Auszeichnung Die Böden schaffen nur noch 60 bis 100 Ernten

Ursula Richter 16.12.2017

Das Buch „Die Humusrevolution“ hat den mit 6000 Euro dotierten Hauptpreis des Heilmittelunternehmens Salus gewonnen. Autoren des Werkes sind Stefan Schwarzer, Mitglied der Lebensgemeinschaft Tempelhof (Gemeinde Kreßberg) und die in Berlin lebende Journalistin Ute Scheub. Eingereicht werden konnten Veröffentlichungen, die sich kritisch mit den Risiken und Auswirkungen der Agro-Gentechnik beschäftigen, oder der Frage nachgehen, welche Chancen eine ökologische und gentechnikfreie Landwirtschaft für eine gesunde Lebensweise eröffnet.

Im ersten der sieben Kapitel des Werkes mit dem Untertitel „Wie wir den Boden heilen, das Klima retten und die Ernährungswende schaffen“ geben die beiden Autoren einen Abriss über Entstehung, Ausmaß und Konsequenzen der industriellen Landwirtschaft. Das düstere Bild ist faktengesättigt aufgrund der umfangreichen Datenquellen, mit denen Stefan Schwarzer bei seiner Tätigkeit bei der UNO umgeht. Das Duo spricht von Goliath, den großen Firmen und Interessen, die den Status quo versuchen zu zementieren. Ab dem zweiten Kapitel werden Lösungsmöglichkeiten entwickelt. Hier kommt David ins Spiel, der zunächst ohnmächtig scheinende mutige Opponent. Dabei beeindrucken die vielfältigen Beispiele, die vor allem auch durch den flüssigen Schreibstil von Ute Scheub regelrecht begehbar geschildert werden. Verblüffend und für viele neu ist der als zwingend dargestellte Zusammenhang zwischen der Bodenqualität und dem Klima. „Menschen bewirtschaften ungefähr fünf Milliarden Hektar Acker- und Weideland. Ein Humusaufbau von nur einem Prozentpunkt auf diesen Flächen könnte 500 Milliarden Tonnen CO2 aus der ­Atmosphäre holen… Die weltweiten CO2-Emissionen könnten in etwa 50 Jahren auf vorindustrielles Niveau gebracht werden“.

Aber wie soll das gehen? „Regenerative Agrikultur, die die globale Agroindustrie ablöst, plus regenerative Energien, die weltweit Kohle, Öl und Gas ersetzen – das wäre die Zauberformel.“ Das sind, wie bei Revolutionen üblich, große Worte. Sie gehen einher mit einer unglaublichen Fülle gelebter und oft erfolgreicher Initiativen in aller Welt. Beispielsweise „4p1000“. Die Humusaufbauinitiative ist von einer Ökofarm in den USA inspiriert. Auf den seit 1972 nicht mehr gepflügten 250 Hektar werden in Mischkultur zehn verschiedene Pflanzensorten angebaut, in die Gründüngung werden im Frühjahr Feldfrüchte gepflanzt. Der Humusanteil stieg laut einer Begleitstudie in 35 Jahren um 61 Prozent an.

Untersuchungen auf anderen Höfen sprechen von noch bedeutend größeren Zuwachsraten. Biologische Schädlingsbekämpfung kann beispielsweise das Grundnahrungsmittel Maniok für 200 Millionen Menschen in Afrika mithilfe der Schlupfwespe vor der verheerenden Schmierlaus schützen. Auf der anderen Seite gibt es Versuche, eine Wiederauflage der grünen Revolution – dieses Mal in Afrika – zu installieren, etwa von Bill Gates. Hier werden gigantische Summen für das Aufholen von vermeintlich technischen Defiziten gebunden, die mit Hybrid- und Gensaaten, Kunstdüngern und Pestiziden behoben werden sollen. Hier sind auch Global Player wie Monsanto oder Dow Chemical nicht weit: für Schwarzer und Scheub die idealtypischen Goliaths. Ganz anders das David-Projekt Terra Preta, das Herstellen von Schwarzerde durch indigene Völker. Das Vorhaben soll durch ein modernes Verfahren internationalisiert werden.

