Zeit heilt Wunden.“ Diese drei Worte mögen für viele Menschen ein Lebensmotto sein. Für die meisten, die am Mittwochabend an der Gedenkfeier zur Sturzflut in Braunsbach teilnehmen, trifft dies nicht zu. Sie wollen die Erinnerung an die schrecklichen Stunden wachhalten – aus unterschiedlichen Gründen.

Um kurz nach 20 Uhr läuten die Glocken. Die rund 150 Besucher auf dem Braunsbacher Marktplatz kommen langsam zur Ruhe. Die vier Redner positionieren sich direkt neben dem Maibaum. Auch sie haben jene dramatischen Stunden in ganz unterschiedlicher Art und Weise erlebt. „Hier wären wir nicht gestanden, sondern im Kocher gelegen“, gibt Bürgermeister Frank Harsch ein eindringliches Detail preis. Beim Blick in die Gesichter erkennt man manch Frösteln und Bangen. Unweigerlich kommen einem die Videos von Fahrzeugen und dem Feuerwehrauto in Erinnerung, die von der Flut mitgerissen wurden. „Diese Gedenkfeier wird es hoffentlich noch lange geben, denn es ist unfassbar, dass niemand ums Leben gekommen ist“, sagt Harsch. „Wenn wir danach noch auf den Friedhof hätten gehen müssen, dann hätte uns das niedergeschmettert.“

Das Gemeindeoberhaupt hält kurz inne. „Bei Toten hätten wir anders reagieren müssen.“ Die materiellen Schäden seien oder würden ausgeglichen. „Am Ende des Tages wird alles gut werden“, hofft Harsch.

Braunsbach

Der stellvertretende Landrat Michael Knaus beobachtete im Hoffenheimer Stadion ein Fußballspiel, während sich die Sturzflut in Braunsbach anbahnte. „Ich stand in Kontakt mit der Leitstelle, da wir eine Pressemitteilung über den Starkregen herausgeben wollten“, berichtet Knaus. Als er die Live-Online-Videos aus der Region sah, dachte er: „Das ist nicht Braunsbach!“

Die Hilfskräfte kamen nicht mehr in die Kochertalgemeinde hinein. „Ich habe eine Stunde lang gebetet“, erzählt Knaus. Er sei froh, dass man in jedem Jahr gedenken könne, dass niemand zu Tode gekommen ist. Das Land Baden-Württemberg habe inzwischen 34 Millionen für den Wiederaufbau ausgegeben. „So unbürokratische Hilfe habe ich in den 30 Jahren meiner beruflichen Tätigkeit nicht erlebt. Ich bin dankbar für das Wunder von Braunsbach!“

Das Markus-Evangelium zieht der katholische Pfarrer Werner Funk als Basis für seine Kurzpredigt heran: „Wie kann man die Furcht vor Wasser und Regen bewältigten? Dieses Ausmaß hätte niemand für möglich gehalten.“ Doch mit Gottvertrauen und Selbstvertrauen habe man in die Zukunft geblickt. Braunsbach habe ein ganz besonderes Drangsal erlebt, daran sollte man die Erinnerung wach halten. Sein evangelischer Kollege Friedrich Vogt erinnert sich: „Manch einer hatte Existenzängte.“ Er selbst blieb im Pfarrhaus in Döttingen weitgehend vom Unglück verschont: „Für mich war nach der Flut vor der Flut. Für viele aber nicht.“ Es sei wichtig, dass sich die Nichtbetroffenen solidarisch verhielten. Seiner Ansicht nach könne die Gedenkfeier sogar noch öfter stattfinden: „Dann würde man erinnert, das ganze Jahr über solidarisch zu sein.“

Für den damaligen Kreisbrandmeister Jürgen Mors hat sich die Situation eingeprägt, dass zehn Menschen als vermisst galten. Viel kleinere Ereignisse würden meist viele Verletzte oder sogar Tote nach sich ziehen. Dass sich dies nicht bestätigt habe, dafür müsse man sehr dankbar sein. Die ersten drei Wochen nach dem Unglück habe der Führungsstab 14 Stunden pro Tag gearbeitet. „Heute denkt niemand mehr an die Arbeit, da ist viel Routine dabei“, sagt Mors. 48.000 Tonnen Schutt seien seitdem abgefahren worden.

Feuerwehrmann Steffen Schumacher schätzt, dass damals 3800 Stunden von der Braunsbacher Wehr ehrenamtlich geleistet wurden. Genauso wie die Umstehenden hofft er, dass es die Gedenkfeier weiterhin geben wird. „Die Flut hat die Freundschaft der Wehren untereinander verstärkt. Der Zusammenhalt funktioniert.“

Das könnte dich auch interessieren: