Fichtenau Der Schock aus der Sitzung

Die Ortsdurchfahrt in Wildenstein soll saniert werden. An Ingenieurleistungen werden 76 000 Euro fällig.
Die Ortsdurchfahrt in Wildenstein soll saniert werden. An Ingenieurleistungen werden 76 000 Euro fällig. © Foto: Jens Sitarek
Fichtenau / Jens Sitarek 22.08.2018
Die Gemeinde Fichtenau vergibt für viel Geld viele Ingenieur- und Architektenleistungen, für einige Gemeinderäte sind das zu viele. Dann scheitert der Antrag zur Fertigstellung eines Baugebietes.

Am Tag nach der Gemeinderatssitzung sieht die Welt im Wildensteiner Rathaus schon wieder etwas anders aus. Erst sei sie „kurz geschockt“ gewesen, sagt Bürgermeisterin Anja Wagemann, aber nun würde sie das Ganze „entspannt“ sehen. Es müsse ja schließlich weitergehen. Was war passiert?

In der Gemeinde Fichtenau gibt es viele Baustellen und die müssen alle geplant, koordiniert und überwacht werden. Weil die Verwaltung, wie Wagemann es formuliert, „am Limit“ sei, sollen diese Leistungen an externe Büros vergeben werden. Das kommt immer wieder vor, neuerdings öfter, und das kostet. Den Zuschlag für die Ingenieurleistungen zur Sanierung der Ortsdurchfahrt Wildenstein bekommt in der Sitzung am Montag das Büro Stadtlandingenieure aus Ellwangen. Auftragssumme: rund 76.000 Euro.

Dass Gemeinderäte angesichts solcher Summen schon mal Bauchweh bekommen, merkt man an den sechs Gegenstimmen und an der Bemerkung von Peter Leidig. „Warum können wir das nicht selber machen?“, fragt er sich. Für 76.000 Euro könne er einen Ingenieur sieben Monate lang beschäftigen, rechnet Leidig vor.

Der Auftrag für die Ingenieurleistungen für die Wohnumfeldmaßnahme Schmiedstraße und Kirchplatz in Bernhardsweiler geht an das Büro Grimm Ingenieure aus Ellwangen. Auftragssumme: rund 23.000 Euro. „Selber würden wir es gar nicht schaffen“, betont Wagemann. Sie sieht „hier keine andere Möglichkeit“. Einige Gemeinderäte sehen es anders: vier Gegenstimmen. Den Punkt Innensanierung der Grundschule in Unterdeufstetten/Vergabe der Architekturleistungen (rund 45.000 Euro) nimmt Wagemann zu Beginn der Sitzung von der Tagesordnung. Warum, sagt sie nicht, nur so viel: „Das hat seine Gründe.“

Beim Baugebiet Promenadenweg in Wildenstein, zweite Erweiterung, dritter Bauabschnitt, spitzt sich das Ganze zu. „Wenn das so weitergeht, fressen uns die Architekten auf“, findet Gemeinderat Herbert Kaspar. „Wir geben wahnsinnig leicht viel Geld aus.“

Statt der Architekten und Ingenieure sehen Kaspar und Co. eher Ortsbaumeister Alfons Fischer in der Pflicht. „Wir können nicht auf jeder Baustelle stehen und ständig was überwachen“, verteidigt ihn Wagemann. Es gebe für jeden Bereich Fachingenieure, fügt Fischer hinzu, der Trend gehe zur Spezialisierung. Zudem sei die Gemeinde bei externen Vergaben das Haftungsrisiko los.

Hemdsärmelige Arbeit

Dann stellt sich noch etwas anderes heraus: In der Vergangenheit wurde bei Baumaßnahmen in Fichtenau oft mit Lageplänen statt mit detaillierten Plänen operiert. „Wir können nicht mehr so hemdsärmelig arbeiten“, stellt Wagemann klar. Ein Bauleiter hätte gesagt, so könnten sie nicht arbeiten. Ihre Schlussfolgerung: „Wir brauchen eine anständige Planung.“

Die Summe der Ingenieurleistungen für die Fertigstellung des dritten Bauabschnittes im Promena­denweg in Wildenstein liegt bei rund 24.000 Euro. Es geht um Asphaltdeckschicht, Entwässerung, Randsteine, Beleuchtung, solche Sachen. Betroffen sind sieben Bauplätze. Aber der Gemeinderat zieht am Montag nicht mit: sieben Stimmen dafür, sieben Stimmen dagegen, eine Enthaltung. Bei Stimmengleichheit gilt der Antrag als abgelehnt.

Und jetzt? „Da müssen wir schauen, was wir jetzt machen“, sagt Wagemann. „Schlecht, da haben wir keine Bauplätze mehr“, wirft Gemeinderat Dieter Schenk ein. Daraufhin Wagemann: „Das ist so gewollt.“

Die sieben Bauplätze sind noch nicht verkauft, stellt sich am Dienstag auf Nachfrage unserer Zeitung heraus. Aber es gebe Interessenten, fügt die Bürgermeisterin hinzu. Wagemann kann sich vorstellen, die Plätze im Promenadenweg zu verkaufen und dann mit der Vergabe der Ingenieurleistungen erneut in den Gemeinderat zu gehen. Vielleicht ist dann der Druck größer, endlich eine fertige Straße anbieten zu wollen.

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