Auf die Idee mit den Birken bin ich beim Osterspaziergang im Gemeindewald gekommen. Denn so eine Tradition zum 1. Mai ausfallen zu lassen, das gibt‘s bei uns nicht“, sagt Bauhofleiter Elmar Klaus. Er habe einige Birken entdeckt, die sowieso geschlagen werden müssten, um wertvolleren Bäumen Platz zu machen. Warum also nicht die Birken an Familien in der Gemeinde verschenken, damit sie ihn schmücken und am Haus aufstellen. Bürgermeister Thomas Botschek war begeistert: „Es wäre schade, wenn wir wegen Corona den Mai nicht begrüßen könnten.“ Im Amtsblatt und auf der Gemeindehomepage veröffentlichte er die Aktion, worauf sich 15 Bürger meldeten. „Etliche Familien zum Beispiel aus Mangoldshausen und aus Imberg haben die Idee aufgenommen und stellen jetzt eine Birke aus ihrem eigenen Wald auf“, freut sich Botschek.

Mit Bulldog und Hänger fahren Elmar Klaus und sein Kollege Uwe Wallisch am Vormittag des 30. Aprils in den Gemeindewald, um die hellgrünen Birken abzusägen. Zwischen acht bis zehn Meter hoch sind die 17 Bäume. Es bleiben noch genug unangetastet stehen. Nachmittags wird verteilt. „Uwe, zuerst fahren wir zum Joe Kohnle und zum Rolf Funk“, ruft Klaus seinem Mitarbeiter zu, der den Traktor samt Anhänger und der weit überstehenden Fracht durch die engen, kurvigen Bühlerzeller Siedlungsstraßen fährt.

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Eine Birke fürs Kinderhaus

Familie Kohnle steht schon am Fenster und schaut zu, wie die Gemeindemitarbeiter eine stattliche Birke vor der Garage ablegen. „Wenn deine größer ist, hol ich die Säge“, scherzt Nachbar Rolf Funk, der als nächster mit einem Baum erhält. Und wohin kommt das grüne Prachtstück? „Wahrscheinlich hinters Haus, damit man ihn vom Roßberg aus sieht“, meint Funk. Er erinnert sich daran, dass er seiner späteren Frau auch einmal eine Birke auf den Balkon stellte. „Früh am Morgen war das und der Balkon war ziemlich hoch.“

Weiter geht es mit dem restlichen Grünzeug zu einem Mann, den in Bühlerzell jeder unter dem Namen „Busche“ kennt: Peter Riek. Er organisiert sonst mit rund 40 Mann das Maibaumstellen auf dem Fischerplatz. Gleich dreht sich das Gespräch zwischen ihm und Klaus um frühere Mammutexemplare, mit denen man manchen Wettbewerb gewonnen hat. „Die Bühlerzeller Maibäume sind schon immer besonders groß“, unterstreicht Riek. Für die Birke hat er eine Ecke seines Hanggrundstück vorgesehen: „Damit sie jeder sieht.“ Auch das Kinderhaus bekommt einen Birke. Die Erzieherinnen wollen sie am Montag gemeinsam mit einigen Kindern aus der Notbetreuung schmücken und dann mit Hilfe von Hausmeister Uwe Schulz aufstellen.

Eine Birke saugt was weg

Die größte Birke mit gut zehn Metern kommt vors Rathaus. „Das hält der Laternenpfahl schon aus“, ist Bürgermeister Thomas Botschek zuversichtlich, als Klaus und Wallisch den Stamm mit langen Kabelbindern  befestigen. Zuvor haben Rathausmitarbeiterin Monika Mayer und Botschek bunte, lange Bänder in die Zweige gebunden. „Peter Riek, unser Maibaumexperte, hat uns mit den Bändern versorgt“, verrät der Schultes.

Damit die Birke möglichst den ganzen Mai über frisch bleibt, steht sie in einem Eimer Wasser. „Sie muss die ersten acht Tage immer wieder gegossen werden. Vor allem, wenn die Sonne scheint, saugt eine Birke ganz schon was weg“, meint Klaus, bevor er sich mit seinem Kollegen aufmacht zu den weiteren Birkenempfängern.

Die Birke als Symbol der erwachenden Natur


„Nach Sturm oder Feuer wachsen als erste Bäume Birken. Die Birke steht für die wiedererwachende Natur und den Neubeginn“, weiß Michaela Köhler, Naturparkführerin im Schwäbisch-Fränkischen Wald.

Als Liebesmaien stellen junge Männer Birken in der Nacht zum 1.Mai ihrer Angebeteten vor die Haustür oder in den Kamin, wie in Bühlertann und Bühlerzell noch vereinzelt zu sehen ist. Diesen Brauch kannten schon die Kelten. „Wenn ein Paar danach ein Jahr zusammenblieb, durfte es heiraten. Wenn sich zeigte, dass es nicht passt, konnte es sich ohne Folgen trennen“, erklärt die Mainhardterin.

Für die Kelten hat die Birke die Göttin Brigid verkörpert. Ihr Name bedeutet glänzend, hell, leuchtend wie der Stamm der Birke. Auch Brigitte, Bridget, Birgit und das englische Wort bright (hell) stammen daher. siba