Geschichte Der Absturz der Me 262 bei Wolpertshausen

Landkreis / Kerstin Vlcek 08.12.2018

Es ist der 2. Dezember 1944. Oberfeldwebel Alexander Richard Reimer besteigt am Flugplatz Schwäbisch Hall-
Hessental die Maschine Messerschmitt Me 262. Nicht ahnend, dass dies sein letzter Flug werden wird. Denn in der Luft beginnt plötzlich sein Triebwerk zu brennen. Die Maschine stürzt ab. Im Grimmbachtal.

Die Geschichte des Oberfeldwebels zu recherchieren und nachzuzeichnen, hat sich Siegfried Neidlein vor einigen Monaten zur Aufgabe gemacht. Aus der Suche nach Hinweisen zum Absturz der Me 262 ist eine ganze Dokumentation entstanden. Begonnen hat alles 2014 mit einigen Flugzeugwrackteilen, die Siegfried Neidlein in einem Wald nahe Reinsberg (Gemeinde Wolpertshausen) fand. Er selbst ist dort aufgewachsen.

Feuer und Flamme

„Das war der Beginn eines Puzzles, bei dem sich die Teile nach und nach einfügten“, erzählt der 57-Jährige. Bis er auf den Absturzort der Me 262 von Alexander Reimer stieß, dauerte es aber noch eine Weile. Aber Neidlein war Feuer und Flamme für das Thema. Die Lektüre des Buchs von Michael Sylvester Koziol „Rüstung, Krieg und Sklaverei“ stachelte ihn noch weiter an. Wie in einem Kriminalfall folgte er einer Spur nach der anderen. Sprach mit Heimatforschern und Zeitzeugen, durchsuchte Archive und setzte sich in Foren mit Luftfahrtenthusiasten in Verbindung. Mit Hilfe der Mitglieder des Luftfahrtforums LBB, insbesondere mit jener von Matthias Hundt, Fotograf und Hobbyforscher aus Dorsten in Nordrhein-Westfalen, konnte er seine ersten Funde bei Reinsberg einer Dornier Do 217 E-4 zuordnen. „Ein Erfolg“, wie er sagt.

Bei weiteren Recherchen kamen immer wieder Hinweise auf einen nicht näher definierten Flugzeugabsturz im Grimmbachtal gegen Ende des Zweiten Weltkriegs zu Tage. Es begann eine schwierige und langwierige Spurensuche. Da kamen zwei Zeitzeugen ins Spiel. Alfred Bader und Manfred Hanselmann, die damals um die zwölf Jahre alt waren. „Über den eigentlichen Absturz der Messerschmitt kann ich nichts erzählen, wohl aber von der Bergung des Wracks, dies habe ich damals selbst gesehen“, steht in der Dokumentation zum Bericht von Alfred Bader. „Die Motoren wurden mit einem Seilwindenschlepper der Firma Thumm OHG Hopfach den Steilhang hochgezogen. Der Schlepper war mit Seilen an Bäumen gesichert“, so Bader weiter.

Das war der entscheidende Hinweis für Neidlein. „Er konnte mir den Standort des Schleppers genau zeigen.“ Gefunden hat er entlang der Schleifstrecke mehrere Turbinenschaufeln. Dies sei in dem Steilhangbereich gar nicht einfach gewesen, so Neidlein. Anfänglich waren er nur Bodenfunde mit Fertigungsnummern, die auf ein deutsches Fabrikat hinwiesen. Später kamen an der Fundstelle zwischen Grimmbach und der Autobahn spezielle Bauteile zum Vorschein, die nur bei wenigen Flugzeugen Verwendung fanden. Wieder lieferte Matthias Hundt ihm wertvolle Hinweise, in welchen Flugzeugen die Teile verbaut worden sind. „Für solche Recherchen braucht man ein gutes Netzwerk.“

Und dann: Treffer! Ein Teil eines Jumo 004 Triebwerksgehäuses kommt zum Vorschein. „Zuerst sah es aus wie ein Stein. Total verdreckt. Zu Hause habe ich es gereinigt und dann kam eine Nummer zum Vorschein.“ Schnell hat er ein Foto an Hundt geschickt und der bestätigte Neidleins Vermutung: Im Grimmbachtal ist eine Messerschmitt Me 262 abgestürzt, denn das Wrackteil mit der Nummerierung 004.202-043 wurde nur in Me 262 Düsenjägern verbaut. „Die Nadel im Heuhaufen“, freut sich Neidlein auch Monate nach dem Fund noch darüber.

