Ich bin erst seit 14 Tagen dabei“, sagt Gisela Lay. „Bei mir ist das inzwischen so: Wenn es auf 19 Uhr zugeht, werde ich unruhig und sage zu meinem Bruder: Ich muss jetzt Singen gehen. Das ist mir ein richtiges Bedürfnis.“ Wie die 63-jährige Frau berichtet, ist der abendliche Treff auf der Ortsdurchfahrt in Geislingen das tägliche Highlight, auf das sie zufiebert. „Mir tut das gut. Das ist richtig, richtig schön.“

Auch heute Abend wird Gisela Lay wieder von ihrem Elternhaus in der Hinteren Gasse zur Ortsdurchfahrt gehen. Dort treffen sich um 19 Uhr zum inzwischen 43. Mal etliche Bürger. An den Häusern öffnen sich Fenster und Türen, Menschen schauen heraus oder treten vors Haus und nach kurzer Abstimmung wird gemeinsam gesungen und musiziert.

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Schwäbisch Hall

Die Sache ins Rollen gebracht hat Martina Neber. „Angefangen haben wir am 20. März“, berichtet sie auf Nachfrage. „Anstoß war der Aufruf der Evangelischen Landeskirche mit dem Hinweis, abends das Lied ,Der Mond ist aufgegangen’ zu singen, in Anlehnung an das Balkonsingen in Italien.“ Also verschickte Neber an ihre Kontakte in Geislingen per Whatsapp den Aufruf zum gemeinsamen Singen. „Ihr lieben Geislinger, lasst uns um 19 Uhr als Zeichen der Verbundenheit nach dem Abendläuten alle Strophen von ,Der Mond ist aufgegangen’ singen.“ Sie bat auch, die Nachricht an diejenigen im Ort weiterzugeben, die nicht über Whatsapp zu erreichen sind. Gespannt war Martina Neber – man kann sich’s denken – vor allem auf das erste Treffen. Wer wird wohl mitmachen?

Neber erinnert sich gut. „So setzte ich mich um 19 Uhr bei offenem Fenster ans Klavier und spielte. Seit dem 22. März öffnet Familie Neber ihre Haustüre.“ Weitere Mitglieder der Familie Neber brachten sich ein. Tochter Pauline spielt auf dem Waldhorn und Ehemann Manfred Neber auf der Tuba. „So ist es noch besser auf der Straße zu hören. Dem Singen folgten von Anfang an eine Nachbarin und Familie Danner, auch mit der Flöte.“

Nach und nach wurden es mehr. „Manche kommen aus dem Ort, die laufen her.“ Radler, die vorbeifahren, machen ebenso Halt wie der eine oder andere Autofahrer. Inzwischen komme auch ein unbekannter Mann im Auto, halte, steige aus und singe mit. „Seit Karfreitag haben wir noch mehr Bläser“, freut sich Neber, die sonst unterm Jahr den Kinderchor „Brückenkids“ des Liederkranzes leitet. Manchmal, wenn genügend Musiker dabei sind, werde vierstimmig gespielt. Inzwischen gibt es auch Percussion, einer kommt mit einer Cajon, einer Sitztrommel. Und ein vielleicht fünfjähriger Bub schlage ein Tambourin. „Inzwischen haben wir schon vier oder fünf Mal ein Geburtstagsständchen gesungen, den Kanon ,Viel Glück und viel Segen’,“ erzählt Neber weiter. Und an Ostern gab’s quasi ein Wunschkonzert. „Was singen wir jetzt noch?“, wurde gefragt, und es gab ein längeres gemeinsames Singen. Zum festen Ablauf gehört das Lied „Bleib bei mir Herr“. Nach zirka 15 bis 20 Minuten endet das Singen mit dem Lied „Ode an die Freude“.

„Mich rührt das an“

Für Gisela Lay wächst durch dieses gemeinsame Singen die Verbundenheit im Dorf. „Das ist schwer in Worte zu fassen“, sagt sie, und berichtet von der Freude am Singen, von dem Gemeinschaftsgefühl und der Stärke, die in ihr wächst, weil alle in diesen schweren Tagen zusammen stehen und etwas Schönes machen. „Das rührt mich jedes Mal richtig an“, sagt sie.

Wie lange die Truppe gemeinsam Abend für Abend singt? Martina Neber hat dazu keinen Plan: „Das hat ja mit den Kontaktsperren begonnen ... vielleicht singen wir ja auch im Sommer noch“, lässt sie offen.