Internet „MrWissen2Go“ spricht über Journalismus

Mirko Drotschmann ist auf seinem Youtube-Kanal „MrWissen2Go“ zu sehen.
Mirko Drotschmann ist auf seinem Youtube-Kanal „MrWissen2Go“ zu sehen. © Foto: Schmott Photographers
Landkreis Hall / Tobias Haase 09.11.2018
Mirko Drotschmann, vielen bekannt durch seinen Youtube-Kanal „MrWissen2Go“, erklärt im Interview, warum Jugendliche sich für professionellen Journalismus einsetzen sollen und bedachter Umgang mit Online-Inhalten wichtig ist.

Fast jeder Schüler hat wohl schon mal ein Lernvideo auf Youtube gesehen. Die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass sie dabei auf den Kanal „MrWissen2Go“ gestoßen sind. Unter diesem Namen veröffentlicht Mirko Drotschmann (32) einmal pro Woche ein Video zu aktuellen politischen oder historischen Themen. Obwohl er viel Zeit in die Produktion und seine kleine Firma investiert, arbeitet er weiter als Journalist. Damit wir ein besseres Verständnis für die dynamische Online-Welt bekommen, hat er uns einige Fragen dazu beantwortet.

Wieso hast du angefangen, Videos auf Youtube hochzuladen?

Mirko Drotschmann: Bevor ich auf Youtube unterwegs war, habe ich viele Jahre im Radio, Fernsehen und für verschiedene Zeitungen gearbeitet. Das war für mich sehr spannend und das finde ich heute immer noch. Was mich aber an Youtube so gereizt hat, war zum einen, dass ich mein eigener Chef bin und selbst Themen auswählen und einfach umsetzen kann, das finde ich toll. Zum anderen ist es die Art und Weise, wie die Plattform funktioniert. Man hat eine Community und Zuschauer, die sofort darauf reagieren, wenn man etwas veröffentlicht. Die einen kritisieren, die anderen loben. Es ist eine sehr nahbare Plattform und nicht so distanziert, wie es zum Beispiel beim Fernsehen der Fall ist.

Youtube als Plattform bietet prinzipiell jedem die Möglichkeit, sich zu allem zu äußern und Videos ungeprüft zu veröffentlichen. Jeder ist Sender und Empfänger zugleich. Würdest du das eher als Segen oder als Fluch bezeichnen?

Das ist die große Frage. Da habe ich ein ganz ambivalentes Verhältnis dazu. Auf der einen Seite finde ich es toll, dass die Medien, wenn man so will, in den vergangenen Jahren demokratisiert wurden. Auf der anderen Seite sehe ich das auch als großes Problem, dass jeder etwas in die Welt rausblasen kann, ohne dass es ein richtiges Korrektiv gibt. Es gibt vielleicht die Zuschauer als Korrektiv, aber wenn diese sich selber gar nicht als solches verstehen, sondern einfach nur blind dem folgen, was man sieht, liest, hört, dann ist das durchaus problematisch. Da würde ich Youtube jetzt nicht alleine an den Pranger stellen. Soziale Netzwerke, Blogs und Podcasts gehören auch dazu. Wenn man das unterm Strich sieht, dann überwiegt bei mir schon das Positive, weil man keinen riesigen Apparat braucht, um etwas zu veröffentlichen.

Jeder kann sich im Internet als Journalist ausgeben. Falschmeldungen verbreiten sich oft rasend schnell. Siehst du darin eine große Gefahr?

Eine Gefahr sehe ich durchaus, ja. Grundsätzlich muss man sagen, auch ohne das Internet konnte sich jeder als Journalist ausgeben. Das ist keine geschützte Berufsbezeichnung, Redakteur schon. Im Internet Falschnachrichten zu verbreiten, geht einfacher und schneller und das ist, wenn diese gezielt von Gruppierungen verbreitet werden, um eine bestimmte Agenda zu verfolgen, tatsächlich eine Gefahr. Auch eine
Gefahr für unsere Demokratie. Aber was soll man machen? Man kann nicht sagen, dass man Falschnachrichten verbietet. Das lässt immer viel Interpretation zu: Was sind Falschnachrichten und was ist richtig? Das bietet Tür und Tor für Zensur und man kann auch keine Behörde festlegen, die sagt: Das ist falsch, das stimmt. Wichtig ist einfach, dass es
genügend Aufklärung gibt und
da sehe ich die Medien in der Pflicht.

Shitstorms sind wohl auch bei dir keine Seltenheit mehr. Erkennst du einen Trend, dass Beleidigungen und Drohungen zunehmen? Gehst du rechtlich dagegen vor?