Recherche in Archiven

Im Buch von Koziol war der Verlust dieser Me 262 ohne Ortsangabe aufgeführt. Nach dem Ausschlussverfahren blieb nur noch der Absturz von Flugzeugführer Alexander Reimer übrig. „In Koziols Buch stand schon der Nachname des Piloten, aber nicht mehr.“ Näheres über Reimer herauszufinden gestaltete sich einmal mehr schwierig. In den Archiven vor Ort, wie zum Beispiel dem Gemeindearchiv Wolpertshausen oder den Sterberegistern in Schwäbisch Hall und Hessental, gab es keine Aufzeichnungen. Bis heute ist auch das Flugbuch von Oberfeldwebel Alexander Reimer verschollen. „Ich habe alle Hebel in Bewegung gesetzt“, erklärt Neidlein. Auch sein Netzwerk konnte ihm nicht weiterhelfen.

Auskünfte hat er dann von der Wehrmachtsauskunftsstelle für Kriegsverluste und Kriegsgefangene in Berlin und von der Kirchengemeinde Hagenow bekommen. Alexander Reimer, geboren am 4. Februar 1911 in Rixdorf (Berlin) wurde am 7. Dezember 1944 in einem Armengrab am Kirchhof Hagenow beigesetzt. Im Auszug von der Wehrmachtsauskunftsstelle steht: „Absturz beim Einfliegen infolge TL-Brand (Triebwerksbrand) um 16.10 Uhr, in unmittelbarer Nähe des Flugplatzes.“

Die Witwe von Reimer hat nach dem Krieg wieder geheiratet und siedelte nach Norddeutschland über. Die gesamte Familie ist mittlerweile verstorben. Die letzte lebende Verwandte ist eine Nichte, die Tochter der Schwester. Sie hat keine Erinnerung an diesen Familienzweig, schreibt Neidlein in der Dokumentation.

Ein weiteres Puzzleteil

Erst nach Fertigstellung dieser fällt dem Hobbyforscher noch ein weiteres Puzzleteil in die Hände. Ein Dokument aus einem Archiv der Gemeinde Ilshofen. Betreff: Meldung über ein abgestürztes Flugzeug. „Das wäre super gewesen, wenn wir es schon früher gehabt hätten, aber es bestätigt die Recherche.“ Den Absturz beobachtet hat Landwirt Richard Rank und er gab 1944 folgendes zu Protokoll: „Ich bin z. Zt. in Hassfelden bei Friedrich Lercher als Verwalter eingesetzt. Mit meinen Pferden war ich auf dem Acker, der nur etwa 50 Meter vom Hange der Grimmbachklinge entfernt ist. Gegen 16 Uhr sah ich wie ein Flugzeug in nur etwa 200 Meter Höhe von Osten in Richtung Westen flog. Als dieses sich zwischen Hörlebach und Haßfelden befand, beobachtete ich, daß der linke Motor brannte. Auf gleicher Höhe bei mir angekommen, fiel es senkrecht in die Grimmbachklinge, wo es mit lautem Knall aufschlug. Gleich drauf stieg eine starke Rauchwolke auf.“ Das tragische Ende von Oberfeldwebel Alexander Richard Reimer.

Mit der Dokumentation möchte Siegfried Neidlein dazu beitragen, Geschichte zu erhalten und Licht in noch nicht erforschte Ereignisse bringen. Er ist auch schon mit seiner nächsten Recherche beschäftigt. Diese dreht sich um den Tod eines unbekannten Flugzeugführers, der bei Reubach, Rot am See, abgestürzt ist.

Info Weitere Informationen zu luftfahrthistorischen Themen und zum Absturz der Messerschmitt Me 262 auf www.strahljäger.de.

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