Oberrot/Tübingen Däumling an der Somme

RICHARD FÄRBER 26.08.2014
Im Jahr 2006, 90 Jahre nach der Schlacht an der Somme, hat der aus Oberrot stammende Autor Kurt Oesterle das französische Dorf Thiepval besucht. Dort kämpfte und überlebte sein Großvater Friedrich Oesterle.

Kurt Oesterle hat seinem Großvater Friedrich Oesterle, wie auch seiner Großmutter und seinen Eltern, ein literarisches Denkmal geschaffen. Friedrich Oesterle erscheint und äußert sich, namenlos, in Oesterles Romandebüt "Der Fernsehgast", und, unter anderem Namen, im kürzlich erschienenen Roman "Der Wunschbruder".

Thematisch haben die Romane wenig miteinander zu tun. Dennoch gehören sie zusammen. Sie werden vereint durch die Protagonisten, Oesterles Familie, das Spiel mit der Erinnerung, das dörfliche Milieu - beide Romane sind auch Porträts der Gemeinde Oberrot.

Der Schreinermeister Friedrich Oesterle wird als bedächtiger und ausgleichender Kopf beschrieben, friedfertig, aber politisch wach: "er hetzte weder gegen Völker noch Personen und wurde (ein linker) Sozialdemokrat", schreibt Oesterle in der Reportage "Wo der Krieg zum Weltkrieg wurde", die er mittlerweile zu einem Vortrag mit dem Titel "Die Erbschaft der Gewalt. Mein Großvater als Soldat im Ersten Weltkrieg und was meinem Vater und mir daraus erwuchs" umgearbeitet hat.

2006 hat Kurt Oesterle Thiepval besucht, ein Dorf in der Picardie, das vor allem in Großbritannien ein Synonym für die Katastrophe des Ersten Weltkrieges und der Schlacht an der Somme geblieben ist. Englische und irische Einheiten starben zu Zehntausenden beim Versuch, die "Thiepval Ridge" einzunehmen, eine ausgeklügelte Festung, bestehend aus Bunkern, Gräben, Schutz- und Lagerräumen, Lazaretten und unterirdischen "Fortifikationen", die bis zu tausend Mann fassten.

Auch sein Großvater, der seit 1915 als Pionier am Krieg teilnahm, dürfte an dieser Festung mitgearbeitet haben, vermutet Oesterle. Konkrete Nachrichten über die Kriegserlebnisse des Großvaters sind allerdings rar. Friedrich Oesterle wählte eine "verkindlichte" Form, um vom Krieg zu berichten: Er formte Märchen, die er zuerst seinen Söhnen, später dem Enkel erzählte - als Däumlinge, die sein Ohr bewohnten, wurden die kleinen Zuhörer zu Akteuren eines Abenteuers.

Einen "Versuch" nennt Oesterle seinen Vortrag. Es ist der Versuch, individuelle Familiengeschichte in die heutige Erkenntnislage zum Ersten Weltkrieg einzubetten. Dass sein Großvater traumatisiert aus den Gräben zurückkam, steht außer Frage, Friedrich Oesterles Umgang mit seinen Kriegserfahrungen aber war wohl eher untypisch. Er sei seinen Traumata mit Vernunft begegnet, vermutet Oesterle, und diese Vernunft machte Friedrich Oesterle unempfänglich für die Heilsversprechungen der Nationalsozialisten.

Anders seine Söhne, die stramme Nazis wurden. Einer blieb im Krieg, der andere, Kurt Oesterles Vater, musste auf die denkbar schlimmste Weise lernen, dass er sich auf einem Irrweg befunden hatte. 18-jährig, erinnert sich Kurt Oesterle, habe ihn sein Vater für seine "Beichte" beiseite genommen, um ihn gegen politische Irrtümer zu impfen.

"Die Erbschaft der Gewalt" kann als Anhang zu "Der Wunschbruder" gelesen werden, als ergänzende Information. Gleichzeitig macht der Text deutlich, wie die Erfahrungen dieses ersten großen Krieges die folgenden Generationen bis heute geprägt haben. "Dieser Krieg", zitiert Oesterle einen französischen Veteranen, "hat uns für Generationen gezeichnet . . . all diese Schreckvisionen, die er rund um uns heraufbeschworen hat, dieses barbarische Mann-gegen-Mann, all diese flammenden Nächte, wir werden das eines Tages in den Augen unserer Söhne wiederfinden."

Info Der Vortrag "Die Erbschaft der Gewalt" kann auf www.kurt-oesterle.de/texte.php nachgelesen werden. In der Veranstaltungsreihe "Literatur live" ist Kurt Oesterle am Donnerstag, 12. Februar 2015, in Hall zu Gast. Ab 19.30 Uhr wird der gebürtige Oberroter in der Osianderschen Buchhandlung aus seinem Buch "Der Wunschbruder" lesen.