Welch gewaltige Kräfte der Grimmbach in dieser Nacht entwickelt hat, ist auch drei Jahre später noch gut erkennbar. An den Bäumen am Rand der breiten Schneise, die das Wasser geschlagen hat, sieht man, wie hoch das Wasser floss. „So weit hinauf, wie die Rinde am Stamm fehlt, reichte das Wasser“, erklärte Siegfried Stepper, Mitarbeiter der Gemeinde Braunsbach den Teilnehmern der Fortbildung zur naturschonenden Gewässerunterhaltung. Das vom Wasser mitgerissene Geröll hat die Rinde bis in zwei Meter Höhe abgeschält.

Kreuz und quer liegen dicke Baumstämme im breiten Bachbett herum. Über 2000 Festmeter Holz hat der Bach bei dieser Wetterkatastrophe entwurzelt. „Die Bäume sind zum Teil stehend he­runtergeschwemmt worden und erst auf der Wiese auf der anderen Seite der Kocherstraße liegen geblieben“, weiß Stepper. Weitere 2000 Festmeter müssten noch aus der Klinge geholt werden, meinte der Bauhofleiter.

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„Dokument für Naturereignis“

Martin Zorzi vom Haller Umweltzentrum schlug vor, die Bäume, die der Wucht des Wassers widerstanden haben, stehen zu lassen, „als Dokument für das außergewöhnliche Naturereignis“. Dem Argument Steppers, dass das meiste Privatwald sei, entgegnete der Naturschützer, die öffentliche Hand, also die Gemeinde sollte diese Flächen übernehmen und den Privatwaldbesitzern Bereiche weiter oben am Hang anbieten. „Dort gibt es auch ordentliche Wege und Zufahrten“, merkte er an.

Der Boden ist mit Geröll übersät, die Erde hat die Flut komplett weggeschwemmt. „Das ist eine alpine Schotterflur, total ungewöhnlich für Baden-Württemberg“, stellt Zorzi fest. Aus Sicht des Naturschutzes sei es wünschenswert, dass kleinere Bereiche offen bleiben und nicht wieder mit Bäumen zuwachsen. Wie schnell sich die Natur die Steinwüste zurückerobert, weiß er: „Vor einem Jahr war hier noch alles Schotter.“ Inzwischen hat sich die Pflanzenwelt schon ausgebreitet. Bei Volker Ellsässer, Stadtplaner in Hall, kam Zorzis Idee gut an. „Aber wie kann man die Flächen frei halten? Abflammen?“, fragte er. „Vielleicht mit Ziegen, sie fressen auch den Gehölzbewuchs ab“, so Zorzi.

Die Teilnehmer der Veranstaltung, hauptsächlich Bauhofmitarbeiter aus umliegenden Gemeinden, interessierten sich für die Geröllfänge, die Braunsbach nach dem Unwetter gebaut hat. „Sie müssen nach jedem Starkregen ausgeleert werden. Gerade jetzt, wo nach dem Unwetter alles locker ist.“ Darauf wies Stepper eindringlich hin.  Sie seien aus Stahl gebaut ähnlich wie Geröllfänge in den Alpen.

Zorzi warnte davor, die Grimmbachklinge ganz auszuräumen. Das hatten Teilnehmer vorgeschlagen, damit beim nächsten Hochwasser mitgerissene Bäume nicht so viel Schaden anrichten. „Je sauberer die Klinge, desto schneller und stärker wird das Wasser“, stellte er fest. Er plädierte für einen Mittelweg: „Nicht zu viel Material in der Klinge lassen, aber auch nicht zu wenig.“

Der reißende Bach hat sich 2015 tief eingegraben. So sind bis zu zwei Meter hohe senkrechte Uferwände entstanden. Ideal für die Brutröhren des Eisvogels. Dass diese Flut nicht die erste war, davon zeugt eine etwa einen halben Meter unter der jetzigen Oberfläche angesiedelte Geröllschicht, die an manchen Stellen des Steilufers erkennbar ist.

Lebensraum für Fisch und Molch

Teilweise hat der Grimmbach Auskolkungen gebildet, tiefere Mulden mit langsam fließendem Wasser. „Sie sind ideal für junge Fische, Molche und den Laich von Fröschen. Der Grasfrosch kommt hier vor“, so Zorzi. Wenig erfreut ist er, dass in einigen dieser für die Natur wertvollen Kolke Baumstümpfe lagern.

Die Flachlandmähwiese am Kocher, auf der die Baumstämme zum Stillstand kamen, war nach dem Unwetter völlig zerstört. Sie wurde mit frischem Mahdgut, das die reife Saat einer artenreichen Wiese enthielt, angeimpft. „Wir hatten Glück, dass es gleich nach dem Verteilen geregnet hat“, berichtete Meike Andruschkewitsch vom Haller Landschaftserhaltungsverband.

Ein Beispiel für Hochwasserschutz am Kocher zeigte Alois Hilsenbek vom Regierungspräsidium. Um Untermünkheim vor Überschwemmung zu schützen, wurde 2004 beim Teilort Hagen neben dem Fluss eine 300 Meter lange und 35 Meter breite Flachmulde angelegt, die einen Teil des Hochwassers aufnimmt. Sie fasst 10.000 Kubikmeter Wasser. „Das senkt den Wasserspiegel des Kochers um etwa 50 Zentimeter“, so Hilsenbek. Anfangs setzte sich in der Mulde rasch Sand ab. Das verhindern jetzt Holzbuhnen. Sie verwirbeln das zum Kocher zurückströmende Wasser, sodass es den Sand mitnimmt.