Fast zärtlich streicht Rolf Kurz über die Schweißnaht der Messingpyramide, die ihn um Längen überragt. „Die Platten habe ich exakt zuschneiden lassen. Dann wurden sie zusammengesetzt und verschweißt“, sagt er. „Jetzt müssen sämtliche Nähte abgeschliffen werden.“ Der Bildhauer, der in Stimpfach aufgewachsen ist und inzwischen in Lörrach lebt und in Schopfheim als Gymnasiallehrer arbeitet, fertigt gerade in der Werkstatt seines Vaters Rudolf Kurz in Ellwangen eine Plastik an. Es ist eine der größten Arbeiten, die der 37-Jährige bislang geschaffen hat: In geschlossenem Zustand misst die Skulptur 3,30 Meter in der Höhe, 2,64 Meter in der Länge und 1,32 Meter in der Breite.

Die minimalistisch anmutende Arbeit besteht aus drei Teilen. Zusammengesetzt ergeben sie die Form einer Kirche – mit Schiff und Turm mit pyramidenförmigem Dach. Es sind reduzierte geometrische Formen, wie man sie in Kurz‘ Werken häufig antrifft. Schlicht und präzise.

Dinge zu zerlegen und es dem Auge des Betrachters zu überlassen, sie wieder zusammenzusetzen, das ist ein Charakteristikum, das in seinen Arbeiten immer wieder auftritt. In der Vergangenheit hat Kurz bereits Ähnliches geschaffen: Eine Auftragsarbeit „Vierviertel“ für eine Familie in Neckarsulm, 2012 die Arbeit „Dreidrittel“, die ein Ganzes ergeben, oder einen Altar für die Pfarrkirche St. Johannes Baptist in Rexingen (2014), der sich aus fünf Stahlelementen zusammensetzt.  Kurz: „Das Thema ‚viele – eins’ interessiert mich. Es muss allerdings auch passen, man kann es nicht überall anwenden.“

Mariensage als Ausgangspunkt

Bei der Plastik, die auf dem Burgberg aufgestellt werden soll, passt das Thema perfekt. Ausgangspunkt ist die Mariensage, die dem Ort zugeschrieben wird. Darin wird ein Hirte, der seine Herde auf dem Bergkopf weidete, im Traum von einem Engel beauftragt, drei Säckchen mit Steinen auf den Berg zu tragen, der die höchste Erhebung der Region ist. Aus den Steinen soll er eine Kapelle bauen – als Dank für die wundersame Heilung seines Augenleidens, die ihm an diesem Ort widerfahren ist.

So geschah es: Der Hirte füllte dreimal seine Hirtentasche mit Steinen, trug sie auf den Berg und legte sie in drei Häufchen zusammen. Als er Maurer und Zimmerleute holte, damit sie aus den Steinen eine Kirche bauen sollten, wurden die kleinen Steinchen zu großen Steinquadern. Überwältigt von diesem Wunder bauten die Handwerker unentgeltlich eine Kapelle im Burgbergwald, zu der viele Menschen pilgerten.

„Ich habe mich längere Zeit mit dem Gedanken beschäftigt, wie eine Skulptur auf dem Burgberg aussehen könnte“, erzählt Rolf Kurz. „Im Urlaub in Frankreich las ich die Mariensage und plötzlich war das Thema klar.“

Die drei Teile der Skulptur erinnern an die Steinsäckchen aus der Mariensage. Sie stehen gleichzeitig als Synonym für die Gemeinde Frankenhardt, die sich aus den drei Ortsteilen Gründelhardt, Honhardt und Oberspeltach zusammensetzt. Auch hier ergeben die Teile ein Ganzes.

Obwohl die Skulptur etwas Traditionelles widerspiegelt, ist sie nicht auf traditionelle Art und Weise entstanden. Geplant hat sie der Geschichts- und Kunstlehrer am Computer. Alle Teile wurden genau berechnet, damit sie perfekt zusammenpassen – auch wenn sie später getrennt voneinander aufgestellt werden. Trotzdem – Ungenauigkeiten lässt Rolf Kurz nicht durchgehen, Präzision ist ihm wichtig.

Das Schneiden der vier Millimeter starken Messingbleche hat eine Fachfirma übernommen. Derzeit werden die Bleche zusammengesetzt und verschweißt, wobei die überstehenden Schweißnähte abgeschliffen werden.

Zwei der drei Elemente sind schon fast fertig. Golden strahlt ihre Oberfläche. „Das bleibt aber nicht so“, erklärt der Bildhauer. „Die Teile werden noch patiniert, dann sind sie von einer dunkelgrünen Patina überzogen – wie eine alte Sage.“ Außerdem wird die Skulptur dem Wetter ausgesetzt sein, wodurch sich ihre Oberfläche weiter verändern wird.

