Fichtenau „Wie ein Sechser im Lotto für uns“

„Ich meinte, man braucht erst die Ärzte. Doch der Ortsbaumeister meinte: Man muss was anbieten können, sonst kommt keiner“: Dr. Ulrich Wagner zieht mit seiner Praxis von der Markstraße 10 in Unterdeufstetten in die bisherige Grundschule.
„Ich meinte, man braucht erst die Ärzte. Doch der Ortsbaumeister meinte: Man muss was anbieten können, sonst kommt keiner“: Dr. Ulrich Wagner zieht mit seiner Praxis von der Markstraße 10 in Unterdeufstetten in die bisherige Grundschule. © Foto: Jens Sitarek
Fichtenau / Jens Sitarek 28.06.2018
Die Gemeinde Fichtenau und Dr. Ulrich Wagner wollen in der bisherigen Grundschule in Unterdeufstetten eine Ärztepraxis einrichten. Das könnte erst der Anfang sein.

Fichtenau kann sich glücklich schätzen, in der Gemeinde gibt es noch zwei Allgemeinarztpraxen: die von Sanem Litak in Wildenstein und die von Dr. Ulrich Wagner in Unterdeufstetten.

„In fünf bis zehn Jahren könnte dies ganz anders aussehen. Vor allem auf dem Land ist es sehr schwer, Ärzte zu finden“ – so steht es in der Vorlage von Bürgermeisterin Anja Wagemann zur Gemeinderatssitzung in der vergangenen Woche. Das Thema ist natürlich nicht neu, im Gespräch war schon mal ein Medizinisches Versorgungszentrum. Jetzt tut sich eine andere Tür auf.

Grundsatzbeschluss einstimmig

„Es gibt nun positive Entwicklungen, die eine ärztliche Versorgung in Fichtenau auf lange Sicht sichern würden“, heißt es bei Wagemann, und: „Dieser Tagesordnungspunkt freut mich ganz besonders.“ Es ist Nummer 9: Grundsatzbeschluss über den Bau einer Ärztepraxis sowie die Beauftragung eines Architekten. Das Votum des Gemeinderates fällt einstimmig aus.

Die Praxis soll in der bisherigen Grundschule in Unterdeuf­stetten eingerichtet werden und diese soll dann dem ortsansässigen Arzt Dr. Ulrich Wagner gegen Miete zur Verfügung gestellt werden. So ist die Idee. Mit einer Vorplanung beauftragte das Gremium den Architekten Andreas Günther aus Schnelldorf. Eines seiner Projekte war die Hausarztpraxis in Satteldorf. Dort zahlt Dr. Christoph Simsch ebenfalls Miete an die Gemeinde Satteldorf.

Die Umbaumaßnahmen in Unterdeufstetten könnten beginnen, wenn die Grundschüler im nächsten Jahr in das sanierte Gebäude, die bisherige Werkrealschule, umgezogen sind. Das zweite Obergeschoss ist für die Gemeinschaftspraxis reserviert, entsprechend wird ein Aufzug installiert.

Dass Barrierefreiheit immer wichtiger wird, merkt auch Dr. Ulrich Wagner. Bisher ist es so, dass der 59-Jährige mit anpackt, wenn ein Patient im Rollstuhl in seine Praxis nach Unterdeufstetten kommt. Die Treppen außen und innen lassen sich nicht alleine bewältigen.

Bis zu 150 Patienten täglich

Besuch bei Dr. Wagner zwischen Sprechstunde und Hausbesuchen in der vergangenen Woche. Jeden Tag kommen zwischen 80 und 120 Patienten zu ihm in die Marktstraße 10, wenn man diejenigen mitzählt, die lediglich ein Rezept abholen wollen. Am ersten Arbeitstag nach Urlauben sind es schon mal bis zu 150.

Erst das Angebot, dann die Ärzte

Viel könne er nicht sagen zur geplanten Ärztepraxis, sagt Wagner, weil vieles noch verhandelt werde. „Das Projekt wird jetzt ins Leben gerufen.“ Wie leicht ist es denn, einen 59-Jährigen dafür zu begeistern? Die Gemeinde sei auf ihn zugekommen, betont Wagner. „Ich meinte, man braucht erst die Ärzte. Doch der Ortsbaumeister meinte: Man muss was anbieten können, sonst kommt keiner.“

Wagner ließ das Ganze erst einmal sacken – dann dachte er: Vielleicht hat der Ortsbaumeister Alfons Fischer recht. Und siehe da, obwohl Kollegen Wagner mit auf den Weg gaben, er würde eh niemanden finden, war er mit dem Werben erfolgreich. Vom 1. Januar 2019 an bekommt er Verstärkung, den Namen möchte er noch nicht nennen.

„Die Kombination aus altem Fuchs und jungen Ärzten ist ideal“, sagt Wagner, und: „Wir werden natürlich versuchen, noch wen zu bekommen.“ Gespräche gebe es schon. „Wenn ich mal abdanke“, so formuliert er es, „dann sollen zwei bis drei Ärzte da sein.“

In der bisherigen Grundschule werde so gebaut, dass drei Ärzte arbeiten können, so Wagner. Pro Arzt stünden zwei Behandlungsräume zur Verfügung. Die Rede ist von 300 bis 400 Quadratmetern insgesamt. Es gebe „Raum ohne Ende“ stellte Wagner schon bei einer Ortsbesichtigung fest. Bezug könnte im Sommer 2020 sein, vielleicht früher.

Der eigene Vater als Chef

Bis dahin nutzt Wagner weiter die Praxis in der Marktstraße 10 neben dem Polizeiposten, auch dieses Gebäude gehört der Gemeinde. Der Arzt zahlt Miete, seit 1. April 1992 ist er dort ansässig. Sollte die Polizei nach Wildenstein ins ehemalige Notariat umziehen, könnte Wagner bis zu seinem Umzug deren Räume ebenfalls nutzen. So würde dem gestiegenen Platzbedarf durch einen zweiten oder dritten Arzt zwischenzeitlich Rechnung getragen. Derzeit hat Wagner vier Angestellte, darunter ist eine Tochter, „meine Hauptarzthelferin“.

Vertrauen in die Aussagen

Bürgermeisterin Anja Wagemann ist sich bewusst, dass die Gemeinde für die neue Ärztepraxis „nicht wenig Geld in die Hand nehmen“ muss. Aber sie sagt auch: „Es ist eine ganz, ganz wichtige Entscheidung für die Gemeinde. Das ist wie ein Sechser im Lotto für uns.“ „Wie belastbar sind die Aussagen von Dr. Wagner?“, will Gemeinderat Peter Trampert wissen. „Da vertraue ich drauf“, antwortet Wagemann. Sie sei „guter Dinge, dass es auch so kommt“.

Und es könnte noch mehr kommen. Für Wagemann wäre vieles denkbar: Physiotherapie, Massage, Logopädie, Fachärzte, Zahnärzte, Tagespflege. Ein Schwimmbad gibt es schon, für ausreichend Parkplätze würde gesorgt. Mit der Fichtenau-Apotheke in Wildenstein hat sie auch schon Kontakt aufgenommen. „Das würde die Sache abrunden“, findet Wagemann. Und was sagt der Apotheker? Für Dr. Jürgen Kohnhäuser-Burkl ist alles „noch ganz frisch“, er sei „mittendrin in meinen Überlegungen“.

Zurück zur Startseite Zum nächsten Artikel