Sozialexperiment Den Wind im Gesicht

Kreßberg / Jens Sitarek 06.12.2016
Hinter Ben Hadamovsky liegt eine Saison, in der er kostenlos zum Mitsegeln einlud. Dafür schenkten ihm Teilnehmer Geld. Nun fragt er sich, wie das Ganze zu bewerten ist, nicht nur steuerlich.

Die Nachricht ist die: Ben Hadamovsky macht weiter. Er gibt sich ein zweites Jahr, „um mit dem Geldexperiment ins Vertrauen zu gehen“, wie er das formuliert. 42 Menschen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz sind in diesem Jahr bei ihm mitgesegelt, mussten außer Essen, Diesel, Hafengebühren nichts bezahlen, wenn sie nicht wollten. 21.577,99 Euro hat das Experiment am Ende eingebracht. Es überweisen auch Menschen Geld, die gar nicht mitsegeln, weil sie einfach gut finden, was er macht.

Hadamovsky, 49 Jahre alt, Heimathafen sonst Tempelhof in der Gemeinde Kreßberg, fragt sich, was passiert, wenn nicht seine Arbeit oder sein Produkt be- oder entlohnt würden, sondern umgekehrt für sein Auskommen gesorgt wäre, damit er überhaupt in der Lage ist, etwas zu tun. Die Übereinkunft der Gesellschaft, Arbeit ist Bedingung für Einkommen, würde sich einfach umdrehen: Einkommen ist Bedingung für Arbeit. Womit wir beim bedingungslosen Grundeinkommen wären.

Wenn das mit den 21.577,99 Euro eine gute Nachricht ist, dann kommt hier die schlechte: „Mein Finanzschiff hat ein Leck“, sagt Hadamovsky. Er wird in 2016 rund 11.000 Euro nachschießen müssen. Die fehlen in seiner Kalkulation, der 2200 Arbeitsstunden zugrunde liegen. In der Segelsaison steht er ja sieben Tage die Woche zur Verfügung, von 6 Uhr bis 22 Uhr. Dazu braucht er einen Monat zur Vorbereitung und einen Monat zur Nachbereitung.

Wie es aussieht, muss er wohl noch was investieren, damit es 2017 weitergeht. 7000 Euro für die gewerbliche Zulassung der ­Phoenix, 2200 Euro für die Mitgliedschaft in der Berufsgenossenschaft. „Kein Wunder“, denkt sich Hadamovsky, „dass normale Charterbetriebe nur mit Großserien-Billigschiffen unterwegs sind, die auf möglichst wenig Metern Schiffslänge möglichst viele Kojen unterbringen“.

Zweifel gehören dazu. „Ich ermögliche mir und anderen neue und spannende Erfahrungen“, sagt Hadamovsky, „aber den Preis dafür bezahlen meine Familie und ich.“ In der Segelsaison hat er seine Frau und seine zwei Kinder nicht so oft gesehen, das kann man sich vorstellen. Im nächsten Jahr soll das anders werden. Besser. „Lieber Ben“, schreibt ihm ein Expeditionsteilnehmer, „ist doch klar, dass es nicht einfach ist, wenn du etwas machst, was sonst niemand macht.“

Ben Hadamovsky weht nicht nur in dieser Hinsicht Wind ins Gesicht. Was ihn zudem beschäftigt, ist, dass vier von 42 Mitseglern außer für die Bordkasse kein Geld gegeben haben. „Wie eine unwillige Bewunderung“, empfindet er das. Und daneben sei in ihm „eine enttäuschte Erwartung“. Mit einem hatte er ja vorher gerechnet. Aber mit vier? „Das triggert Ängste an.“ Im Nachhinein stellte sich bei Hadamovskys Geld- und irgendwie auch Sozialexperiment heraus, dass die Schnäppchenjäger nicht immer die waren, von denen man es erwartet hätte, sondern die, die am besten abgesichert waren.

Hadamovsky hat Lehrgeld bezahlt, aber „es geht nicht nur um Geld, sondern auch um Glück und den Moment“. Was ihn bestärkt: „Keiner hat gesagt, das ist Quatsch, was du da machst.“ Was er immer wieder vergisst: „Die Leute haben mir 22 000 Euro geschenkt.“ Und die Leute wollen mehr. Zwölf Plätze für die nächste Saison sind schon gebucht, „Wiederholungstäter“ seien auch darunter, sagt Hadamovsky.

