Alltag steht am Anfang

In ihrer Heimatstadt Crailsheim stellte die Autorin Wildis Streng ihre Kurzgeschichtensammlung "Hyazinthenduft" vor. Foto: Nik Schyra
In ihrer Heimatstadt Crailsheim stellte die Autorin Wildis Streng ihre Kurzgeschichtensammlung "Hyazinthenduft" vor. Foto: Nik Schyra
URSULA RICHTER 15.09.2012

Ein Crailsheimer Ereignis war die Lesung am Mittwochabend. Wildis Streng präsentierte im Leseforum der Buchhandlung Baier ihren Kurzgeschichtenband "Hyazinthenduft".

Das Cover des aparten kleinen Buches war von Sonja Streng gestaltet worden. Sie ist bildende Künstlerin. Ihr Credo könnte im Vorwort der Kurzgeschichtensammlung ihrer Tochter stehen: "Ich arbeite stets seriell. Scheinbar Unbedeutendem, Wertlosem, Gedankenanflügen, die sich im Kopf einnisten, gebe ich Raum und Zeit, . . ." Diesem scheinbar Unbedeutenden spürt Wildis Streng in ihrer Kurzprosa nach. Die von ihr für die Lesung geschickt ausgewählten Texte zeigen das Spektrum, innerhalb dessen sie sich bewegt.

Es sind immer Alltagssituationen, von denen sie ausgeht. Das kann das Büro sein wie in "Mein Julilein" oder in "Das rotrote Kästchen". Aus einer schmalen Ausgangssituation, die minutiös geschildert wird, entwickelt sich eine überraschende Wendung. Diese Wendung ist nicht gerade die schlimmstmögliche, lässt jedoch immer aufhorchen und ruft auch amüsierte Reaktionen des Publikums hervor. "Das rotrote Kästchen" ist ein Feuermelder. Schon die Zusammenschreibung des Farbadjektivs gibt einen Hinweis auf die Erzähltechnik. Es wird intensiviert. Die kurzen Sätze sind oft durch Nachstellungen einzelner Wörter oder Wortgruppen ergänzt, präzisiert oder erweitert.

Dieses schrittweise Vorgehen entspricht der etwas tastenden Handlungsentwicklung. Es gibt kaum einmal so etwas wie einen Vorsatz der Handlungsträger. Durch eine Anregung von außen wie den Imperativ auf dem Feuermelder: "Scheibe einschlagen" werden Emotionen, Überlegungen und Mutmaßungen ausgelöst. Diese Darstellungen in erlebter Rede verdichten sich und führen zu einer Spannung, die durch eine Handlung gelöst wird.

In anderen Texten wird Konträres miteinander verknüpft. Ein Duft, der schwächliche Geruch von gemähtem Großstadtrasen, löst die Erinnerung an den "Duft nach Heu" aus. "Es duftete ganz wunderbar." Eine Kindheitserinnerung überwältigt die Ich-Erzählerin: ". . . wie ich dann, auf dem Wagen thronend, hinein nach Goldbach zur Scheune mitfahren durfte, und mich fühlte wie die Heukönigin, mit einem Blumenkranz im Haar." In den Zeiten der Landliebe und der Landlust eine authentische Äußerung, die die zahlreichen Zuhörer gerne nachvollzogen.

Die junge Autorin erläuterte, dass sie in den 13 Jahren, die sie in Karlsruhe verbracht hatte, eine Dauersehnsucht nach Crailsheim gehabt habe. Jetzt unterrichtet sie Deutsch und Bildende Kunst an der Schloss-Schule in Kirchberg. Ihr Erstlingswerk "Ohrenzeugen" ist ein Erfolg. Der in Hohenlohe spielende Kriminalroman wird bei Amazon mit fünf Sternen bewertet. Der Stern der Nachwuchsautorin ist am Aufgehen und das Crailsheimer Publikum applaudierte erfreut.

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