Sonntagabend, 29. Mai 2016: Nach einem schwülheißen Frühlingstag braut sich gegen 20 Uhr ein Jahrhundertunwetter über dem Kochertal zusammen. Starkregen verwandelt Bäche in reißende Ströme. Schlamm- und Schuttlawinen verwüsten Braunsbach.

Wenige Stunden nach der Sturzflut kursieren im Internet die ersten schockierenden Videos. Autos werden wie Spielzeug von den Wassermassen durch die Straßen geschleudert. Hier muss es etliche Tote gegeben haben, befürchten Rettungskräfte vor Ort und Menschen in ganz Deutschland, die nachts gebannt vor Fernseher oder Computer sitzen. Später ist klar, dass wie durch ein Wunder kein einziger Mensch bei dem Unwetter ums Leben kam. Allerdings herrscht am Tag danach auch bittere Gewissheit: Braunsbach ist schwer gezeichnet. Im Kernort türmen sich Schlamm- und Geröllberge, etliche Häuser sind schwer beschädigt, viele Bürger stehen vor den Trümmern ihrer Existenz.

Doch in Lethargie verfallen die Allerwenigsten. Die Braunsbacher zeigen sich erstaunlich gefasst, geklagt wird kaum. Schon am 30. Mai beginnen die Aufräumarbeiten und damit der Wiederaufbau. Unterstützung kommt von mehr als tausend freiwilligen Helfern aus der ganzen Region. Die Solidargemeinschaft hält vorbildlich zusammen. 1,6 Millionen Euro private Spendengelder werden gesammelt, 10,6 Millionen Euro Soforthilfe stellt das Land zur Verfügung. Das jedoch wird bei weitem nicht ausreichen, um alle Schäden zu beseitigen. Der Gesamtschaden wird auf 100 Millionen Euro geschätzt.

Bürger bestimmen mit

Ein Jahr danach gleicht Braunsbach noch immer einer einzigen großen Baustelle. Doch der Optimismus ist zurück. Geschäfte haben wieder geöffnet, die Gaststätten bewirten wieder Touristen, die Verwaltung zog zurück ins sanierte Rathaus. Weitere öffentliche wie private Infrastruktur wird nachhaltig wiederhergestellt. Bevölkerung wie Verwaltung begreifen die Katastrophe als Chance, ein Bürgerbeteiligungsprozess stößt auf großes Interesse. Die Braunsbacher können mitentscheiden, wie ihre Gemeinde in zehn Jahren aussehen wird.

Die Urgewalt der Schlammmassen könnte zudem dafür gesorgt haben, dass sich neue touristische Potenziale auftun. Im Grimmbachtal zum Beispiel hat das Wasser eine urwüchsige Geröll-Landschaft geschaffen, die Wanderer aus der ganzen Region in ihren Bann zieht. Entlang des Orlacher Baches könnte ein Albvereinssteig entstehen. Auch die Idee eines Naturschutzzentrums mit Schwerpunkt auf den Braunsbacher Bächen kursiert.

Auch wenn die Wahrscheinlichkeit eines ähnlichen Unwetters  äußerst gering scheint, sollen Millionen Euro in den Hochwasserschutz investiert werden. Die Verdolung der Braunsbacher Bäche soll so gestaltet werden, dass eine erneute Sturzflut weitaus geringere Schäden anrichten würde.