Die Zahl der Neuinfektionen nimmt ab. Doch zuvor waren acht Wochen am Stück nahezu durchzuarbeiten. Die Leiterin des Haller Gesundheitsamts betont den hohen Respekt, den sie vor ihren Mitarbeitern hat. Es war die Hotline des Gesundheitsamtes zu besetzen, außerdem mussten die Mitarbeiter die Kontakte der Menschen nachverfolgen, die sich mit Corona infiziert hatten. Das waren täglich zwischen 40 und 58 Infizierte, von denen jeder bis zu 30 persönliche Kontakte angegeben hatte. Um das zu leisten, musste das Personal von 28 auf 100 Mitarbeiter aufgestockt werden.

Frau Welisch, wenn Sie an Corona denken – was beruhigt Sie?

Dr. Pascale Welisch: Was mich beruhigt, ist tatsächlich die Situation in den Krankenhäusern. Die Lage hat sich wesentlich entspannt. Es sind wieder mehr Kapazitäten da für den Fall, dass es zu einer zweiten Corona-Welle käme.

Michelfeld

Und was beunruhigt Sie?

Mich beunruhigen die deutlichen Forderungen nach mehr Lockerung und die Geschwindigkeit, mit der die Erwartungen aufeinanderfolgen. Wir bekommen ständig neue Lockerungen, können aber noch gar nicht absehen, was die Lockerung davor für Auswirkungen hatte. Ich bin mir einfach noch nicht sicher, ob wir das Schlimmste schon überstanden haben.

Reproduktionsrate, Verdoppelungszeit, Anzahl Erkrankter, Anzahl Infizierter, Tote – an welchen Größen orientieren Sie sich mehr, an welchen weniger?

Für mich ist die Reproduktionsrate schon sehr wichtig. Klar ist, sie muss immer wieder neu berechnet werden. Wenn wir wollen, dass die Infektionen zurückgehen, muss diese Zahl einfach unter eins sein. Jeder, der infiziert ist, sollte nicht einen, sondern möglichst weniger als einen anderen Menschen anstecken, sonst kommen wir da nicht runter. Die absolute Zahl der täglichen Neuinfektionen ist für mich auf der lokalen Ebene eine Größe von hoher Bedeutung. Und damit einhergehend die Zahl der Personen, mit denen die Infizierten Kontakt hatten. Daraus ergibt sich der Spielraum, wie es weitergehen könnte.

Im Landkreis gibt es mehr infizierte Menschen als in vielen anderen. Wie lässt sich das erklären?

Ganz klar festmachen lässt sich das nicht. Was die Erkrankungszahlen im Landkreis Hall angeht, sind wir tatsächlich im oberen Drittel, aber nicht an der Spitze. Wir sind eben ganz nah am Hohenlohekreis – und der ist im Verhältnis zur Einwohnerzahl tatsächlich an der Spitze. An der Landkreis-Grenze gab es natürlich Überschneidungen. Dort waren unsere Fallzahlen anfangs am höchsten. Es gab ein paar Einzelveranstaltungen wie einen Babybasar oder ein Kirchenkonzert, bei denen es wohl viele Ansteckungen gab. Wir wissen inzwischen, dass das Konzert am 1. März von Reiserückkehrern aus Südtirol besucht wurde. Die haben das Virus mitgebracht. Aber vollkommen schlüssig lässt sich nicht erklären, warum wir ein Landkreis mit relativ vielen Infektionen sind.

Müssen Risikopersonen im Landkreis noch besser geschützt werden?

Risikopersonen sind zum einen die chronisch kranken Menschen, zum anderen die alten Menschen. Soweit diese in Einrichtungen betreut beziehungsweise behandelt werden, sind sie zum aktuellen Zeitpunkt gut geschützt.

Aber Alter ist doch keine Krankheit.

