Nichts geht mehr im Festzelt Hahn auf der Muswiese, am Donnerstag um 16.30 Uhr. Die Festrede auf der Mittelstandskundgebung des Bundes der Selbständigen (BDS) in Rot am See hält die CDU-Bundesvorsitzende und Bundesverteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer. AKK ist zwar erst für 16.45 Uhr angekündigt, aber egal. „Wir fangen eine Viertelstunde eher an“, sagt Siegfried Gröner, der Bürgermeister von Rot am See. „Das Zelt ist voll, es kommt keiner mehr rein.“ 1500 Leute passen rein. Der Reporter der Lokalzeitung schafft es gerade noch so durch den Hintereingang.

Die Mittelstandskundgebung sei „ein nicht mehr wegzudenkender Bestandteil“ der Muswiese, betont Gröner, heuer ist es die 31. Auflage. „Ich rechne es Ihnen hoch an, dass Sie gekommen sind“, sagt er in Richtung Kramp-Karrenbauer. Die 57-Jährige gab ihre Zusage, als sie noch ohne Ministeramt war.

Gröners erster Eindruck? AKK sei „viel sympathischer“ als man sie aus dem Fernsehen kenne. Zudem sei sie ja „bekannt als Fan der fünften Jahreszeit“. Insofern dürfte es keine Akklimatisierungsprobleme geben. Denn, so Gröner: In den fünf Tagen Muswiese gehe es gesellig und gemütlich zu wie beim Fasching.

Annegret Kramp-Karrenbauer auf der Muswiese 2019

Jahrmarkt Annegret Kramp-Karrenbauer auf der Muswiese 2019

Annegret Kramp-Karrenbauer spricht den Begriff „Heimat“ an

Normalerweise komme das Beste bekanntlich am Schluss, sagt Kramp-Karrenbauer, als sie dran ist. Aber sie sei jetzt auf der Muswiese und müsse nachher nach Stuttgart. Falsche Reihenfolge, findet sie – und verspricht sogleich: „Wenn ich das nächste Mal komme, bringe ich auf jeden Fall mehr Zeit mit.“

Beim Rundgang über das Freigelände kauft AKK sogar etwas an einem Marktstand: ein traditionelles Reinigungsmittel. Der Bezeichnung „Königin der Feste“ für die Muswiese kann sie etwas abgewinnen: „Ein Anspruch, dem man gerecht wird.“

Dass auf der Wiese, wie sie es formuliert, Jahrmarkt und Mittelstandskundgebung zusammentreffen, sei kein Widerspruch, schließlich gehe es um Heimat und Verwurzelung, Tradition und Moderne. „Dass es hier noch etwas gibt wie den traditionellen Metzgertanz, das ist etwas ganz Besonderes“, so Kramp-Karrenbauer weiter. „Hier ist kein großer Kommerz, sondern Zusammenhalt und Ehrenamt.“

„Ich weiß“, sagt sie und schlägt nunmehr den Bogen zur Politik, „dass es manche gibt, die mit dem Begriff Heimat ihr Problem haben.“ Und sie wirbt um Verständnis für „Menschen, die von anderswo kommen“ und ihre Heimat verlassen mussten. Aber: „Wenn das mit dem Zusammenleben klappen soll, gibt es etwas, das uns verbindet: Regeln, die hier gelten und gemeinsame Sprache.

Muswiese 2019 Rot am See Markthändlern fehlt der Nachwuchs

Musdorf

CDU-Bundesvorsitzende kritisiert Bürokratie

„Was können wir verbessern?“ Diese Frage stellt sie in Musdorf an fast jedem Stand, den sie ansteuert. Häufigste Antwort: Schaffen Sie die Bürokratie ab! „Die Bürger allgemein haben das Gefühl, an der Last der Bürokratie zu ersticken“, sagt AKK. Große Themen für sie sind: weniger Regulierung, mehr Freiheit, weniger Bürokratie.

Ein Lösung könnte Digitalisierung sein. Neulich bei einem Besuch in Estland sei ihr deutlich geworden: „In Sachen Digitalisierung können wir uns von denen eine dicke Scheibe abschneiden.“ Die Digitalisierung biete eine Chance, über einiges nachzudenken. Aber: „Wenn etwas im analogen Bereich schlecht ist, wird es nicht besser, wenn man es digital macht.“ Beispiel Elterngeld. In Österreich müsse man dafür keinen Antrag ausfüllen.

Made in Germany – die deutsche Wertarbeit genieße „einen Ruf wie Donnerhall überall auf der Welt“, betont Kramp-Karrenbauer, doch dieser Ruf habe „leichte Kratzer“ bekommen, Stichwort Automobilindustrie: „Wenn am Auto manipuliert wird, ist das nicht nur schlecht für die Umwelt.“ Es gehe auch um verlorenes Vertrauen, „was draufsteht, muss auch drin sein“.

Muswiese 2019: Das Abschlussfeuerwerk

Jahrmarkt Muswiese 2019: Das Abschlussfeuerwerk

AKK wünscht sich mehr „Erfindergeist“

Das Thema von AKK an diesem Nachmittag lautet übrigens: „Soziale Marktwirtschaft als Grundlage für Wachstum, Innovation und Nachhaltigkeit“. Die soziale Marktwirtschaft in Deutschland sieht die CDU-Politikerin nicht am Ende, diese müsse aber „immer wieder neu erkämpft werden“ und würde „von außen angegriffen“, sei es durch Staatsgeld (China) und durch Zölle (USA).

In Musdorf ist auch der Klimawandel Thema. AKK wünscht sich Erfindergeist. Die Vergangenheit habe gezeigt, dass es für Probleme immer Lösungen gab. Als Beispiel nennt sie den ersten FCKW-freien Kühlschrank, der aus Deutschland kam, als alle Welt über das Ozonloch diskutierte. „Wenn das früher funktioniert hat, warum nicht auch heute mit Blick auf den Klimawandel? Wir sind nicht dümmer geworden.“ Annegret Kramp-Karrenbauer sind Maßnahmen „mit Maß und Mitte“ wichtig, man dürfe „sich nicht verrückt machen lassen“. Das Thema Klimaschutz soll auf keinen Fall die Gesellschaft spalten.

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