Man geht auch in die Geschichte zurück und belebt den Gedanken der Marktgärten wieder, die in einem biointensiven Anbau mit vier bis neun Ernten im Jahr Paris bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts zur Gemüse-Selbstversorger­stadt gemacht hatten. Stichworte sind essbare Städte wie in Andernach, Ernährungsräte, effektive Mikroorganismen. Agroforstsysteme, Waldgärten, Regeneration von (Halb-)Wüsten, Gemeingüter, Gartenbauringe um Städte und viele andere mehr.

Maschinen wie der Keyliner, ein spezieller Tiefenlockerer, der den Boden anschlitzt und in 20 bis 30 Zentimeter Tiefe leicht anhebt, werden aus Australien importiert. „Das bringt mehr Sauerstoff  und Wasser in den Boden, was zu stärkerem Wurzel- und Pflanzenwachstum führt und damit Humus aufbaut“, heißt es in dem preisgekrönten Buch. Mehr Humus fördert die unglaubliche Vielfalt an Bodenorganismen, Tieren, Pilzen und Pflanzen, die in Symbiose leben und sich, wenn sie nicht durch Kunstdünger, Insektizide oder Pestizide dezimiert oder abgetötet werden, gegenseitig stabilisieren.

Da auch der menschliche Stoffwechsel allein im Darm mit 10 bis 100 Billionen Mikroorganismen arbeitet, öffnet das Bewusstwerden dieser Mikrowelt den Blick für fundamentale Ernährungs- und Lebenszusammenhänge. Diese Trias aus ressourcenschonender Ernährung, Bodenregeneration, Klimabeeinflussung scheint das Ei des Kolumbus zu sein. Besonders aufschlussreich sind die Ansätze in der näheren Umgebung: Kompostierung, Mulchen, Agroforstwirtschaft und Holistisches Weidemanagement von Michael Reber in Gailenkirchen oder die durchwachsene Silphie, mit der Michael Broß beginnt, Mais zu ersetzen. Und die vielen Bemühungen der Lebensgemeinschaft Tempelhof, in der sich Schwarzer auch praktisch einbringt.  All das sind Bausteine auf einem Weg zu mehr Humus. Auf dass nicht wahr wird, wovor die Weltagrarorganisation FAO schon 2014 warnte: Ohne Regeneration der Böden sind nur noch 60 Ernten bis höchstens 100 Ernten auf der Welt zu erwarten.

Stefan Schwarzer und Ute Scheub wollen die Humusrevolution fördern

Stefan Schwarzer ist Physischer Geograf und Permakultur-Designer. Er arbeitet seit 2000 für das Umweltprogramm der Vereinten Nationen (UNEP) in Genf, wo er sich mit globalen Umweltthemen beschäftigt. Die Verbindung globaler Ziele mit lokalen Handlungen vor allem in Form einer aufbauenden Landwirtschaft in Anlehnung an die Permakultur, ist eines seiner Hauptanliegen. Er lebt seit 2012 in der Lebensgemeinschaft Tempelhof in der Gemeinde Kreßberg.
Ute Scheub ist promovierte Politikwissenschaftlerin und Publizistin, sie lebt mit ihrer Familie in Berlin. Die mehrfach mit Preisen ausgezeichnete Mitbegründerin der Tageszeitung „taz“ hat bisher 17 Bücher vor allem zu friedens-, frauen- und umweltpolitischen Themen veröffentlicht.
Symposium  Auf dem Tempelhof findet Ende Januar 2018 das 2. Symposium zum Thema „Aufbauende Landwirtschaft” statt. Der Untertitel der Veranstaltung lautet: „Boden wieder gut machen“.
Informationen gibt’s unter www.aufbauende-landwirtschaft.de.