Ingelfingen / Guido Seyerle Im Jagsttal ist das „Fossil der Jahres 2019“ Encrinus liliiformis häufig als Versteinerung zu finden. Der gebürtige Schwäbisch Haller Dr. Hans Hagdorn gilt längst als international anerkannter Experte dieser Seelilie.

Wenn Wissenschaftler und Museumsleiter bekannter Einrichtungen den Weg ins kleine Ingelfingen finden, dann muss es einen besonderen Anlass geben: Vor Kurzem wurde im dortigen Muschelkalkmuseum das „Fossil des Jahres“ vorgestellt. Es trägt den wissenschaftlichen Namen Encrinus liliiformis, zu Deutsch Seelilie. Doch eine Pflanze ist sie nicht, sondern das Meerestier fängt die Planktonnahrung mit seinen Armen. Ja, sie fängt. Denn noch heute lebt Encrinus in den Tiefen des Meeres. Vor 240 Millionen Jahren hat sie sich in den Muschelkalkschichten versteinert, die unter anderem heute im Jagsttal bei Crailsheim abgebaut werden. Besonders interessant: Auf Wanderungen im Jagsttal kann man häufig zumindest Fragmente der Seelilien finden.

Die weltweit anerkannte Encrinus-Koryphäe Hans Hagdorn forscht seit Jahrzehnten und hat sich eine beachtliche Sammlung rund um die Seelilie in Ingelfingen aufgebaut. Es dauert nur wenige Sekunden, bis man dort in die Zeit des Trias und des Trochitenkalks eintaucht. Das lebensgroß nachgeformte Placodontier (Pflasterzahnechse) fasziniert nicht nur den Forschernachwuchs. Nur ein paar Meter davon entfernt fallen antiquarische Bücher auf. Oder wie Hans Hagdorn es formuliert: Altpapier. „Das habe ich einmal so gesagt.“ Seine Ehefrau Karin Hagdorn lächelt. „Es war nur im Spaß gemeint.“ Seit Jahrzehnten sammelt der Hobbyforscher alles an Literatur über die Seelilie, was er in die Finger bekommen kann. Günter Schweigert vom Museum für Naturkunde in Stuttgart erfüllt das mit Bewunderung. „Da kann unser Museum nicht mithalten“, sagt der Kurator mit dem alterszeitlichen Spezialgebiet Jura. „Er hat noch viele Antiquariate zu einer Zeit abgeklappert, als es dort noch wahre Schätze zu entdecken gab.“

Fossilien „Fossil des Jahres“ ist ein Meerestier

Zu dieser Sammlung gehört auch ein historischer Stich. „So hat man sich damals die Seelilie vorgestellt“, berichtet Karin Hagdorn. Ähnlich einer Palme streckt die Seelilie Blätter in den Himmel. Diese Vorstellung hat sich überholt. Seit fast 500 Jahren wird der „Lilienstein“ erforscht und hat die Literatur zu allerlei Deutungen angeregt. So habe der heilige Bonifatius, besorgt über die Geldgier unserer Vorfahren, alles Heidengeld zu Stein verwandelt. „Seither liegen in den Tresoren des Trochitenkalks die Bonifatiuspfennige“, erklärt Prof. Dr. Hans Kerp aus Münster/Westfalen. Er hatte bereits 1985 als Doktorand den Weg nach Ingelfingen gefunden. „Hier braucht man nur rauszugehen und man steht mitten in der Erdgeschichte“, ist der Forscher heute noch vom Jagsttal begeistert. Andererseits sieht er die Zeugnisse auch bedroht: „Wenn man sich nicht kümmert, wird es Schotter.“ Kerp hat bereits seine nächste Grabung im Blick. In Jordanien könnte er wie bei vorigen Besuchen innerhalb von einer Woche 500 Kilogramm zusammensammeln, die dann per Luftfracht nach Deutschland gelangen.

Fossile Schätze aus dem Muschelkalk im Werkforum in Dotternhausen. Norbert Wannenmacher aus Thanheim ist unter den Ausstellern.

