Kirchberg Die dreisten Autoknacker von Kleinallmerspann

Foto: Jens Sitarek
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Kirchberg / Jens Sitarek 08.06.2018
Eine Bande aus Litauen sucht sich den Kirchberger Teilort aus, um geklaute hochwertige Fahrzeuge in Einzelteile zu zerlegen. Dafür mietet sie drei Garagen an – genau gegenüber der Verkehrspolizeidirektion.

Der Anblick von Lkw ist im Gewerbepark bei Kleinallmerspann nichts Besonderes, was natürlich an den vielen Firmen, dem Autohof Kirchberg und der Autobahn liegt. Dass die A 6 nicht weit ist, kann man hören, und man kann es daran erkennen, dass es Straßen gibt, die „An der Autobahn“ heißen. Zum Straßenbild gehören auch Polizeiautos, denn die Verkehrspolizeidirektion Schwäbisch Hall hat mittendrin ihren Dienstsitz, Ortsstraße 1.

Eine Bande hatte sich den kleinen Ort Kleinallmerspann ausgesucht, um geklaute Autos in Einzelteile zu zerlegen. Dazu mietete sie drei Garagen an – genau gegenüber der Polizei. Es gibt Leute, die sagen, das sei dumm, es gibt aber auch welche, die sagen, das sei besonders gerissen.

Vielleicht habe die Bande gedacht, dass die Polizei sie gerade deshalb nicht erwische, meint ein Nachbar. „Man braucht bloß unverfroren genug zu sein. Wenn ich so etwas machen würde, hätte ich Herzklopfen.“ Die Täter, sagt er noch, seien „wohl immer ein wenig auf der Flucht“ gewesen.

Von Frankfurt aus verfolgt

Bei den Tätern handelt es sich um vier junge Männer aus Litauen, geboren zwischen 1988 und 1993. Sie gaben sich Mühe, nicht aufzufallen. Sie hielten die Garagentore verschlossen und verrichteten ihre Notdurft in großen Eimern, aber erwischt wurden sie trotzdem.

Aufgefallen sind sie in Frankfurt am Main, „weil sie sich bei Autohäusern in Industriegebieten umsahen und möglicherweise Objekte für spätere Diebstähle ausbaldowerten“, heißt es auf Nachfrage beim Landeskriminalamt Baden-Württemberg. Eine Wohnung in Frankfurt diente „offensichtlich als Treffpunkt für die Gruppierung und war mutmaßlich Ausgangspunkt für das Begehen von Straftaten“. Bei einem Autodiebstahl wurden sie allerdings nicht ­erwischt. Dafür verfolgte die hessische Polizei die vier Männer mehr als 200 Kilometer auf der Autobahn bis nach Kleinallmerspann.

Festnahmen im November 2017

Dort wurden Valdemaras S., Daivaras B., Aurimas Z. und Andrius S. am 25. November vergangenen Jahres festgenommen, die einen bei den Garagen und die anderen auf deren Weiterfahrt auf der ­Autobahn. Unterstützt wurden die Beamten aus Hessen von Kräften des Polizeipräsidiums Aalen, Spezialkräfte waren nicht beteiligt.

Dabei muss man wohl froh sein, dass es auf diese Weise zu der Verhaftung kam, denn zwei Polizisten aus Frankfurt äußerten angesichts der nicht enden wollenden Fahrt Bedenken, dass sie ihre Einsatzzeit überschreiten. Jedenfalls war das Inhalt eines Gesprächs, das ein Zeuge bei der Verhandlung am 30. April im Wartesaal des Amtsgerichtes Crailsheim mitbekam.

Wegen gewerbsmäßiger Bandenhehlerei wurden die zwei „Köpfe“ der Bande, wie die Richterin es formuliert, zu Haftstrafen von drei Jahren sowie zwei Jahren und neun Monaten verurteilt. Die zwei „Handlanger“ müssen jeweils für zwei Jahre und drei Monate ins Gefängnis. „Man hat sich beschränkt auf das, was man in der Halle vorgefunden hat“, betont die Richterin. Das Urteil ist mittlerweile rechtskräftig. Da sich die Täter geständig zeigten, blieb dem Gericht eine lange Beweisaufnahme erspart.

