Wenn sie nicht „Zur Post“ oder „Krone“ heißen, tragen alte Gasthöfe häufig den Namen von stolzen Mitgliedern der Tierwelt wie Hirsch, Löwe und Adler. Oder sie sind nach Pflanzen mit gutem Image benannt, wie es Grüner Baum und Rose verbreiten. Wer auch immer die Idee hatte: Die gastliche Stätte in Sittenhardt macht es anders und verweist auf einen gesundheitlichen Nutzen.

„Zur Luftkur“ steht auf dem Wirtshausschild und so man Google glauben darf, gibt es in Deutschland keine zweite Gastronomie, die auf diese Weise zum Durchatmen einlädt. Seit 21 Jahren führt Adelheid Semmler das Haus, in dem sie auch selbst wohnt. Ihr Ehemann starb vor drei Jahren, Tochter und Schwiegersohn helfen bei der Bewirtschaftung mit. Ihren Lebensunterhalt können die drei damit freilich nicht bestreiten. Die Wirtin bezieht Rente, die „Kinder“ leben in Backnang und gehen dort unter der Woche einer anderen Arbeit nach.

Geöffnet hat die Gastwirtschaft nur samstags und sonntags. In den ersten Jahren seien noch die älteren Dorfbewohner gekommen. Ebenso wie die Mitglieder der Feuerwehr, die einst in Sittenhardt einen eigenen Standort hatte, berichtet die Seniorin. Nun gehörten vor allem Wanderer zu den Gästen. Viele Stammgäste, die den ruhigen Ort und die schwäbische Speisekarte zu schätzen wüssten, hielten der „Luftkur“ die Treue: „Einige Leute kündigen mir ihren Besuch telefonisch an und sagen meistens gleich, was sie essen wollen.“ Nur während der Sommerferien sei manchmal gar nichts los.

Wie alt das Gebäude mit dem turmähnlichen kleinen Anbau ist, bleibt im Verborgenen. Adelheid Semmler weiß es ebenso wenig wie die 93-jährige Eigentümerin, die sich nur erinnern kann, das Haus vor etwa 60 Jahren bereits als Gastwirtschaft erworben zu haben. Irgendwann ist hier die Zeit stehen geblieben. Die Inneneinrichtung sah offenkundig schon einige Jahrzehnte ins Land gehen. Über dem Wirtshausschild leuchtet noch das Wappen der 1890 gegründeten Ritterbrauerei Schwäbisch Hall, die 1979 ihren Betrieb einstellte.

Die heutige Pächterin macht das Beste aus der Situation: Üppige, bunte Blumenampeln und -kästen gestalten die Fassade zur Straße hin einladend, die blitzsaubere Gaststube präsentiert sich liebevoll dekoriert. Wenn es kalt wird, prasselt ein gemütliches Feuer im Kaminofen und während der warmen Jahreszeit lockt der baumbeschattete Biergarten im Grünen. An eine Brauerei ist der Bierausschank längst nicht mehr gebunden.

Affinität zum Gastgewerbe

Adelheid Semmler floh schon als junges Mädchen aus der damaligen DDR. Lange lebte sie mit ihrer Familie im Rems-Murr-Kreis, wo ihre Affinität zum Gastgewerbe entstand: 30 Jahre sei sie als Servicekraft in einem Backnanger Restaurant tätig gewesen. Doch mit keinem anderen Ort verbinde sie ein so tiefes Heimatgefühl wie mit dem „Dort der Vergessenen“, wie sie das vom Internet abgehängte Sittenhardt und seine 102 Bewohner scherzhaft nennt.

Die einsame Lage mache ihr nichts aus. Im Gegenteil: Wenn es nach ihr geht, will sie in dem winzigen Haller Teilort ihre Tage beschließen. Angesichts des hohen Alters der Hausbesitzerin, die großen Wert auf den Betrieb der Gastwirtschaft lege, sei es jedoch leider nicht gesichert, dass dieser Wunsch in Erfüllung gehe. Womöglich hätten die Erben einmal andere Pläne. „In der Stadt würde ich eingehen wie eine Primel ohne Wasser“, bekennt Adelheid Semmler. Ganz allein ist sie in dem verträumten Haus am Ortseingang nicht: Mischlingshund Anton wacht über das Anwesen. Im Stall und auf der Koppel stehen die Pferde der Familie. Sie waren seinerzeit der Grund, aus dem die Semmlers eine Wohnung auf dem Land suchten – und ein Gasthaus fanden.

Mallorca/München

Ruhestand ist kein Thema

Sie habe in ihrem Leben genug gearbeitet und solle sich doch endlich zur Ruhe setzen, rate die Tochter ihr immer wieder. Aber das könne sie sich einfach nicht vorstellen, auch wenn sich die Gastwirtschaft finanziell nicht rechne, sagt Adelheid Semmler. Zu viel Freude habe sie am Umgang mit ihren Gästen, zu viel Spaß daran, wenn ihnen das Essen schmecke. Ihr Geburtsjahr möchte sie nicht preisgeben, da sie sich deutlich jünger fühle, als sie sei. Ein Wunder ist das nicht: Die „Luftkur“ hält eben fit.

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Die Wirtin schwingt am Wochenende den Kochlöffel


Vegetarier darf man als „Luftkur“-Gast nicht sein: Schnitzel in allen erdenklichen Formen, Maultaschen und Rostbraten, Würste und Fisch stehen auf der Karte. In der Küche schwingt Adelheid Semmler persönlich den Kochlöffel. Über regen Zulauf kann sie sich immer dann freuen, wenn sie spezielle kulinarische Angebote ankündigt. Geöffnet ist das Gasthaus an den Wochenenden. cito