Kreis Hall / Norbert Acker Ein Beirat von Menschen mit geistiger Behinderung setzt sich für ihre Belange ein. Zurzeit geht es um den Übergang auf den ersten Arbeitsmarkt.

Seit 2012 kümmert sich der Beirat der Werkstatträte und Bewohnerbeiräte im Kreisfachausschuss der freien Wohlfahrtsverbände um die Belange von Menschen mit geistiger und psychischer Behinderung im Landkreis Schwäbisch Hall. „Damit ermöglicht er einen Austausch und eine Zusammenarbeit, die es so nach unserem Wissen nur im Landkreis Hall gibt“, sagt Elke Krumrey. Die 46-jährige Heilpädagogin von der Diakonie Stetten betreut das ehrenamtliche Gremium und begleitet die monatlichen Sitzungen. Rund 700 Menschen vertritt der Beirat in den unterschiedlichsten Einrichtungen.

In einem Raum der Kantine des Sonnenhofs in Schwäbisch Hall sitzen im März die Vertreter des Beirats zusammen. Der Grund für die Ortswahl ist die dort gegebene Barrierefreiheit, manche kommen nämlich mit dem Rollstuhl. „Wir arbeiten hier alle ganz gleichberechtigt zusammen. Auch mit dem Ausschuss. Was wir tun, ist sehr wichtig“, sagt Florian Drost. Der 31-Jährige vertritt den Bewohnerbeirat der Lebenswerkstatt Heilbronn mit seinen Standorten in Schwäbisch Hall und Crailsheim. „Das ist so ähnlich wie in einem Betriebsrat.“ Analog dazu werde der Beirat alle vier Jahre neu gewählt.

Im Beirat werden unter anderem die Themen, die im Kreisfachausschuss behandelt, beschlossen und vereinbart werden, in einfacher Sprache behandelt. „Wir bringen das dann in unsere Einrichtungen“, erklärt Roderich Sprick vom Werkstattrat des Samariterstifts Obersontheim der Fränkischen Werkstätten.

Nicht nahtlos zurück

Den Kreisausschuss und damit auch den Beirat hat auch schon das Thema Übergang auf den ersten Arbeitsmarkt beschäftigt. Der Auslöser dafür waren Schwierigkeiten, mit denen sich ehemalige Beschäftigte einer Werkstatt für Menschen mit Behinderung oder Schüler einer entsprechenden Schule nach einer Beschäftigung auf dem ersten Arbeitsmarkt konfrontiert sahen. „Sie können meist nicht nahtlos wieder in eine Werkstatt zurück“, sagt Krumrey. „So besteht die Gefahr der Arbeitslosigkeit und der Verein­samung dieser Menschen.“

Eine Vereinbarung, die dies verhindern soll, sei aber vonseiten der Kostenträger – dem Landratsamt Schwäbisch Hall, der Agentur für Arbeit und der Deutschen Rentenversicherung – nicht eingehalten worden (mehr dazu demnächst). „Dies führt nun dazu, dass Menschen mit Behinderung einen Wechsel auf den ersten Arbeitsmarkt aus einer Werkstatt scheuen“, so Krumrey. „Da haben die Behörden echt einen Bock geschossen“, sagt Drost und die weiteren Beiratsmitglieder nicken wissend.

Problematisch sieht man auch die Personalsituation in manchen Einrichtungen. Diese sei vergleichbar mit der in der Pflege. „Früher gab es wenigstens noch Zivis“, sagt Drost. Schwierig sei es, dass die Arbeit der Betreuer in Werkstätten und Wohneinrichtungen „unter Wert geschätzt“ werde. Ein kommendes Thema sei das Bundesteilhabegesetz, sagt Krumrey: „Wir wissen noch nicht, ob es gut oder schlecht für uns wird.“

Man habe trotzdem schon einiges Positives erreicht, davon zeigen sich die Mitglieder des Gremiums überzeugt. „Zum Beispiel mehr Flexibilität beim betreuten Wohnen“, erklärt Krumrey. Ziel sei es, auch schwächeren Menschen zu ermöglichen, eine eigene Wohnung zu beziehen. „Dazu ist ein Fragebogen zum Hilfebedarf gemacht worden“, ergänzt Drost. „Eine gute Sache.“ Man gehe auch regelmäßig durch die Wohngruppen oder die Werkstätten und frage nach, wo der Schuh drückt, ergänzt Aliz Ernbacher, 51, vom Bewohnerbeirat des Samariterstifts Obersont­heim. So werden Themen gesammelt, die erst im Beirat besprochen werden, um sie dann auch im Kreisausschuss vorzubringen.

Mit Begeisterung dabei

Wichtig sei vor allem die Kontinuität der Arbeit im Beirat, so Krumrey. Die scheint gegeben, denn die Gremiumsmitglieder sind von der Wichtigkeit ihrer Aufgabe überzeugt und gehen ihr mit Freude nach – vor allem, weil sie damit etwas für ihre Mitmenschen tun können. „Ich werde es auf jeden Fall so lange machen, wie ich wiedergewählt werde“, sagt Sprick. Und mit diesem Satz spricht er seinen Beiratskollegen aus der Seele.

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Ausschuss ist Gremium der Freien Wohlfahrtspflege

Seit der Verwaltungsreform in Baden-Württemberg 2005 sind die Landkreise für die Aufgaben der Eingliederungshilfe, also für Menschen mit Behinderung, zuständig. „Die Einrichtungen der Eingliederungshilfe verhandeln nun mit den Landkreisen vor Ort“, erklärt Elke Krumrey, Heilpädagogin bei der Diakonie Stetten. Im Landkreis Schwäbisch Hall wurde daraufhin der Kreisfachausschuss als Gremium der Liga der Freien Wohlfahrtspflege gebildet. Der Kreisfachausschuss bündelte zunächst nur die Interessen der unterschiedlichen Einrichtungen. „Kurz nach der Gründung kamen aber auch Angehörigenvertretungen und dann auch
Vertreter von Selbsthilfegruppen von Menschen mit Behinderung hinzu“, so Krumrey. Selbsthilfegruppen seien unter anderem Bewohnerbeiräte und Werkstatträte.

Die Liga der Freien Wohlfahrtspflege im Landkreis Schwäbisch Hall ist der Zusammenschluss der Wohlfahrtsverbände im Kreisgebiet. Mitglieder sind die Arbeiterwohlfahrt, der Diakonieverband, die Caritas, das Deutsche Rote Kreuz sowie der Paritätische Wohlfahrtsverband. noa