Crailsheim Auf Spurensuche an sechs Orten

Betroffenheit bei den Ausführungen von Crailsheims Stadtarchivar Folker Förtsch in der KZ-Gedenkstätte Hessental. Ein Viehwaggon und zahlreiche Stelen erinnern hier an das grausame Schicksal von mehr als 800 polnischen Männern.
Betroffenheit bei den Ausführungen von Crailsheims Stadtarchivar Folker Förtsch in der KZ-Gedenkstätte Hessental. Ein Viehwaggon und zahlreiche Stelen erinnern hier an das grausame Schicksal von mehr als 800 polnischen Männern. © Foto:  Foto: Norman Krauß
Crailsheim / swp 18.07.2018
Crailsheimer und Brettheimer besuchen gemeinsam im Landkreis Schwäbisch Hall Stätten nationalsozialistischer Terrorherrschaft. Broschüre ist in Gedenkstätten, Museen und Rathäusern erhältlich.

Mit 15 Gedenkstätten und Museen, Archiven und Dokumentationen, Kleindenkmalen und Gedenktafeln ist die nationalsozialistische Gewaltherrschaft im Landkreis Hall vorbildlich und dicht aufgearbeitet worden. Sechs Orte waren Ziele der Exkursion des Arbeitskreises Weiße Rose Crailsheim und des Fördervereins Erinnerungsstätte „Die Männer von Brettheim“.

Zum Auftakt in Ingersheim

Erste Station der Rundfahrt war das Scholl-Grimminger-Zimmer in der Geschwister-Scholl-Schule in Ingersheim. Ursula Mroßko und Ernst Hübner gaben Einblicke in die Lebenswege der Familie Scholl, in die Entstehungsgeschichte der „Weißen Rose“, die Produktion und Verbreitung der Flugblätter, die Zusammenarbeit der Familien Scholl und Grimminger und natürlich in die bitteren letzten Stunden von Sophie und Hans Scholl. Besonders beeindruckend: Das große Wandbild von Gerhard Frank im Eingang der Schule. Auch dem Geburtshaus von Hans Scholl, in dem er am 22. September vor 100 Jahren zur Welt gekommen war, galt ein Besuch.

Von unmenschlichen Lebens- und Arbeitsbedingungen im KZ– Lager Hessental berichtete Folker Förtsch, Leiter der „Initiative KZ-Gedenkstätte Hessental“. Im Lager am Bahnhof Hessental waren von Oktober 1944 bis Anfang April 1945 mehr als 800 polnische Männer als Sklavenarbeiter inhaftiert. Mindestens 182 Häftlinge fielen am Hessentaler Bahnhof den brutalen Bedingungen, Misshandlungen und Morden ihrer Peiniger zum Opfer. Ungezählte andere überlebten nach der Lager-Auflösung den berüchtigten „Hessentaler Todesmarsch“ nach Dachau nicht.

Ein Gedenkstein und 14 schwarze Grabplatten erinnern in einem kleinen Waldfriedhof unweit des Weilers Gantenwald (Gemeinde Bühlerzell) an ein besonderes Beispiel nationalsozialistischer Menschenverachtung: In den letzten beiden Kriegsjahren wurde in einem beschlagnahmten Hof eine „Bewahr- und Entbindungsstation“ für Kinder osteuropäischer Zwangsarbeiterinnen eingerichtet. Mindestens 52 Kinder wurden in diesem Haus geboren. Völlig unzureichende Ernährung und hygienische Bedingungen führten zum Tod von 23 Säuglingen und einer jungen Mutter.

Die SS macht kurzen Prozess

Als sich im Frühjahr 1945 das Ende der Naziherrschaft abzeichnete, kam es in vielen Orten zu tragischen Auseinandersetzungen zwischen der kriegsmüden Bevölkerung und Endsieg-gläubigen Soldaten, vor allem SS-Angehörigen. Wer in diesen Tagen Kontakt zum Feind aufnahm oder die weiße Fahne zeigen wollte, riskierte sein Leben, denn fanatische SS-Mörder machten mit solchen Personen kurzen Prozess.

So wurden am 14. April 1945 auf dem Frankenplatz mitten in Kirchberg die vier Zwangsarbeiter Ernst Bonné (Frankreich), Michael Kubicky (Polen), Wasil Petryczka (Ukraine) und Josef Hepak (Ukraine) von SS-Soldaten erschossen, wie Ralf Garmatter detailliert zu erzählen wusste. Der mögliche Anlass: Denunziation durch Kirchberger Bürger, weil einer der Zwangsarbeiter amerikanischen Soldaten bei der Besetzung Kirchbergs Anfang April den Weg zum Haus des Bürgermeisters gezeigt hatte.

Das gleiche Terrorkommando erschoss am Abend des gleichen Tages die 32-Jährige Angela Galczinski, Mutter von zwei kleinen Kindern. Ihre Schuld: freundliches Verhalten gegenüber amerikanischen Soldaten. Das sechste Mordopfer von Kirchberg wurde der Hilfsarbeiter Johann Heigl (47) aus Eichenau. Er hatte den Mut, vor dem Einmarsch der Amerikaner eine weiße Fahne zu zeigen. Seine Mörder hatten ihm einen Zettel in die Hand gedrückt: „Ich bin ein Verräter.“

Zwei weitere der SS anzulastende Morde ereigneten sich bei Wallhausen und am Ortsrand von Satteldorf: Der 49-jährige Wilhelm Daunke wurde am 13. April 1945 im Wald erschossen aufgefunden. Er soll Kontakte zur US-Armee aufgenommen haben.

Karl Happold aus Sattelweiler, ein 41-jähriger Arbeiter, stand wegen früherer Verbindungen zur KPD schon lange auf der schwarzen Liste der NS-Machthaber. Bei der ersten Besetzung von Crailsheim, am 6. April 1945, zwangen ihn US-Soldaten, ihnen den Weg nach Neidenfels zu zeigen, wo sie deutsche Truppen vermuteten.

Keine Wiedergutmachung

Durch Denunziation erfuhr die SS davon. Sie verhafteten Happold am Morgen des 19. April. Gegen Mittag wurde der fünffache Familienvater am Ortsrand Richtung Crailsheim entfernt gefunden, durch Genickschüsse getötet und mit einem Zettel auf der Brust: „Ich bin ein Landesverräter.“ Happold wurde an der Satteldorfer Friedhofsmauer verscharrt, erst später in den Friedhof umgebettet. Seine Witwe hat nie eine Wiedergutmachung erhalten.

Während an die Ermordung von Wilhelm Daunke, dank der Initiative von Lothar Schwandt, inzwischen durch ein Gedenkkreuz mit Tafel im Wald vor Wallhausen erinnert wird, warten die Nachkommen von Karl Happold in Satteldorf noch immer auf eine Würdigung.

Info

Wer sich ebenfalls auf die Suche zu Gedenkstätten national-sozialistischen Unrechts im Kreis Schwäbisch Hall begeben will, findet in der Broschüre „Spurensuche“ des Arbeitskreises der Gedenkstätten Adressen und erste Informationen. Die Broschüre ist erhältlich auf Rathäusern sowie bei den Gedenkstätten und Museen des Landkreises.

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