Gesellschaft Der höfliche Handynutzer ist im Trend

Julia Vogelmann 13.01.2018
In vielen Bereichen ist der Umgang mit dem Smartphone heute geregelt. Gewisse ungeschriebene Gesetze gilt es im Alltag aber dennoch zusätzlich zu beachten.

Das Smartphone ist heutzutage genauso normal wie Geldbeutel und Schlüsselbund. Jeder hat es, jeder nutzt es und mittlerweile ist der Exot derjenige, der keines hat oder nutzt. Doch mit dem alltäglichen Gebrauch des Smartphones haben sich gewisse Regeln im Umgang mit dem Gerät vor allem im sozialen Miteinander herauskristallisiert. Zwar sind diese Do’s und Don’ts im ständigen Wandel, doch mittlerweile ist es sinnvoll zu wissen, was höflich ist und was nicht, denn nicht immer gibt es eindeutige Regelungen, wie sie mittlerweile zum Beispiel an vielen Schulen eingeführt sind oder vorgegeben werden in der Bahn, in öffentlichen Verkehrsmitteln oder in Krankenhäusern und an Tankstellen.

„Es hängt immer davon ab, wo man ist und mit wem“, bringt es Gudrun Weichselgartner-Nopper auf eine simple Formel. Sie ist seit 2006 selbstständige zertifizierte Knigge-Trainerin für Kinder und Erwachsene und bietet unter anderem Kurse und Vorträge an der Volkshochschule in Crailsheim an. Ganz bestimmt sagt sie außerdem: „Das Smartphone ist nicht mehr einfach nur ein Telefon, es ist der Kontakt zum Partner, zu den Kindern, den Freunden, zur Arbeit. Das darf man nicht vergessen.“

Doch muss das Handy, vor allem in den Anfangszeiten gerne als Statussymbol zur Schau gestellt, tatsächlich immer auf dem Tisch liegen und muss jede Nachricht sofort beantwortet und jeder Anruf immer angenommen werden? Egal ob im geschäftlichen oder im privaten Bereich, ein gewisses Gespür für die Situation ist immer wichtig.

Grundsätzlich sagt Gudrun Weichselgartner-Nopper: „Handy beim Essen geht gar nicht, egal ob privat oder geschäftlich.“ Allerdings schränkt sie ein, dass es durchaus Situationen gibt, wo auch das Handy neben dem Essteller seine Rechtfertigung haben kann, die dem Gegenüber allerdings mitgeteilt werden muss. So ist niemand beleidigt, wenn der diensthabende Arzt sein Gerät für den Notfall griffbereit hat oder die Mutter, die auf den Anruf des Sohnes nach der Fahrprüfung wartet. Ganz wichtig ist aber, dass man immer eine Erklärung abgibt, weshalb das Handy nicht in der Tasche bleiben kann. Bei Geschäftsessen mit dem Chef rät die Expertin sogar dazu, das Handy im Auto zu lassen, damit eingehende Nachrichten oder Anrufe nicht vom Gespräch ablenken.

Unsicherheit herrscht auch gerne darüber, wie man mit eingehenden Anrufen umgeht. Soll man rangehen und den Raum verlassen, nachdem man sich entschuldigt hat, oder soll man den Anruf lieber ignorieren und später zurückrufen? Das kommt natürlich immer darauf an, wer anruft und wie wichtig der Anruf ist. Gudrun Weichselgartner-Nopper macht dies außerdem davon abhängig, wie viele Personen am Tisch sitzen. „Es kann ein Vertrauensbeweis sein, wenn man sitzen bleibt während des Gesprächs, wenn nur eine Person mit am Tisch sitzt“, erklärt sie.

Da es allgemein jedoch als unhöflich angesehen wird, im Restaurant zu telefonieren, ist es immer die bessere Wahl, sich zu entschuldigen und den Tisch kurz zu verlassen, wenn der Anruf angenommen werden muss. Daran schließt sich ein weiterer Punkt an, der beachtet werden muss: Smartphones signalisieren uneingeschränkte Erreichbarkeit, weshalb der Anrufer erwartet, dass der Anrufempfänger auch Zeit hat zu sprechen, sobald er abnimmt. Sollte das nicht der Fall sein, ist es besser, den Anruf auf die Mailbox gehen zu lassen, anstatt den Anrufer unter Zeitdruck abzufertigen.

Einen weiteren Punkt, den die Höflichkeit heutzutage verlangt, ist, dass der Handynutzer den Umgang mit seinem Gerät beherrscht. Inzwischen wird es mit Kopfschütteln bedacht, wenn es jemandem nicht gelingt, den Klingelton auf stumm zu stellen oder gar einen eingehenden Anruf sofort wegzudrücken. Deshalb ist es wichtig, sich mit seinem Gerät vertraut zu machen.

Dazu gehört auch, verschiedene Kommunikationskanäle nutzen zu können, auch wenn es hier eine deutliche Staffelung gibt. So ist die E-Mail immer noch der seriöseste Weg der Kommunikation, bestätigt auch Gudrun Weichselgartner-Nopper: „E-Mail-Kommunikation kann ausgedruckt werden, ist ausführlicher, rechtssicherer, verbindlicher und auch höflicher, weil man dabei doch eine gewisse Form bewahrt, etwa was korrekte Interpunktion oder Rechtschreibung anbelangt.“ Sogenannte Instant Messenger wie WhatsApp sind dagegen eher für die private Kommunikation geeignet, auch wenn die Expertin es nicht ausschließt, auf vertrauterer geschäftlicher Ebene auch über diesen Kanal zu kommunizieren.

Ganz anders sieht es in der Familie und im Freundeskreis aus. Hier werden die Regeln ganz individuell aufgestellt, doch die Benimm-Expertin betont: „Grundsätzlich ist das Gegenüber wichtiger als der Schirm.“ Natürlich hängt das im privaten Umfeld auch immer davon ab, wie intensiv die Geräte genutzt werden, ob man viel in sozialen Netzwerken unterwegs ist und diese Begeisterung mit dem jeweiligen Gegenüber teilt.

Dennoch gilt es landläufig als unhöflich, ständig am Handy zu hängen. So sind inzwischen einige witzige Ideen entstanden, wie man sich auch im privaten Umfeld entsprechend disziplinieren kann, etwa indem beim gemeinsamen Essen alle Handys auf einen Stapel kommen und derjenige die Getränkerechnung für alle übernehmen muss, der es nicht schafft, die Finger davon zu lassen.

Bei Kindern und Jugendlichen sind außerdem die Erwachsenen in der Pflicht, ihnen ein Gespür dafür zu vermitteln, wann es angebracht ist, auch einmal auf das Gerät zu verzichten. Keine Oma findet es toll, wenn statt nach ihrem Wohlbefinden zuerst nach dem WLAN-Passwort gefragt wird und dann alle Enkel aufgereiht auf dem Sofa vor ihren Handys sitzen. Hier können Alternativangebote wie gemeinsames Spielen oder ähnliches durchaus Anreiz sein, das Smartphone einfach mal in der Tasche zu lassen. Sicher gibt es einen gewissen Generationenkonflikt, wenn es um die Smartphone-Nutzung geht.

Doch mit der weiten Verbreitung der Geräte in mittlerweile jeder Generation haben sie auch generationenverbindendes Potenzial und eine allgemeine Abwehrhaltung gegen Handys im öffentlichen Alltag und in der sozialen Interaktion sind einfach nicht mehr zeitgemäß. Bei der rasanten Fortentwicklung ist am Ende deshalb vor allem eines gefragt: Sensibilität für die Situation – denn die kann das Handy uns bis jetzt noch nicht abnehmen.