Skulptur reagiert auf den Raum

Wenn alle Körper fertig sind, werden sie auf dem Burgberg, der mit seinem Aussichtsturm ein beliebtes Ausflugsziel in der Region ist, auf einer flachen Sockelplatte montiert. „Die endgültige Ausrichtung der einzelnen Teile wird erst bei der Aufstellung entschieden“, sagt Kurz. Die Skulptur reagiert auf den Raum, der sie umgibt. Es ist außerdem geplant, eine Tafel aufzustellen, auf der Besucher die Mariensage nachlesen können.

Die Skulptur auf dem Burgberg ist eine Auftragsarbeit der Kultur-OHG Frankenhardt. Anlässlich ihres 25-jährigen Bestehens hatte der Verein, der 250 Mitglieder zählt, im vergangenen Jahr die Idee, ein Kunstwerk an einem markanten Ort in der Gemeinde aufzustellen. Schnell fiel die Wahl auf den Burgberg – als einen Ort mit überregionaler Bedeutung – und auf den Bildhauer Rolf Kurz, der in der Region aufgewachsen und mit ihr verbunden ist. Der Kulturverein greift tief in die Tasche, um das Projekt zu verwirklichen. Finanzielle Unterstützung gibt es von der Leader-Aktionsgruppe Jagstregion. Die Gemeinde Frankenhardt und die Bürgerstiftung Frankenhardt beteiligen sich ebenfalls mit einem kommunalen Finanzierungsbeitrag.

Die Enthüllung der Plastik ist für Anfang Juni geplant. Bei einem Festakt wird der Künstler Rolf Kurz seine Arbeit selbst vorstellen, vom Entstehungsprozess berichten und ihre Bedeutung erläutern. Bis dahin hat er jedoch noch viele Handgriffe zu erledigen, um aus unbehandelten Messingblechen das Kunstwerk entstehen zu lassen.

Von japanischer Kunst und Kultur beeinflusst


Rolf Kurz wurde 1980 in Stuttgart-Bad Cannstatt geboren. Aufgewachsen ist er in Stimpfach, wo er die Grundschule besuchte. Sein Abitur machte er 1999 auf dem Albert-­Schweitzer-Gymnasium in Crailsheim. Nach dem Zivildienst in einem Kindergarten in Aalen begann seine Studienzeit.

Kurz studierte Geschichte an der Albert-­Ludwigs-Universität in Freiburg und an der Martin-Luther-Universität in Halle-Wittenberg und Kunsterziehung an der Kunsthochschule Burg Giebichenstein. Er hatte zwei Studienaufenthalte in Japan, die seinen künstlerischen Stil beeinflussten. Während seines Studiums hat er sich mit mehreren Aspekten Japans auseinandergesetzt, so zum Beispiel der japanischen Geschichte oder des japanischen Bildungssystems, der japanischen Kunst, und auch der japanischen Kultur im Allgemeinen. In seiner Examensarbeit „Die Widerspiegelung japanischer Denk- und Wahrnehmungsweisen in der westlichen Bildhauerei der Moderne (an ausgewählten Beispielen)“ zeigt er Bezüge zwischen der japanischen Kultur und dem künstlerischen Werk des Schweizer Bildhauers Romen Signer auf.

Nach Abschluss des Studiums erhielt er ­einen Lehrauftrag für Kunstdidaktik an der Kunsthochschule Burg Giebichenstein. 2012 war er Dozent an der Landesakademie für Schulkunst, Schul- und Amateurtheater ­Baden-Württemberg auf Schloss Rotenfels. Von 2012 bis 2014 machte er sein Referendariat am Gymnasium bei St. Michael in Schwäbisch Hall. Seit 2014 ist Kurz Studienrat am Theodor-­Heuss-Gymnasium in Schopfheim bei Lörrach.

Ausstellungen hatte Kurz unter anderem 2011 unter dem Titel „Art Contact“, gemeinsam mit Stephan Wolter an der GGS Heilbronn, 2012 und 2013 mit Klaus Fischer in der Rathausgalerie Aalen sowie in den Galerien für Kunst und Technik in Schorndorf. Viel beachtet war die Ausstellung zusammen mit seinem ­Vater Rudolf Kurz im Hofratshaus in Langenburg im Jahr 2013. 2016 stellte er unter dem ­Titel „Konkret plus“ mit Leni Marx im Land­rats­amt Schwäbisch Gmünd aus und im vergangenen Jahr gemeinsam mit Klaus Fischer in der städtischen Galerie Villa Streccius in Lan­dau („The Space Between“). Darüber hinaus hat Kurz an den Landesgartenschauen in Schwäbisch Gmünd und Öhringen teilgenommen und ist beteiligt an den Skulpturenpfaden in Halle, Marburg, Bad Schlema und Wasseralfingen. hof