Langenburg Angst Sprache gegeben

Die Langenburger Chronistin Johanna Führer
Die Langenburger Chronistin Johanna Führer © Foto: Archiv
Langenburg / Harald Zigan 23.10.2012
Aus den zeitgenössischen Berichten über das Kriegsende in Hohenlohe ragt eine 1945 in Langenburg entstandene Chronik heraus, die jetzt erstmals komplett in Buchform veröffentlicht wurde.

Die letzten Schlachten des Zweiten Weltkrieges spielten sich in Hohenlohe ab. In der lokalen Geschichtsschreibung sind nicht nur die verheerenden Luftangriffe auf Crailsheim oder das mörderische Treiben der SS in Brettheim mit vielerlei Quellen gut dokumentiert: Aus fast allen Gemeinden im Altkreis Crailsheim gibt es mehr oder weniger detaillierte, zum Großteil "amtliche" Schilderungen des Geschehens im Frühjahr 1945.

Viele Dokumente aus dieser Zeit sind allerdings von einer merkwürdigen Nüchternheit geprägt - als ob den Verfassern die Worte fehlten für das völlig sinnlose Sterben von Soldaten und Zivilisten an der "Hauptkampflinie Jagst", wie die Militärs im fernen Oberkommando der Wehrmacht in Berlin das Operationsgebiet ihrer letzten ausgezehrten Truppen großspurig nannten.

Eine nicht nur in sprachlicher Hinsicht bemerkenswerte Ausnahme stellt hier eine Chronik über das Kriegsende in Langenburg dar, die bislang nur in Auszügen bekannt war und jetzt erstmals im vollen Wortlaut vom Neffen der Autorin, Anselm Rapp aus München, veröffentlicht wurde - mitsamt einem informativen Geleitwort von Irma Fürstin zu Hohenlohe-Langenburg.

Es war ein Glücksfall, dass Bürgermeister Fritz Gronbach die im Oktober 1898 in Berlin geborene Schriftstellerin, Grafologin, Malerin und Fotografin Johanna Führer im Mai 1945 damit beauftragt hat, das Kriegsende in Langenburg und die Monate danach für die Nachwelt festzuhalten.

Die Dokumentation von Johanna Führer, die vermutlich 1944 als Mitarbeiterin des Statistischen Reichsamtes aus dem zerbombten Berlin mitsamt ihrer Dienststelle in das damals auch als Lazarett dienende Langenburger Schloss evakuiert wurde, zeichnet nämlich nicht nur detailliert das bedrohliche Näherrücken der Front, die dramatischen Kämpfe links und rechts der Jagst und die Einnahme der Stadt durch US-Truppen am 11. April nach.

Vielmehr beleuchtet Johanna Führer mit wachem, kritischem Blick und einer präzisen, gefühlvollen und analytischen Sprache auch die Ängste und die Verzweiflung der Menschen im Angesicht des Krieges. So beschreibt sie ohne jegliches Heldentod-Pathos das einsame Sterben von blutjungen Soldaten im Schloss-Lazarett, nennt die Schuldigen dieses Krieges, ihren Rassenwahnsinn und die Unbelehrbaren, die selbst im Untergang noch dem "Dritten Reich" nachtrauern.

Ihre persönliche Botschaft hat Johanna Führer, die bis zu ihrem Tod 1957 hoch angesehen in Langenburg lebte, in den letzten Satz ihrer Chronik gelegt: "Eine Katastrophe haben wir überlebt - gewiss nicht, um der nächsten zum Opfer zu fallen, sondern um sie mit allen Mitteln zu verhindern."

Info Johanna Führer: Das Kriegsende 1945 in Langenburg/Hohenlohe, ISBN 978-3-8391-8909-2, Paperback, 60 Seiten, 4,95 Euro, im Buchhandel oder direkt bei Books on Demand (www.bod.de) erhältlich.

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