Unterkunft „Viel zu wenige Sozialwohnungen“

Wenn es abends dunkel und kalt wird, suchen sich Obdachlose einen Schutz für die Nacht, zum Beispiel eine Unterführung, in der sie ihr Lager aufschlagen können.
Wenn es abends dunkel und kalt wird, suchen sich Obdachlose einen Schutz für die Nacht, zum Beispiel eine Unterführung, in der sie ihr Lager aufschlagen können. © Foto: dpa
Landkreis Hall / Ute Schäfer 05.01.2018
Wohnungsnot tritt nicht nur in Großstädten auf. Sie betrifft mittlerweile auch den ländlichen Raum wie den Haller Landkreis.

Die Wohnungsnot nimmt bizarre Züge an“, weiß der Geschäftsführer des Diakonieverbandes des Landkreises Schwäbisch Hall Wolfgang Engel. Und nein, sie betrifft nicht nur die, die als Obdachlose gelten und ohnedies kaum Chancen auf eine Wohnung haben.

Die Wohnungsnot betrifft mittlerweile auch und gerade Familien. Selbst für eine Familie mit Kindern und mittlerem Einkommen kann es schwer sein, eine bezahlbare Wohnung zu finden. Denn wenn sich der Markt nur durch Angebot und Nachfrage regelt, ist eines klar: Sind Wohnungen knapp, werden sie teuer. Das gilt für den Kauf wie für die Miete gleichermaßen.

Der Mietpreis einer schicken Neubauwohnung beträgt oft 1000 Euro und mehr – und das im ländlichen Landkreis Schwäbisch Hall. In den Ballungszentren sind Wohnungen noch viel teurer. Dieser  Betrag will natürlich erst einmal verdient sein! Für viele ein Ding der Unmöglichkeit. Natürlich sind Wohnungen auf dem flachen Land billiger. Doch dort kann man ohne Auto kaum leben – für Hartz IV-Empfänger ist ein Auto aber kaum zu finanzieren.

Die Menschen im Blick

Zwischenzeitlich geben armutsgefährdete Haushalte in Baden-Württemberg über die Hälfte ihres Haushaltseinkommens für Wohnkosten aus, heißt es in einer Aufstellung des Diakonischen Werkes Württembergs. „Dahinter verbirgt sich sozialer und gesellschaftlicher Zündstoff mit entsprechendem Wählerverhalten“, heißt es in der Aufstellung weiter, in der dringend der Bau von Sozialwohnungen gefordert wird. Denn: „Es werden viel zu wenige davon gebaut.“

Wer in schwierigen Verhältnissen lebt, verliert seine Wohnung schneller, als ihm lieb ist. Und dann schlägt die Wohnungsknappheit so richtig zu: Wer Hartz IV bezieht, fällt beim Vermieter durch. Wer viele Kinder hat, oftmals auch. „Egal, wie viele Leute sich um eine Wohnung bewerben – unsere Klienten stehen immer ganz hinten in der Schlange“, sagt Oliver Klein, Abteilungsleiter der Erlacher Höhe. Mit „Klienten“ meint er Menschen, die obdachlos sind. Und die Erlacher Höhe ist eine diakonische Einrichtung, die genau diese Menschen im Blick hat – auch im Landkreis Schwäbisch Hall. In der Stadt Schwäbisch Hall selbst etwa unterhält die Erlacher Höhe mit der Schuppachburg eine Tagessstätte und dem Kelker Tor eine Übernachtungsstelle. In Crailsheim hat sie vor einigen Monaten eine Beratungsstelle eröffnet. Sie findet sich derzeit noch zur Untermiete in der Geschäftsstelle der Diakonie auf dem Kreuzberg. „Aber wir suchen dringend Büroräume in der Innenstadt“, so Klein. „Dann haben es unsere Klienten nicht so weit.“

Allerdings: Die Mitarbeiter der Erlacher Höhe suchen die Betroffenen auch auf. Dafür ist Sozialarbeiter Friedemann Boy zuständig. „Ich bin oft in der Burgberg­straße.“ Dort befindet sich eine der Obdachlosenunterkünfte der Stadt Crailsheim. Dort setzt er sich auf die Bank vor der Tür. „Ich höre mir dann die Geschichten der Menschen an. Man glaubt gar nicht, was die alles erlebt haben.“ Die meisten von ihnen seien Rentner, berichtet Boy. „Die wollen nur einen Platz haben, an dem sie bleiben können.“

Die Kommune ist gefragt

Ist jemand wohnsitzlos geworden, ist die Kommune verpflichtet, ihm ein Obdach zur Verfügung zu stellen. Es muss wetterfest sein, viel mehr aber auch nicht. Eine soziale Betreuung gehört nicht dazu. „Das ist Sache des Landkreises“, erklärt Oliver Klein von der Erlacher Höhe. „Wir wünschen uns aber, dass Kommunen und Kreise enger zusammenarbeiten würden, um Wohnungslosigkeit zu vermeiden.“

Denn es kann präventiv sehr viel gemacht werden. Und es muss schnell gehandelt werden, wenn ein Mensch in einer Unterkunft angekommen ist. Hat er sich dort erst einmal eingelebt, hat er es besonders schwer, wieder herauszukommen. Erstens, weil ein Gewöhnungseffekt eintritt, und zweitens weil es überhaupt schwierig ist, aus einer Obdachlosenunterkunft heraus eine eigene Wohnung zu finden.

Manche Menschen warten jahrelang darauf. Fast könnte man meinen, die Unterkunft werde dann zum neuen Zuhause. Doch der Schein trügt. Denn für das Zimmer im Obdachlosenheim gibt es keinen festen Mietvertrag.

Der Obdachlose ist „nur“ eingewiesen und hat auch nicht die Rechte eines Mieters. Der Betreiber der Unterkunft kann ihn zum Beispiel von heute auf morgen einer anderen Unterkunft zuweisen. uts

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