Wie sein Projekt „Unbezahlbar“ steuerlich zu bewerten ist, darüber schweigt sich das zuständige Finanzamt aus. Witzigerweise segelte im Sommer eine Finanzbeamtin mit. „Ich bin heil­froh, dass du nicht mein Klient bist“, sagte die. Damit es Klarheit gibt, hat Hadamovsky einen Brief an den Bundesfinanzminister geschickt. „Sehr geehrter Herr Dr. Schäuble“, schreibt Ben Hadamovsky, „ich wende mich an Sie als Chef der obersten Finanzbehörde im Rahmen eines Kunstprojektes. Es geht dabei um die Frage, wie sich unsere Gesellschaft und die Menschen, die in ihr leben, verändern, wenn wir unsere Haltung zu Arbeit und Einkommen grundlegend neu ausrichten.“

Hadamovsky stellt folgende Fragen: „Zahle ich auf die Summe Schenkungssteuer oder Umsatzsteuer und Einkommenssteuer? Oder fällt das Ganze eher unter Mäzenatentum? Handelt es sich hier um Gewinne aus Glücksspiel? Ist das Projekt eine Forschungseinrichtung und ist die geschenkte Summe als Spende für wissenschaftliche Zwecke zu betrachten?“

Wichtig ist Hadamovsky zu betonen, dass es ihm nicht um Steuervermeidung geht, wie sie globalisierte Großkonzerne betreiben. Für den Fall, dass es für ihn noch keinen Steuerparagrafen geben sollte, schlägt er „ganz unbürokratisch“ vor, zehn Prozent der Summe als Steuern zu überweisen. „Vielleicht könnte daraus ja ein neuer Trend entstehen“, so Hadamovsky, „in dem sich das bisherige Gesellschaftsspiel Wer kann am geschicktesten Steuern vermeiden? wandelt – hin zu einem: Seht her, das ist mein/unser Beitrag zu unserem Staat?“

Mit der neuen Phoenix in der dänischen Südsee segeln

Die alte Phoenix, eine Stahlacht, hat Ben Hadamovsky vor Kurzem verkauft. 2017 wird mit einer neuen Phoenix gesegelt, einer aus Kunststoff. Geworden ist es eine Najad 360 aus Schweden. Rumpflänge: 10,75 Meter, Breite: 3,40 Meter, Tiefgang: 1,75 Meter, Gewicht: 9 Tonnen, Baujahr 1987. „Durch ihre gelungene Form hat sie auch bei Welle ein angenehmes Seeverhalten“, so sagt es Hadamov­sky. Ausgestattet mit Rettungsinsel, GPS, digitalem Selektivruf, Funkbake, Radar, Autopilot und Heizung. Natürlich sind auch Schwimmwesten und Lifebelts an Bord. Unter Deck wird in einer abgetrennten Doppelkoje geschlafen sowie auf zwei Salonkojen. Der Skipper übernachtet in der separaten Achterkajüte. Es gibt fließend warmes Wasser, einen separaten ­Toilettenraum mit Waschbecken und zwei Duschen. Stauraum ist ausreichend vorhanden, nur Koffer haben auf dem Schiff nichts zu suchen. Von Flensburg oder Kiel geht es in „die dänische Südsee“. Mit ihren zahlreichen Inseln, geschützten Naturankerplätzen und malerischen Häfen sei sie eines der schönsten Segelreviere der Welt, findet Hadamovsky. Buchungsanfragen nimmt er über seine Internetseite  www.hadamovsky.de entgegen oder per Telefon: 01 60 / 92 54 93 54. Am 29. April 2017 geht es wieder los, Ende September ist Schluss. Die maximale Teilnehmerzahl liegt bei vier Personen, die Mindestdauer bei einer Woche (Samstag bis Samstag). Segelerfahrung ist nicht erforderlich. Allen, die sich nicht an Bord trauen, sei Hadamovskys Blog ans Herz gelegt: www.hadamovsky.de/blog js

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