Muswiese Boris Palmer lässt den Dibbel bohren

„Hochwertiger Ersatz“ für den Ministerpräsidenten: der Tübinger Oberbürgermeister Boris Palmer
„Hochwertiger Ersatz“ für den Ministerpräsidenten: der Tübinger Oberbürgermeister Boris Palmer © Foto: Erwin Zoll
Rot am See / Erwin Zoll 11.10.2018
Bei der Mittelstandskundgebung hat sich der Tübinger Oberbürgermeister Boris Palmer als bierzelttauglich erwiesen. Im Handumdrehen hat er die Zuhörer auf seiner Seite.

Wer geglaubt hatte, Boris Palmer sei es leid, immer wieder mit seinem Vater, dem berühmt-berüchtigten Remstal-Rebellen Helmut Palmer, in Verbindung gebracht zu werden, sah sich getäuscht. Schon zu Beginn seiner Rede weckte der 46-jährige Kommunalpolitiker zum größten Vergnügen der Zuhörer die Erinnerung an seinen Senior, der Beamte als „Sesselfurzer“, „Taugenichtse“ oder „Allmachtsbachl“ bezeichnet habe.

Mehr noch: Helmut Palmer war während der Rede seines Sohnes allgegenwärtig, denn immer wieder rief dieser eine Redewendung seines Vaters auf: „Dem g’hört doch der Dibbel bohrt!“ Das soll ungefähr so viel heißen wie: Einer Person solle der Schädel geöffnet werden, damit Dummheit oder Arroganz oder was auch immer entweichen könnten. Die Hohenloher Zuhörer sprachen diese schwäbische Aufforderung teils begeistert mit.

Den Dibbelbohrer will Palmer zum Beispiel in der Flüchtlingspolitik anwenden. Er erzählte von einem Gastwirt, der aus Personalnot eine aus dem Kosovo geflüchtete Frau beschäftigt habe. Diese Frau sei nach einem Jahr abgeschoben worden. Dem setzte Palmer den Fall des Ali. B. entgegen, des mutmaßlichen Mörders des Mädchens Susanna. Der hatte sich mit Erfolg gegen seine Abschiebung gewehrt. „Wer die Anständigen abschiebt und die Verbrecher behält, dem gehört der Dibbel gebohrt“, sagte Palmer.

Palmers Rezept für die Migrationspolitik heißt „doppelter Spurwechsel“: Einerseits sollten Asylbewerber, „die sich anständig verhalten, die die deutsche Sprache lernen und niemandem zur Last fallen“, auch dann bleiben können, wenn ihr Asylantrag abgelehnt werde. Andererseits sollen Asylbewerber, „die Ärger machen“, in einer „geschlossenen Einrichtung“ auf eine Entscheidung über ihren Antrag warten müssen. „Solche Leute können wir nicht frei in unseren Städten rumlaufen lassen. Das beschädigt das Asylrecht und seine Akzeptanz in der Bevölkerung“, betont Palmer. Wer die AfD klein halten wolle, müsse Lösungen für die Probleme anbieten.

Bei seinem Einzug in die bis auf den letzten Platz besetzte Reithalle war der Grünen-Politiker, der in seiner Partei oft auf heftigen Widerspruch stößt, begeistert empfangen worden. Besucher schüttelten im Gang zwischen den Tischen seine Hand, andere applaudierten anhaltend. Bürgermeister Siegfried Gröner bescheinigte dem Ehrengast, er spreche Dinge an, die andere nicht hören wollten, „zum Beispiel in seiner eigenen Partei“.

Gröner bezeichnete Palmer, der eingeladen worden war, nachdem Ministerpräsident Winfried Kretschmann zum zweiten Mal seine Zusage zurückgezogen hatte, als „hochwertigen Ersatz“. Dass Gröner von Kretschmanns Verhalten wenig begeistert ist, war erkennbar, obwohl er sagte, er habe „ein wenig Verständnis dafür“. „Im nächsten Jahr werden wir keine Absage mehr erhalten, denn wir laden die Politiker immer nur zweimal ein“, sagte Gröner unter dem Beifall der Zuhörer. Ein wenig Trost erfuhr Gröner von Boris Palmer, der dazu bemerkte: „Es ist egal, ob der Bürgermeister ein Gröner ist oder ein Grüner, Kretschmann hätte in beiden Fällen abgesagt.“

Zu Beginn der Kundgebung hatte Günther Hieber, Präsident des baden-württembergischen „Bunds der Selbständigen“ (BDS), auf Probleme des Mittelstands aufmerksam gemacht, zum Beispiel auf die Schwierigkeiten, die die Datenschutzgrundverordnung den Betrieben bereite. Darius Kowalik, Vorsitzender des BDS Rot am See überreichte Palmer einen Fahrradrucksack – dann schlug noch einmal Palmers Stunde: Er verkaufte und signierte sein Buch „Wir können nicht allen helfen“, das ihm die Besucher förmlich aus den Händen rissen.

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