Erneut gibt es in einem deutschen Schlachthof einen massiven Ausbruch von Coronavirus-Infektionen: Das Testergebnis von 92 Mitarbeitern eines Betriebs im niedersächsischen Dissen ist positiv. Die Kritik wächst. Dabei rücken weniger die Schlachthöfe, sondern vielmehr Werkverträge und Unterbringungsbedingungen in den Fokus – vor allem große Sammelunterkünfte haben sich zu Virusbrutstätten entwickelt. Kreisrat Hans-Joachim Feuchter (Grüne) fragt deshalb beim Landrat und der Kreisrat sowie Landtagsabgeordnete Stephen Brauer (FDP) hakt bei der Landesregierung nach. Wie stellt sich die Corona-Lage im Kreis Hall dar, wo es neben selbstschlachtenden Metzgern und Hausschlachtungen vor allem zwei große Schlachthöfe in Schwäbisch Hall und in Crailsheim gibt?

„Nach Auskunft der Schlachtbetriebe sind derzeit keine Corona-Infektionen bei Mitarbeitern bekannt“, teilt Steffen Baumgartner mit. Er leitet den Stab Landrat und Kommunalaufsicht im Landratsamt, das in diesen Schlachthöfen für die Schlachttier- und Fleischuntersuchung sowie die Hygieneüberwachung zuständig ist. Beim Infektionsschutz gilt die Corona-Verordnung des Landes Baden-Württemberg, die vom Gesundheitsamt fachlich und von den Städten und Gemeinden rechtlich umgesetzt wird. Was die Teststrategie des Landes angeht, so sind Corona-Tests bei symptomlosen Personen in den Schlachtbetrieben routinemäßig nicht vorgesehen. Bei Symptomen muss mit einem Arzt ein Test besprochen und veranlasst werden. Gibt es positive Ergebnisse, ist das Gesundheitsamt gefordert.

Crailsheim

Das Regierungspräsidium Stuttgart ist für die Schlachthöfe zuständig

Bei beiden Betrieben ist auch das Regierungspräsidium Stuttgart zuständig, schreibt Baumgartner. Die Behörde übernimmt Aufgaben der Gewerbeaufsicht und überwacht den Arbeitsschutz innerhalb des Betriebsgeländes. Der Schlachthof der Firma Vion in Crailsheim hat rund 650 Mitarbeiter (siehe Kasten). Der Schlachthof der Bäuerlichen Erzeugergemeinschaft Hall beschäftigt rund 265 Mitarbeiter, sowohl eigene Mitarbeiter als auch Mitarbeiter von Dienstleistern. Dort gibt es drei deutsche Dienstleister, deren Mitarbeiter vorwiegend aus Osteuropa kommen.

60 Werkverträge bei der Bäuerlichen Erzeugergemeinschaft Schwäbisch Hall

Christian Bühler gibt auf Nachfrage dieser Zeitung Infos zum Erzeugerschlachthof. „Das Problem beginnt dann, wenn Werkverträge dafür genutzt werden, um Kosten zu sparen“, macht der Vorstandsvorsitzende der Bäuerlichen Erzeugergemeinschaft Schwäbisch Hall AG deutlich. Betroffen seien vor allem Sammelunterkünfte von Großschlachtungen mit einer undurchsichtigen  Dienstleisterstruktur samt vielen Subunternehmern bis hin zu Anonymität und fehlender Kontrollierbarkeit. „Die Struktur beim Erzeugerschlachthof ist eine ganz andere“, sagt Bühler. Er nennt drei Quarantäne-Fälle, die es gegeben habe, aber keinen Covid-19-Fall.  Den Erzeugerschlachthof Schwäbisch Hall bezeichnet er als klassischen mittelständischen Betrieb, der wie „eine große Metzgerei arbeitet, die das Tier von Anfang bis Ende komplett verarbeitet“.

Gaststätten im Kreis Hall Ein bisschen Normalität kehrt zurück

Satteldorf/Stimpfach

Bühler erläutert Dienstleisterstruktur und Unterbringung. Den Mitarbeiterstamm bezeichnet er als bunte Mischung aus Osteuropa. Arbeitsverhältnisse bestünden zum größten Teil über zehn Jahre. Die Löhne würden deutlich über Mindestlohn liegen. Insgesamt haben rund 60 Mitarbeiter Werkverträge, die sich mit jeweils 20 Mitarbeitern auf drei Dienstleister verteilen. Die sogenannten Kopfschlächter „sind gestandene Hohenloher“, die pro Schwein und Rind bezahlt werden.

„Astrohauben“ im Einsatz

Die anderen Mitarbeiter zerlegen Schweine und Rinder, leben jeweils zu zehnt in Fünfer-Wohngruppen an zwei Standorten in Hall und an einem Standort in Wolpertshausen. „In der Regel haben alle Einzelzimmer. Wir machen uns monatlich ein Bild vor Ort und helfen auch bei kleinen Reparaturen. Es ist wichtig, die Mitarbeiter zu integrieren. Wir haben keine Mitarbeiter zweiter Klasse“, erläutert Bühler. Die restlichen zehn Arbeiter verteilen sich auf privat angemietete Wohnungen im Kreis.

„Das Regierungspräsidium hat mit den Betrieben Kontakt aufgenommen und überprüft die zum Schutz der Beschäftigten vor einer möglichen Infektion mit SARS-CoV-2 ergriffenen betrieblichen Maßnahmen“, informiert Baumgartner. Im Erzeugerschlachthof gibt es deshalb Veränderungen: Es wird unter anderem zeitversetzt gearbeitet, Kreuzungswege wurden beseitigt. Die gravierendste Veränderung sieht Bühler in der Abstandsregel. Überall dort, wo die eineinhalb Meter nicht eingehalten werden können, müssen die Mitarbeiter sogenannte „Astrohauben“ tragen, die zusätzlich den Hals bedecken und einen integrierten Mund-Nasen-Schutz haben.

Zahl


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Rund 650 Mitarbeiter in Crailsheim


Der Vion-Schlachthof hat insgesamt knapp 650 Mitarbeiter, teilt die Firma mit. Es handelt sich dabei sowohl um eigene Beschäftigte als auch um Mitarbeiter, die durch drei deutsche Dienstleister zur Verfügung gestellt werden, so das Landratsamt. Die Mitarbeiter der Dienstleister stammen überwiegend aus Osteuropa.
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