Es klinge wie ein Märchen, aber Dr. Vijaya Kumar habe gezeigt, dass es möglich sei, die Einstellung von Regierungen und Wissenschaftlern zum ökologischen Landbau zu ändern. Das sagt Organisator Dr. Rudolf Buntzel, nachdem die rund 50 Teilnehmer des 3. World Organic Forum auf Schloss Kirchberg dem Berater des indischen Bundesstaats Andhra Pradesh langanhaltenden Beifall gespendet haben. Kumar hatte in einem Impulsvortrag das System des „Zero Budget Natural Farming“ (ZBNF) vorgestellt, mit dem bis 2024 60 Millionen vornehmlich Kleinbauern und 80 Millionen Hektar auf ökologischen Landbau umgestellt werden sollen. In diesem Jahr soll die erste Million erreicht werden.

„Ich habe Zweifel am ökologischen Landbau gehört“, sagte Kumar zu Beginn seiner Präsentation. Er spielte damit auf Äußerungen von Landwirtschaftsminister Peter Hauk an. „Ich will Sie überzeugen, dass es funktioniert.“ Man dürfe zwar nie die Hindernisse unterschätzen, doch in Anbetracht von Klimawandel – diesen bezeichnet er als „Notstandsituation“ – und einer Krise in der indischen Landwirtschaft gebe ZBNF den Bauern Perspektiven und Zukunft. Durch das System seien keine externen Betriebsmittel nötig, es sei wassersparend, mache die Pflanzen durch Mehrschichtanbau widerstandsfähiger, führe zur Ertragssteigerung und damit zu mehr Einkommen für die Landwirte.

Wir müssen sie nicht mehr subventionieren, sie subventionieren sich selbst“, so Kumar.

Die beteiligten Bauern stünden hinter dem Programm, es sei nicht von der Regierung aufdiktiert.

„Aber warum verbreitet sich das System so langsam, wenn es doch so erfolgreich ist?“, fragt Kumar und beantwortet die Frage: „Wir kämpfen gegen den gewohnheitsmäßigen Einsatz von Chemie in den vergangenen 60 Jahren. Das führt zu Interessenkonflikten.“ Man werde das Ziel 100 Prozent ZBNF weiterverfolgen und sei zuversichtlich, es in dem anvisierten Zeitrahmen zu erreichen. Kumar: „Unsere größte Belohnung sind glückliche Bauern.“

„Kein Nachteil für Verbraucher“

Im Anschluss hat Dr. Malla Reddy, Direktor einer Nichtregierungsorganisation in Andhra Pradesh, das Projekt aus seiner Sicht dargestellt. Dann ist es am Publikum, sich in die Diskussion einzubringen. „Wie werden die Verbraucher einbezogen?“, fragt eine Teilnehmerin. Die Verbraucherpreise stiegen durch ZBNF nicht zwangsläufig an, antwortet Kumar: „Für viele Verbraucher bringt es keinen Nachteil.“

Wie die Dünger- und Pflanzenschutzmittelindustrie auf ZBNF reagiere, will ein weiterer Teilnehmer von den Experten wissen. „Die sind nicht glücklich damit. Zumal Dünger in Indien staatlich stark subventioniert wird“, sagt Kumar. Schlussendlich sei es aber die Entscheidung der Farmer, ob sie Chemie kaufen oder nicht. Sein Rat an die Industrie: „Sucht euch andere Geschäftsfelder. Geld damit zu machen, dass Menschen sterben, ist kein gutes Geschäftsmodell.“

Ökologische Landwirtschaft Von Soja-Bohnen und Kamel-Milch

Kirchberg

Beeindruckt zeigt sich Louise Luttikholt von IFOAM, der internationalen Vereinigung der ökologischen Landbaubewegungen: „Für mich sieht es sehr nach Bio aus – auch wenn Sie dem System einen anderen Namen geben.“ Man nutze keinen bio-zertifzierten Input, sagt Reddy, sondern das, was regional auf den Höfen zu haben sei. „Wir wollen die Fruchtbarkeit des Bodens wiederherstellen. Wir wollen aber auch keine biologischen Düngemittel, sondern die natürlichen Kreisläufe haben.“

Warum ist das nicht Bio?

Auch Bernward Geier von Colaboro, einer Vernetzungsorganisation der Bio-Branche, wundert sich, dass der Begriff Öko nicht im Zusammenhang mit ZBNF genannt wird. „Alles, was Sie genannt haben, passt doch perfekt in die Prinzipien der IFOAM.“ Er verstehe nicht, warum das überhaupt ein Thema sei, antwortet Kumar. Aber wenn man so wolle, könne man ZBNF auch „Bio plus“ nennen. Die Hauptidee sei, traditionelle Methoden mit modernem Wissen zu kombinieren. „Die wichtigste Frage ist: Hilft uns die Methode, dass unsere Enkelkinder gut überleben können? Schaffen wir es, Schritte vorwärts zu gehen hin zu einer nachhaltigeren Landwirtschaft?“ Für eine bessere Zukunft müsse man klimafreundlich agieren, den Menschen helfen und sie auch in sozialen Fragen unterstützen, die Biodiversität fördern und „den Boden gesund machen“. Abschließend appelliert Kumar an die Forum-Teilnehmer: „Wir sollten gemeinsam daran arbeiten.“

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