Barmherzigkeit ist mehr denn je gefragt

Diese Fahnen aus aller Herren Länder wehen alle in eine Richtung, Jesus jedoch wollte seine Fahne nicht in den Wind hängen. Foto: Marc Schauer/Fotolia
Diese Fahnen aus aller Herren Länder wehen alle in eine Richtung, Jesus jedoch wollte seine Fahne nicht in den Wind hängen. Foto: Marc Schauer/Fotolia
SWP 14.09.2013
Gedanken zum Sonntag von Pfarrer Wolfram Rösch, Pastoralreferent der katholischen Kirchengemeinde Sankt Markus in Schwäbisch Hall.

Für viele war Jesus ein streitbarer Zeitgenosse. Er eckte an, hinterfragte Gottesbilder und stellte festgefügte Lehrmeinungen auf den Kopf. Seinen Gegnern und Widersachern war er ein Dorn im Auge, denn auf einmal schien das nicht mehr zu gelten, was bisher üblich war. Ein Populist war Jesus aber nicht. Er wollte seine Fahne nicht in den Wind hängen und auch keinem Zeitgeist nachlaufen. Er wollte vom Reich Gottes erzählen, das für ihn mitten unter den Menschen begonnen hat. Seine Predigt war einfach und leicht zu merken. Wenn Gott unter uns ist, so Jesus, dann können auch wir gerecht sein, neue Lebensmöglichkeiten schenken und verzeihen.

Jesus hatte eine andere Einstellung zu den Menschen als mancher Zeitgenosse. Er sah den Einzelnen und das Schicksal, das dahinter stand. Er beachtete das jüdische Gesetz, interpretierte es aber so, dass es den Menschen zum Leben verhalf: statt Paragrafenreiterei Lebenshilfe, statt Verurteilung Vergebung. Er wusste um das Versagen mancher Menschen, sah die zerbrochenen Lebensentwürfe und erlebte das Scheitern. Jesus blickte tiefer, hinter die sichtbare Oberfläche. Er wollte niemanden vorschnell verurteilen. Das Unrecht hob er nicht auf, sondern nannte es beim Namen. Schuld erließ er nicht einfach nach Gutdünken. Jesus sah den Menschen mit seiner ganzen Ohnmacht und fühlte die Hartherzigkeit gerade jener Menschen, die sich als besonders fromm und gottgefällig gaben.

Jesus frohe Botschaft ermöglichte einen neuen Anfang. Wo mancher sich verrannt hatte, zeigte er einen Ausweg, wo Schuld niederdrückte, richtete er wieder auf, und wo der Tod um sich griff, sprach er vom Leben. Nicht wenige konnten durch ihn aufstehen und ergriffen die Chance, die sich ihnen plötzlich bot. Was Jesus auszeichnete, war seine Barmherzigkeit, und die ist heute mehr denn je gefragt. Das gilt ganz besonders für die Kirche.

Jesus ging auf die Menschen zu, hatte Erbarmen und zeigte Herz. Diese Lebenseinstellung kann auch heute noch Vorbild sein. Wir können lernen, Menschen nicht nur nach dem Äußeren, nach Paragrafen und Leistungsfähigkeit zu beurteilen. Wir können lernen, genauer hinzuschauen: von der Oberfläche in die Tiefe, zu den Sehnsüchten und Träumen der Einzelnen, zu dem, was zerbrochen ist und noch zusammengefügt werden muss.

Jesus ermutigt, die Menschen mit einem neuen Blick zu betrachten. Dabei entdecken wir sicher auch, dass wir manchmal selbst Hilfe benötigen, die uns aufrichtet, oder Heilung, die uns aufatmen lässt. Jesus war unbequem. In der Tat, denn er schenkte Barmherzigkeit. Lassen wir uns von ihm anstecken.