„Mister Muschelkalk“ Hans Hagdorn kann fast alle Fundstellen bequem per Auto, teilweise sogar zu Fuß erreichen. „Und man kann sie in der Architektur und Kulturgeschichte entdecken“, sagt Hagdorn, der 1949 in Schwäbisch Hall geboren wurde. Der pensionierte Lehrer versteht es, in seiner Beschreibung der Seelilien auch Laien vieles zu vermitteln: „Sie sind aus dem Stamm der Stachelhäuter, verwandt mit den Seesternen und den Seeigeln. Als Stachelhäuter hatte Encrinus ein Innenskelett aus Tausenden von porösen Kalktäfelchen, die von Bindegewebe zusammengehalten wurden.“ Ein meterlanger Stiel verankerte das Tier auf Austernbänken am Boden des Muschelkalkmeers. Zu diesem – heute durch Bagger oder Erosion freigelegt – ist der damals junge Forscher gemeinsam mit seiner frisch angeheirateten Frau oftmals abgestiegen. „Einmal habe ich einen Forscherkollegen beobachtet, der mit seinem VW, Frau und Kindern ebenfalls zu Ausgrabungen an diese Stelle gekommen ist“, erinnert sich Karin Hagdorn. „Er hat mit dem Hammer angefangen, und seine Frau hat gestrickt. Da habe ich gedacht: Nie im Leben läuft das bei uns so!“ Doch es kam so. Und die Frau mit der prägnanten rotgerändertern Brille macht nicht den Eindruck, als ob sie unglücklich darüber wäre.

Ihre zwei gemeinsamen Kinder waren oft bei den Exkursionen rund um Crailsheim dabei. Dann erklärte ihnen ihr Vater unter anderem, dass in vielen nach den Weltkriegszerstörungen wieder aufgebauten Häusern genau die Muschelkalkblöcke verbaut wurden, in denen Encrinus liliiformis gefunden werden kann. „Sie ist bestens erforscht“, sagt der studierte Geograf und Germanist bei der Vorstellung des „Fossils der Jahres“. „Aber man hat noch nicht alles über sie geschrieben.“ Sein Forscherdrang ist ungebrochen. Sein Forschergen hat sich auch auf die beiden Kinder übertragen. Sein Sohn sammelte damals in den Steinbrüchen Schrauben, welche die schweren Maschinen verloren hatten. „Unsere Tochter hatte schon als Fünfjährige ein Auge für Fossilien“, erzählt ihre Mutter. Heute arbeitet der Sohn als Forscher in Edinburgh, die Tochter in einem Museum.

Das Muschelkalkmuseum in Ingelfingen wird von Experten als „zwar klein, aber sehr fein“ eingestuft. Auch für Laien nachvollziehbar sind an einem Zeitstrahl die unterschiedlichen Erdepochen abgebildet. Im Trias vor 240 Millionen Jahren hatten die Seelilien kaum Fressfeinde. Doch etwas anderes gefährdete sie: Mitteleuropa lag in den Subtropen, sommerliche Wirbelstürme wühlten den Boden des Trochitenkalkmeers auf. Das empfindliche Atmungssystem der See­lilien brach zusammen, sie wurden in den absinkenden Schlamm eingebettet und sind dadurch bis heute konserviert. Im Muschelkalkmuseum sind besonders schöne Exemplare davon ausgestellt.

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Info

Besondere Fossilien verdienen besondere Aufmerksamkeit. Die Paläontologische Gesellschaft zeichnet darum jedes Jahr ein besonderes Fossil mit dem Titel „Fossil des Jahres“ aus, heuer die „Encrinus liliiformis“. Zu sehen im Muschelkalkmuseum, Schloßstraße 3, Ingelfingen. Öffnungszeiten: sonntags von 10.30 Uhr bis 16 Uhr, mittwochs (vom 1. Mai bis zum 31. Oktober) von 15 bis 17 Uhr sowie samstags von 14 bis 16 Uhr.