Hall/Heilbronn "Nur die Spitze des Eisbergs"

Der verurteilte Haller Vater wird aus dem Gerichtssaal in Heilbronn geführt. Foto: Thumilan Selvakumaran
Der verurteilte Haller Vater wird aus dem Gerichtssaal in Heilbronn geführt. Foto: Thumilan Selvakumaran
THUMILAN SELVAKUMARAN 03.03.2014
Das Landgericht Heilbronn hat einen 41-jährigen Haller wegen schweren sexuellen Missbrauchs zu vier Jahren und vier Monaten Haft verurteilt. Nicht alle ihm vorgeworfenen Taten wurden im Prozess bewiesen.

"Die Schwierigkeit eines solchen Verfahrens ist: Man weiß, es war irgendwas, aber man weiß nicht genau was!" Eva Bezold, Vorsitzende Richterin der Großen Jugendschutzkammer am Landgericht Heilbronn, bringt es schnell auf den Punkt.

Der 41-jährige Angeklagte hatte im Laufe des Prozesses sein Geständnis wiederholt ergänzt, zuletzt dahingehend, dass er im Frühjahr 2013 versucht habe, in das damals fünfjährige Mädchen einzudringen. Vier Übergriffe auf seine Tochter gibt er zu - drei fallen in die Kategorie schwerer sexueller Missbrauch.

Objektive Erkenntnisse gebe es nur wenige, so Bezold. Ein Arzt, der das Mädchen - vermutlich zu spät - untersucht hatte, fand keine Spuren. Die Tonaufnahmen, von den Großeltern in der Wohnung heimlich erstellt, deuteten zwar auf schwerere Handlungen hin, lieferten aber keine eindeutigen Erkenntnisse - auch nicht über die Häufigkeit.

Letztlich müsse die Aussage des Mädchens bei der Polizei, die dort den schweren Missbrauch in mehreren Fällen bestätigt hatte, vorsichtig betrachtet werden. Das Opfer sei jung, dadurch beeinflussbar, habe vielleicht die Erwartungshaltung von Erwachsenen erfüllen wollen.

Das Urteil fällt daher auf Basis des Geständnisses. Dieses sei dem 41-Jährigen hoch anzurechnen, beeinflusse das Urteil zu seinen Gunsten, so die Richterin. Denn nur so konnte dem Mädchen eine peinliche Vernehmung erspart werden.

Sowohl Nebenklagevertreter als auch Oberstaatsanwalt Peter Bracharz sind indes überzeugt, dass es zu weiteren schwereren sexuellen Übergriffen gekommen ist - in der Anklage war von mindestens zwölf Fällen die Rede. Denn das Mädchen zeigte nicht erst seit dem Frühjahr 2013, sondern bereits ein Jahr zuvor Verhaltensänderungen - just ab jener Zeit, als der leibliche Vater zu dem Mädchen und der Mutter gezogen war. "Die einen werden sagen: Kleinster gemeinsamer Nenner - die anderen, das ist nur die Spitze des Eisbergs", so Bracharz. "Mehr ist nicht herauszuholen, weil Beweise fehlen." Das Geständnis liege deutlich hinter den Erwartungen. Sowohl Bracharz als auch die Richterin kritisieren, dass die vielen Zeichen zu lange ignoriert wurden.

Bracharz verteidigt in seinem Plädoyer aber das zögerliche Verhalten von Jugendamt und Polizei Anfang 2013, da es damals keine Beweise gab. Erst die Tonaufnahmen hätten die Kehrtwende gebracht, die im Juli 2013 zur Verhaftung des 41-Jährigen geführt haben. Nebenklagevertreter Andreas Kugel kritisiert das Aussageverhalten des Angeklagten: "Seine Einlassungen waren immer nur so weit gefasst, wie nötig, wie sie bereits offenkundig waren."

Pflichtverteidiger Michael Donath hält es für "lebensfremd, jetzt zu konstruieren, dass irgendwelche Taten bereits 2012 passiert sind". Es gäbe nichts Beweiskräftiges für Dinge, die über das Geständnis hinausgingen. Vier Jahre Haft seien angemessen. Nebenklagevertreter Kugel liegt mit vier Jahren und sechs Monaten sogar unter der Forderung des Staatsanwalts, der fünf Jahre Haft für richtig hält.

Die Kammer verurteilt den 41-Jährigen letztlich zu vier Jahren und vier Monaten, die er zunächst in Stammheim absitzen muss. "Ich möchte mich bei ihr und ihrer Familie entschuldigen. Ich bereue das definitiv, was ich gemacht habe", so der Verurteilte. "Ich hoffe, dass sie die Vorfälle unbeschadet vergisst."