Zurück nach Kleinallmerspann. An den drei Garagen kleben auch Wochen nach dem Gerichtsurteil noch Reste vom amtlichen blauen Siegel des Landeskriminalamtes. Das Datum ist gerade noch so zu entziffern, 26.11.2017 steht drauf. Einen Tag nach der Festnahme der Männer übernahm das LKA die Ermittlungen und kümmerte sich vor Ort um die Spurensicherung.

Mehr als 400.000 Euro Schaden

In den Garagen fanden sich sieben hochwertige BMW, jedenfalls das, was noch von ihnen übrig war. Autoknacker – da bekommt das Wort noch eine andere Bedeutung. Gestohlen wurden die Fahrzeuge zwischen dem 4. Oktober und dem 23. November, sechs in Hessen, der siebte gehörte einem Unternehmer aus Kirchberg und war wohl eher ein Beifang. Der Gesamtschaden liegt bei mehr als 400.000 Euro. Pro Fahrzeug sollen die Täter 300 Euro bekommen haben, hieß es bei Gericht. „Die waren ganz unten in der Nahrungskette“, ist sich der Kirchberger Unternehmer sicher. Die einen seien eingebuchtet, dafür würden die nächsten gleich weitermachen.

Ersatzteile für Litauen

„Die Fahrzeugteile sollten nach Litauen verbracht werden“, so das LKA weiter, und: „Über die weitere Verwendung lässt sich nur mutmaßen, da die Täter hierzu keine Angabe machten. Wir gehen davon aus, dass die Fahrzeugteile als Ersatzteile verkauft werden sollten.“ Um die Teile zu verpacken, verwendeten die Täter Kisten, die sie aus Europaletten zimmerten. Die Kisten seien „unfassbar schwer“ gewesen, so die Richterin.

Dem Besitzer der Garagen, dessen Wohnhaus sich ebenfalls auf dem großen Grundstück befindet, sei nichts aufgefallen, wie er am Telefon sagt. Das LKA habe im November auf einmal bei ihm vor der Haustür gestanden und ihn informiert. Ansonsten will er nichts sagen, er sei eigentlich „froh, dass Gras über die Sache gewachsen ist“. Er sei schließlich „wochenlang Gesprächsthema“ gewesen, die Leute dachten schon: „Was hat er verbrochen?“

Seine Garagen, insgesamt sechs, vermietete er an jemanden aus der Nähe, der mit den verurteilten Autoknackern nichts zu tun hat, aber der sich zunächst auch verdächtig machte, weil er, wie es der Zufall so will, ebenfalls an Ort und Stelle an Autos herumschraubt. Und dieser Jemand vermietete die drei linken Garagen weiter. Er sagt, dass er eine Annonce aufgegeben und daraufhin einen Anruf aus Heilbronn bekommen habe. Eine Spedition benötige ein Zwischenlager, hieß es. Die Anmietung sei im August erfolgt, dann sei einer vorbeigekommen und habe für zwei Monate in bar bezahlt.

Der Untervermieter habe sich „keine Gedanken gemacht“, auch die Paletten, die vor den Garagentoren lagen, passten ins Bild. Die Männer aus Litauen habe er nie zu Gesicht bekommen. Eine Frau im Ort will beobachtet haben, wie einmal in der Nacht drei Autos auf den Hof fuhren und eines wieder runter.

Garagen sind wieder vermietet

Der Anrufer aus Heilbronn wurde ebenfalls „im Rahmen der Ermittlungen überprüft“, betont das LKA, er „gehörte aber nicht zu der litauischen Gruppierung“. Die drei linken Garagen sind längst wieder anderweitig vermietet, untervermietet.

Der Untervermieter teilt sich seine drei rechten Garagen mit einem Kumpel, einem gelernten Kfz-Mechaniker. Klauen sei das eine, findet der. Und das andere? „Jetzt zerlegst du das Auto mal! Wo fängst du an? Dann musst du die Teile so verpacken, dass keine Dellen drin sind, sonst will die keiner haben.“ Das seien „schon Profis“ gewesen. Zumindest was das Zerlegen von Autos angeht.

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