Wer Kinder im Schulalter daheim hat, die auch noch Buskinder sind, weiß, dass das mit dem morgendlichen Aufstehen nicht immer so klappt, wie man sich das wünscht. Da können 20 Minuten mehr Zeit einen großen Unterschied machen. Das wissen auch Anke und Michael Maier aus Gunzach in der Gemeinde Fichtenau. Tochter Wibke besucht die zweite Klasse der Christoph-von-Pfeil-Schule in Unterdeufstetten. „Die braucht eine Stunde, bis sie in die Gänge kommt“, sagt Anke Maier.

Der Unterricht beginnt um 7.35 Uhr, aber der Bus in Gunzach geht schon um 6.42 Uhr. Die Fahrt dauert 45 Minuten, obwohl die Grundschule lediglich fünf Kilometer entfernt ist. Früher gab es einen Schulbus, der fuhr um kurz nach 7 Uhr, aber der musste im Ort wenden – und genau da liegt das Problem.

Nachmittags kann der Busfahrer rückwärts fahren

Als Anke Maier ihre Tochter zur Schule anmeldete, erkundigte sie sich, wie denn das mit dem Bus sei. Antwort einer Nachbarin: „Nicht einfach.“ Aber dass es so kompliziert werden würde, hätte Anke Maier nie für möglich gehalten. Bei der Einschulung hieß es dann, dass der spätere Bus schon länger nicht mehr durch Gunzach fahren würde.

Warum, weshalb, wieso? Anke Maier fragt bei der Kreisverkehr Schwäbisch Hall GmbH nach. Es ergeht zunächst der Hinweis, dass die bestehende Verbindung für die Tochter laut Landkreis „zumutbar“ sei. Und dann wird das Problem benannt: „Das Wenden in Gunzach ist nach Angaben des Betreibers schon immer gefährlich und eigentlich unzulässig. Aus versicherungsrechtlichen Gründen ist es für die Verkehrsunternehmen immer schwieriger, Ausnahmen zu machen“, lautet die Antwort. Aber weil tagsüber die Sichtverhältnisse, vor allem in den Wintermonaten, deutlich besser seien als morgens, hat man „derzeit die Regelung am Nachmittag noch beibehalten“. Mit anderen Worten: Nachmittags darf in Gunzach weiter rückwärts gefahren werden.

Der Bus fährt um 7.09 Uhr ... in Krettenbach

„Das ist so ein Witz“, sagt Michael Maier. „Früher hat der Bus immer gewendet. Früher hat das niemanden gejuckt.“ Seine Frau findet: „Wenn ein Busfahrer nicht rückwärtsfahren kann, darf er nicht Bus fahren, denn er kann ja jederzeit in so eine Situation kommen.“

Anke Maier löst das Problem momentan so: Sie bringt ihre Tochter in den Nachbarort Krettenbach, der Schulbus dort, der Gunzach auslässt, geht um 7.09 Uhr. Doch die Sache hat einen Haken: Sie muss es mit dem Auto erledigen, denn auf dem Kilometer zwischen Gunzach und Krettenbach gibt es keinen Gehweg, keine Straßenbeleuchtung, und es sind einige Lkw unterwegs. Gefährlich. Erschwerend kommt hinzu, dass man bei der Bushaltestelle in Krettenbach nur im Kreuzungsbereich parken kann.

„Wer denkt eigentlich an die Eltern, die kein Auto haben beziehungsweise nur ein Auto, welches ein Elternteil für die Sicherung des Lebensunterhaltes benötigt?“, fragt sich Anke Maier in ihrem Schreiben zum „Schulbusproblem in Gunzach“. Im Anhang eine Liste mit Unterschriften von Gunzachern, die sich eine bessere Busverbindung wünschen.

„Wir müssen es ausbaden“

Wen hat sie neben dem Kreisverkehr nicht alles kontaktiert: Bundespolitiker, Landespolitiker, das Ministerium für Ländlichen Raum, das Verkehrsministerium, das Kultusministerium, den Landrat, den Bürgerbeauftragten des Landes. Sogar Fernsehen und Radio haben bereits über den Fall berichtet. Aber getan hat sich bisher nichts. „Wir haben uns wirklich bemüht“, sagt Anke Maier, und dann: „Komisch, was manchmal geht und was nicht. Ich komme mir verarscht vor.“

Nachfrage beim Fichtenauer Busunternehmer Jochen Kümmerle, der die Strecke im Auftrag vom Haller Omnibusunternehmen Friedrich Müller fährt. Kümmerle fühlt sich am Ende der Kette: „Wir müssen es ausbaden.“ Das Wenden in Gunzach morgens sei einfach zu gefährlich, die Ausleuchtung sei schlecht. Er tut sich schwer damit, was von ihm und seinen Fahrern verlangt werde. „Das ist eine Ordnungswidrigkeit“, betont Kümmerle, „die anderen sollen einfach die Haftung übernehmen.“

