Fichtenberg Der Waldrapp findet nur mit Flugzeug in den Süden

Fichtenberg / Rainer Kollmer 11.09.2018
Markus Unsöld erklärt, warum Verhaltensforscher abenteuerliche Patenschaften für Zugvögel übernehmen.

Es geht ums Bewahren“, formulierte Gustl Wörner gleich zu Anfang die Grundidee des eingeladenen Referenten Markus Unsöld. Der aus Fichtenberg stammende Biologe forscht an der Ornithologischen Staatssammlung in Obermenzing bei München. Schon 1994 lief ihm im Tierpark Hellabrunn ein Waldrapp über den Weg. Die Begegnung hatte Folgen. Es war wohl die Liebe des Vogelkundlers auf den ersten Blick.

Der „Corvus Sylvaticus“ (Waldrabe), wie ihn Conrad Gessner bereits vor 500 Jahren beschrieb, kann ästhetischen Ansprüchen jedoch nur im Ansatz genügen. Der hühnergroße Vogel mit dem weitgehend dunklen Federkleid und dem langen, gekrümmten Schnabel wird oft nicht als Schönheit empfunden. In dem 2009 erschienenen Buch „Vogelwelt Europas“ von David Tipling und Jonathan Elphick ist zu lesen: „Sein Kopf ähnelt einer gruseligen Faschingsmaske. Die runzelige, nackte rote Haut erinnert an Fotos von Hautkrankheiten aus medizinischen Handbüchern.“ „Mit gefällt er“, betonte Unsöld seine uneingeschränkte Bewunderung für den „hässlichsten unter allen seltenen Vögeln“.

Im Kleinmuseum „Hirschgaß 5“ fand er bei fast 60 Besuchern ein aufgeschlossenes und wissbegieriges Publikum. In seinem fast zweistündigen, frei gehaltenen Vortrag gewährte Markus Unsöld viele aufschlussreiche Einblicke in die historischen und aktuellen Darstellungen des Tieres. Schon vor 500 Jahren geisterten vom Waldrapp oft bizarre Vogelgestalten durch die Buchillustrationen. Von Schwan bis Huhn war vieles möglich. Der Waldrapp als Ibis-Vogel ist jedoch mit den Störchen verwandt und hat mit dem sprichwörtlichen „Nachtkrabb“ als Kinderschreck nichts zu tun.

Nur noch im Zoo zu finden

Dass der Vogel heute so gut wie ausgerottet und nur noch im Zoo zu finden ist, dürfte nicht an seinem herben Aussehen liegen. Er wurde früher als Delikatesse exzessiv gejagt. Die Tiere sind im Wald zu Hause, ernähren sich von Würmern, Raupen oder Schnecken und brüten in Felsnischen. Das Gelege besteht jedoch nur aus drei bis fünf Eiern. Durch den sparsamen Nachwuchs war wohl das Verschwinden des Waldrapps vorprogrammiert.

Vor 15 Jahren schloss sich Unsöld einem Waldrapp-Team an, das von Johannes Fritz an der Konrad-Lorenz-Forschungsstelle in Grünau in Oberösterreich gegründet worden war. Das Team machte es sich zur Aufgabe, den frei lebenden Waldrapp-Bestand mithilfe der bestehenden Zoo-Population wieder zu vergrößern. Doch wie sollte man einem Zugvogel, der nie über die Alpen geflogen war, wieder den Vogelzug beibringen? Im zugefrorenen Boden im Norden können keine nahrhaften Würmer gestochert werden.

Die Prägungserfahrungen von Konrad Lorenz mit den Graugänsen nutzte das Team für ein abenteuerliches Experiment. Wenn die Waldrappe im Zoo aus dem Ei geschlüpft sind, werden sie sofort von Menschen weiter aufgezogen. Der ständige Kontakt sorgt dafür, dass die Vögel ihre menschlichen Paten als „Eltern“ betrachten und ihnen bedingungslos folgen. Selbst die gegenseitige „Fell- oder Federnreinigung“ durch die Vögel an seinem Gesicht zeigte Unsöld anhand von Fotos.

Die Rück-Erziehung zum Zugvogel gelang erstmals 2002. Mit dem Paten oder der Patin in einem Leichtflugzeug, dem die Tiere nach der erfolgten Prägung gehorsam folgten, gelang es, den damals noch kleinen Vogelzug über die Alpen ins WWF-Schutzgebiet Oasi Laguna di Orbetello in der Toskana zu lotsen.

Der Rückweg klappt von selbst

Nachdem das Experiment 2014 in das Life-Projekt der Europäischen Union aufgenommen wurde, sind es inzwischen 32 Aufzuchtvögel pro Jahr, die in Burghausen in Bayern, Kuchl bei Salzburg und Überlingen am Bodensee aufgezogen werden und von dort aus in den Süden starten. „Den Rückweg zu ihrem Geburtsort finden sie dann von selbst“, betonte Unsöld: „Es klappt immer besser.“ Wenn etwa 500 Vögel auf diese Weise eine Rück-Erziehung erfahren haben, dürfte der Vogelzug zum Selbstläufer werden – ohne menschliche Patenschaft. Die Waldrappe werden das Gelernte dann selbst an ihre Nachkommen weitergeben. Gefahren drohen jedoch durch den Menschen: „Stromleitungen sind ein großes Problem“, war von Unsöld zu hören.

Zurück zur Startseite Zum nächsten Artikel