Reubach Beeindruckendes Amateurtheater in Reubach mit einer erschreckend aktuellen Thematik

Mit „Der Irrläufer“ hat das Theater Reubach ein beeindruckendes Stück auf die Bühne gebracht.
Mit „Der Irrläufer“ hat das Theater Reubach ein beeindruckendes Stück auf die Bühne gebracht. © Foto: Theater Reubach. Ralf Snurawa
Reubach / RALF SNURAWA 11.07.2016
Am Freitagabend war in Reubach Premiere von Gerd Bauers Inzenierung des „Irrläufers“ von Hansjörg Schneider. Keine leichte Kost, keine Komödie.

Gefangen haben sie ihn, nachdem sie ihn gejagt haben. Und geschlagen haben sie ihn auch, die Zügglinger Bürgerwehr, den flüchtigen Irrläufer. Im Publikum des Reubacher Sommertheaters ist es still geworden.

Am Freitagabend war in Reubach Premiere von Gerd Bauers Inzenierung des „Irrläufers“ von Hansjörg Schneider. Keine leichte Kost, keine Komödie. Komische Situationen gab es schon, etwa beim Abtasten der Hauptfiguren, der Näherin Margreth und des Irrläufers Egon. Dazu wahnsinnig viele schwierig und anstrengend zu spielende Ausdruckswendungen und viel Bühnenpräsenz, von Anette Waletzek und Martin Reinhardt glänzend umgesetzt.

Von der anderen Flussseite ist dieser Fremde gekommen, ein Irrläufer, wie sie ihn im fremdenfeindlichen Zügglingen nennen. Zu Margreth hat er sich geflüchtet aus Angst vor den „Wölfen“, der Bürgerwehr. Warum Zügglingen? „Vielleicht Anschluss an meine Jugend.“ Die Näherin Margreth muss an ihre Jugendliebe vor 30 Jahren denken. Ist dieser Egon der Simon Pfeifer von damals? Möglich. Sie redet es sich schließlich ein, will ihm beim Einbürgerungstest helfen und ihn heiraten, um ihm vor der schlägernden Bürgerwehr zu retten.

Die werden von Lars Salutari als Paul und Erhard Himmler als Arthur wie eine proletenhafte Neonazi-Schlägertruppe mit Baseballschläger gespielt, die natürlich Rechtsstaat, Demokratie, Freiheit, Toleranz und besonders die Menschlichkeit ganz besonders verteidigt. In Wirklichkeit benutzen sie das System, um ihren Fremdenhass auszuleben, auch in Tracht mit Lederhose, in der sie sich an die „lieben Zügglinger Volksgenossen“ wenden.

Angeführt wird diese Bürgerwehr vom gewieften Gerhard, der in der Darstellung von Gerhard Hein zunächst wie ein Gestapo-Mann im langen Ledermantel erscheint, genauso aber ein „rechtschaffener“ bürgerlicher Biedermann sein könnte. Auch wenn das Stück 1995 geschrieben wurde: In manchem scheint der Autor die heutige Zeit vorweggenommen zu haben. In dieser Hinsicht ist der „Irrläufer“ mit Blick auf politische Gruppierungen wie Pegida und die AfD ein Muss.

Dass dabei alles in einem vom Regisseur entworfenen braunen Bühnenbild spielt, dürfte mehrdeutig gemeint sein: als politische Farbe wie auch für den Lehm stehend, in dem die Protagonisten wühlen. Rote Farbelemente – Stühle, Sessel, Gardine, Garderobe – kontrastieren dazu, wohl die Liebe von Margreths ungelebtem Leben symbolisierend. Am Ende werden sie von den Darstellern entfernt: als die Kontraste aufeinanderprallen und auf die Junggesellen- und Einbürgerungsfeier der Tod vor der Hochzeit folgt.

Manuela Schlecht spielt Margreths Freundin Anna als fremdenfeindliche, aber doch ihrer brennenden Neugier nachgebende Zügglingerin: das „die drüben seien wie‘s Ungeziefer“ weicht einem „Man sagt, Levantiner seien besonders geile Männer“. Anna versucht den Irrläufer zu verführen, scheitert aber an ihm, der sich schon von Margreth ausgenutzt sieht. Trotz der permanenten Unsicherheit, wie Margreth ihn sieht, und dem damit einhergehenden Spiel von Anziehen und Abweisen, entsteht einmal ein wundervoller Moment voll Innigkeit, der Martin Reinhardt und Anette Waletzek zur Rezitation von Eichendorffs „Mondnacht“ gelingt.

Sie ist schließlich stolz auf seinen bestandenen Einbürgerungstest, den Wilfried Betz als Gemeindeschreiber mit herrlich trocken-erstaunten „Richtig“-Kommentaren versieht. Er hat sich dabei aber betrunken und stellt feiernd fest: „Erst, wenn wir geboren werden, beginnt die Hatz!“

Die Hatz endet mit dem scheinbar zufälligen Tod des Irrläufers in der Nacht vor der Hochzeit mit Margreth. Und alles ist für die Biedermänner wieder im Lot. Gerd Bauer hat die nervenaufreibenden Wechsel zwischen Liebe einerseits und Brutalität und Unmenschlichkeit andererseits wunderbar aufeinanderprallen lassen. Für die für ein Amateurtheater grandiose Aufführung gibt es heftigen Beifall.

Info Weitere Vorstellungen am 12., 13., 15. und 16. Juli, jeweils 20.30 Uhr. Karten gibt es beim HT, Telefon 0 79 51 / 40 91 02, und im Rathaus von Rot am See, Telefon 0 79 55 / 3 81 21.

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