Die Lösung heißt Wendeplatte

Bereits vor Jahren sei er beim Fichtenauer Bürgermeister Martin Piott, dem Vorgänger von Anja Schmidt-Wagemann vorstellig ­geworden und hätte den Wunsch nach einer Wendeplatte zwischen Gunzach und Wildenstein vorgebracht, sagt Kümmerle. Diese ­Lösung schlägt auch der Kreisverkehr vor. „Die Firma Müller wäre bereit, den Kurs 208 mit Abfahrt um 7.01 Uhr ab Großenhub ­zukünftig über Gunzach zu führen, wenn dort eine geeignete Wendemöglichkeit für den Bus ­geschaffen wird“, heißt es in ­dem Antwortschreiben an Anke ­Maier.

Das Landratsamt Schwäbisch Hall verweist auf Nachfrage unserer Zeitung auf die Zuständigkeit der Gemeinde Fichtenau und teilt mit, „dass Lösungsmöglichkeiten aufgezeigt wurden, die nach unseren Informationen bisher wegen Personalengpässen und aus haushaltsrechtlichen Gründen noch nicht umgesetzt werden konnten“.

„Das tut mir selber richtig leid“, sagt Fichtenaus Bürgermeisterin Anja Schmidt-Wagemann. „Im Prinzip haben wir uns fünfmal im Kreis gedreht und sind nicht weitergekommen.“ Kürzlich stellte sich heraus, dass die angedachte Wendeplatte an der Autobahnbrücke zwischen Gunzach und Wildenstein wesentlich teurer käme als gedacht: 50.000 Euro – Geld, das die Gemeinde gerade nicht hat.

Der Löwenanteil der 50.000 Euro wäre für die Leitplanken bei der Brücke, denn die müssten umgerüstet werden, es gibt da eine neue Verordnung. Und so ließe sich das Projekt „nicht so schnell umsetzen“, betont Schmidt-Wagemann. Es gibt andere Stimmen, die sagen: Wenn die Gemeinde fast 600.000 Euro für einen Radweg von Wildenstein nach Matzenbach ausgeben kann, dann kann sie auch die Wendeplatte für 50.000 Euro umsetzen.

Verwirrung wird noch größer

Schmidt-Wagemann sucht nach anderen Möglichkeiten. Sie denkt in Richtung Kleinbus oder Bürgerbus, „bis wir eine andere Lösung haben“. Generell hält sie den Busfahrplan in der Gemeinde für optimierungsbedürftig, sagt sie noch. Ihre Hoffnung setzt die Bürgermeisterin auf eine andere geeignete Wendemöglichkeit, keine Wendeplatte. Zwischen Gunzach und Wildenstein gibt es zwei Feldwege, die eine L-Form bilden. Dort würden bereits Lkw drehen. Vielleicht fahre der Bus da rückwärts, so Schmidt-Wagemann, wenn man das Ganze breiter gestalten und entsprechende Warnschilder aufstellen würde.

„Dabei könnte alles so einfach sein“, findet Anke Maier. Doch ihre Verwirrung ist noch größer, als sie in Crailsheim aus der Sprechstunde mit dem ersten Landesbeamten Michael Knaus kommt. Der habe ihr bedeutet, so sagt es Maier, dass es sich bei der Bushaltestelle um „keine Gefahrenstelle“ handele, sie müsse „auf den guten Willen des Busfahrers hoffen“. Knaus habe ihr auch sig­nalisiert, dass eventuell eine Entschädigung für gefahrene Kilometer zur nächsten Bushaltestelle in Krettenbach infrage kämen. Sie solle doch einen Antrag auf Fahrtkostenerstattung stellen. Als sie den zuständigen Landratsamt-­Mitarbeiter damit konfrontiert, soll der ihr gesagt haben, dass es das Geld für die eineinhalb Jahre natürlich nicht rückwirkend gebe.

Warum sich Anke Maier überhaupt so dahinterklemmt, lässt sich nur damit erklären, dass sie vor dem selben Problem steht, wenn ihr Sohn Lukas einmal in die Schule kommt. Bis es eine Lösung gibt, fährt Anke Maier ihre Tochter weiter mit dem Auto zum Bus nach Krettenbach. Die Nachbarin der Maiers fährt ihre Tochter gleich zur Schule. Und der Busfahrer? Dreht derzeit sogar morgens in Gunzach, weil die Lange Straße in Wildenstein ­wegen einer Baustelle gesperrt ist, im September war das auch schon so.