Alter ist keine Krankheit, aber ein Risiko. Die Organe beim älteren Menschen sind mit dem Menschen alt geworden und deshalb anfälliger. Das ist wie bei der krankhaften Verhärtung der Blutgefäße, der Arteriosklerose. Ein junger Mensch hat das nicht. Das hängt auch mit Ernährung und Bewegung zusammen. Wir sehen den Zusammenhang mit dem Alter auch an den Todeszahlen. Wir hatten im Landkreis keinen Toten unter 60 Jahren. Zwischen 60 und 70 Jahren sind drei Menschen verstorben. Die meisten anderen Toten waren 75 plus. Davon haben höchstens zehn in Pflegeheimen gelebt. Alt sein ist einfach ein Risiko.

Ziemlich Sorgen mache ich mir, dass die alten Menschen in Pflegeheimen leiden müssen. Sie können nicht raus und haben keinen Besuch. Sie begegnen nur noch den Pflegekräften – und die tragen Mundschutz.

Hemmen Masken die Ausbreitung oder dienen sie nur der Beruhigung?

Wenn die Masken richtig angebracht sind, bringen sie auf jeden Fall etwas. Vor allem dort, wo die Abstandsregeln nicht eingehalten werden können. Es müssen aber Mund und Nase bedeckt sein. Masken fangen ein, was unmittelbar beim Sprechen oder mit der Atemluft rausgeht. Eine Maske ist auf jeden Fall besser als nichts.

Welches ist für Sie die wichtigste Informationsquelle?

Das Wesentliche für uns im öffentlichen Gesundheitsdienst sind die Informationen vom Robert-Koch-Institut. Die werden auch regelmäßig aktualisiert. Inzwischen gibt es auch einige persönliche Kontakte. So habe ich keine Hemmungen, im Konsiliarlabor der Charité anzurufen und nach den neuesten Erkenntnissen zu fragen.

Die Nachrichten, Erkenntnisse und Einschätzungen zu Corona sind mitunter widersprüchlich. Haben Sie immer völlige Klarheit vor Augen?

Nein. Wir haben nicht immer völlige Klarheit vor Augen. Manchmal zweifeln wir auch die Tests an – dann, wenn zum Beispiel eine klassische Symptomatik besteht und der Mensch gesicherten Kontakt zu einem nachgewiesenen Erkrankten hatte und wir dennoch einen negativen Abstrich erhalten. Dafür gibt es unterschiedliche Erklärungen. Inzwischen haben wir die Erfahrung und wissen, dass es die absolute Sicherheit nicht gibt. Wenn die Mutter und der Vater nachweislich infiziert und krank sind und die Kinder haben die gleichen Krankheitssymptome, gehen wir ohne Test davon aus, dass auch die Kinder infiziert sind. Das ist eine klinische Diagnose ohne Abstrich. Das ist auch der Grund, warum unsere Zahlen mit denen des Landesgesundheitsamts differieren. Wir haben rund 200 dieser klinischen Diagnosen.

Gibt es eigentlich die normale Grippe auch noch?

Die ist rapide zurückgegangen mit Corona. Das ist ganz erstaunlich. Eigentlich waren wir mitten in einer Grippewelle. Mit dem schlagartigen Anstieg von Corona ist die Grippe zurückgegangen.

Boris Palmer, Tübingens Oberbürgermeister, hat eine provokante Behauptung aufgestellt: Durch den Shutdown würde man Leben von Menschen retten, die in ein paar Wochen oder Monaten ohnehin sterben würden. Empört Sie diese Aussage?

So eine Aussage sollte man nicht treffen.

Zweifache Fachärztin und Schreinerin


Dr. Pascale Welisch wurde vor 55 Jahren in Karlsruhe geboren. Parallel zu ihrem Abitur absolvierte sie in Wald im Hohenzollerischen eine Ausbildung zur Schreinerin. Medizin studierte sie später in Freiburg. Pascale Welisch ist Fachärztin für Radiologie und öffentliches Gesundheitswesen. Seit Oktober 2018 leitet sie das Gesundheitsamt Schwäbisch Hall. Die Ärztin lebt in Pfedelbach.