das Aktionsprogramm Jagst einen „Modellcharakter für andere Fließgewässer in Baden-Württemberg“.

Natur hat eigenen Zeitplan

Regierungspräsident Wolfgang Reimer formuliert es so: „Die Jagst ist ein Positivbeispiel für die Ökologisierung der Fließgewässer.“ Für ihn steht fest, dass man „aus so einem Unglück gelernt“ hat. Auch Kirchbergs Bürgermeister Stefan Ohr zieht eine positive Bilanz. Aber: „Wir haben erfahren dürfen, dass die Natur ihren eigenen Zeitplan hat“, betont Ohr und deshalb sei er froh, „dass die Aktivitäten des Landes an der Jagst an diesem Abend nicht enden“.

In welche Richtung die weiteren Aktivitäten des Landes gehen könnten, deutet Reimer an: Stoff­einträge aus der Regenwasserbehandlung und aus der landwirtschaftlichen Nutzung reduzieren, Fischbestände wieder herstellen, Durchgängigkeit und Gewässerstruktur verbessern. „Das ist keine Abschlussveranstaltung, die wir machen“, sagt Reimer. Die Veranstaltung lautet „Aktionsprogramm Jagst – Bilanz und Ausblick“. „Es ist gut, dass sich so viele Menschen um die Jagst kümmern“, sagt der CDU-Landtagsabgeordnete Arnulf von Eyb, in Personalunion Präsident des Landesfischereiverbandes.

Wie geht es weiter an der Jagst? In vier Gesprächsinseln mit Fachleuten geht es zwischendurch um Schadensermittlung/-behebung, Risikominimierung, Gewässerökologie und Gewässerqualität. Die Zahl der Gespräche, es sind 80, wird protokolliert, die Themen auch: weitere Umsetzaktionen von Fischen, mehr Messungen, die Sicherheit von Biogasanlagen, multiresistente Keime, Bau von Fischaufstiegsanlagen und wirtschaftliche Lösungen bei Kleinstwasserkraftanlagen, solche Sachen.

Jetzt kommt der Kormoran

Es wurde „sehr viel Gutes getan“, findet Martin Zorzi vom Umweltzentrum Schwäbisch Hall. „Ich wünschte mir, dass mehr Bürgermeister hier wären“, sagt er. Warum? „Ein Fluss wie die Jagst kann nur so gut sein wie das Wasser, das er kriegt.“ Einige Zuflüsse ließen von der Wasserqualität her zu wünschen übrig.

Für Bruno Fischer, Nabu-Ortsvorsitzender und Vorstandsmitglied beim Fischereiverein Kirchberg, gibt es ein weiteres Problem: der Kormoran. „Die Vögel sind eigentlich nicht hier“, sagt Fischer, „aber sie werden ja oben und unten geschossen.“ Was er meint: Es gibt eine befristete Genehmigung für die Jagst. Ausgenommen sind Naturschutzgebiete und dazu zählt das fast 500 Hektar große „Jagsttal mit Seitentälern zwischen Crailsheim und Kirchberg“. Der Kormoran ist ja nicht blöd – diesen Satz hört man oft.

„Durch den hundertprozentigen Fischausfall sind wir die Gestraftesten von allen“, so sagt es Fischer. „Und jetzt kommt der Kormoran.“ Das sei kontraproduktiv. Ein Kormoran, muss man dazu wissen, frisst im Schnitt 500 Gramm Fisch pro Tag. „Die paar Fische, die wir haben, werden gejagt“, betont Fischer.

Fischer steht am Ockenauer Steg bei Kirchberg, an dem am Dienstag auch ein Lehrpfad zum Aktionsprogramm Jagst eingeweiht wurde. Eigentlich ein Paradies für Fische: Das Wasser fließt mal schnell und mal langsam, und dann gibt es flache und tiefe Stellen. „Schauen Sie mal runter!“, sagt er. „Hier war früher alles voll.“ Nach einer kleinen Pause fügt er hinzu: „Jetzt ist gar nichts.“

Bei Diembot und am Hornberger Mühlkanal haben die Kormorane zwei Schlafbäume, die erkennt man daran, dass sie „weiß und vollgekackt“ sind. Fahrt mit Fischer in seinem Jeep nach Diembot. Wie es der Zufall so will, kommen bei Einbruch der Dämmerung gerade mehr als 50 Tiere angeflogen, von zwei Seiten. Aber sie trauen sich nicht zu landen. Sie sind nicht blöd. Könnte ja einer schießen.

Lehrpfad an der Jagst

10 Tafeln des Lehrpfades

Die Titel lauten wie folgt:

 

1)         Ein schwarzer Tag für die Jagst

            Tafel zum Unglück im August 2015.

2)         Das Aktionsprogramm Jagst

            Tafel zu den Zielen und Inhalten des Programms.

3)         Verbesserung der Gewässerstruktur.

            Tafel zu Gewässerstrukturmaßnahmen -Teil 1.

4)         Mit vereinten Kräften

            Tafel zum Helfereinsatz während des Unglücks.

5)         Wiederbesiedlung der Jagst

            Tafel zum Fischbesatz und der Bestandsentwicklung.

6)         Mehr Wasser für die Jagst

            Tafel zum Themenkomplex Mindestabflusses.

7)         Durchgängigkeit der Jagst

            Tafel zur Wiederherstellung der Durchgängigkeit.

8)         Stoffliche Belastungen - diffuse Quellen

            Tafel zu diffusen landwirtschaftlichen Quellen.

9)         Verbesserung der Gewässerstruktur

            Tafel zu Gewässerstrukturmaßnahmen - Teil 2.

10)       Stoffliche Belastungen - Punktquellen

            Tafel zu Punktquellen (Regenwasserbehandlung).

 

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