Das stimmt, auch ich bekomme das immer wieder mit. Bei bestimmten Themen weiß ich schon vorher, dass da Beleidigungen gegen mich und auch gegen andere kommen werden. Ich habe mal für mich entschieden, dass ich dann gegen Kommentare vorgehe, wenn sie gegen ein Gesetz verstoßen. Wenn mich jemand beleidigt, dann muss ich damit leben. Ich stelle mein Gesicht ins Internet und dass das nicht allen passt, ist halt so. Wenn Zuschauer andere Zuschauer von mir beleidigen, dann schreite ich ein und natürlich, wenn Straftaten begangen werden. Der Trend, dass Beleidigungen und Drohungen zunehmen, ist nicht neu, den gibt es schon seit ein paar Jahren. Wobei ich auch beobachte, dass es zunehmend mehr Gegenrede gibt und das finde ich gut und wichtig. Wir müssen aufstehen und dürfen nicht zulassen, dass eine kleine Minderheit so tut, als wäre sie die Mehrheit.

Die Youtube-Trends befördern nicht selten zweifelhafte Inhalte (Hass, Gewalt, Aufreger) an die Spitze, gemischt mit radikalen Positionen, Rap-Musik-Videos, Challenges und Produktplatzierungen. Nachrichten und redaktionelle Inhalte sieht man eher weniger. Spiegelt das die Interessen der Jugendlichen und jungen Erwachsenen wider?

Zu einem Teil schon. Das würde ich ganz grundsätzlich sagen, wenn wir uns über Medien aufregen, wobei ich das so pauschal gar nicht sagen kann, aber machen wir es einfach mal: Wenn man sich über die Medien aufregt, dann sagt man immer, die sind ja so sensationsgeil und da geht es nur noch um Blut und solche Dinge. Aber warum machen die Medien solche Dinge (ich benutze den Terminus jetzt auch mal), warum machen „die Medien“ das? Weil es die Leute sehen wollen und das ist tatsächlich so. Die Youtube-Trends werden durch Algorithmen zusammengesetzt. Diese Algorithmen orientieren sich auch an dem Interesse der Zuschauer. Die meisten sehen gerne ein Fail-Video oder eine abgefahrene Challenge. Wichtig finde ich, dass Youtube trotzdem andere Inhalte weiter fördert und nicht aus den Trends raushält und da kann ich mich nicht beschweren. Videos von mir landen immer wieder in den Trends und auch andere Nachrichten oder redaktionelle Inhalte. Schwierig finde ich, wenn Youtube da massiv eingreift und bestimmte Inhalte bevorzugt, dann wäre das nicht mehr der Grundgedanke der Plattform.

Warum ist professioneller Journalismus im digitalen Zeitalter so wichtig und wieso sollten sich gerade auch junge Menschen dafür einsetzen?

Professioneller Journalismus ist extrem wichtig, weil es immer mehr Leute gibt, die nicht professionell arbeiten und die zum Teil Falschmeldungen verbreiten. Da brauchen wir ein starkes Korrektiv, einen starken Gegenwind. Wir brauchen Leute, die ausgebildet sind, die wissen, wie man recherchiert, einen Beitrag verfasst, egal für welches Medium. Das ist im digitalen Zeitalter, in Zeiten von Massenbeeinflussung extrem wichtig und junge Menschen sollten sich dafür einsetzen, damit wir unser jetziges Mediensystem oder zumindest den Grundgedanken erhalten können. Damit wir ein freies System mit Pluralität haben, auch dann, wenn nur noch einige wenige große Konzerne darüber bestimmen, was ganz oben steht. Wir junge Menschen, da zähle ich mich jetzt auch noch dazu, sollten verhindern, dass es auf diesem Weg schleichend zu einer Art Manipulation der Medien oder Pressezensur kommt.

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Journalist, Moderator und Youtuber

Mirko Drotschmann, geboren 1986 in Malsch, Landkreis Karlsruhe, hat schon während seiner Schulzeit mit Medien und Politik zu tun gehabt. Er war Chefredakteur der Schülerzeitung an seiner Schule, Schülersprecher und im Jugendgemeinderat in Ettlingen. Er studierte an der Universität Karlsruhe und arbeitete als freier Journalist. Danach volontierte er beim SWR. Heute ist er als Fernsehmoderator und -reporter tätig und betreibt als „MrWissen2go“ einen Youtube-Kanal. Er hat inzwischen fast 800 000 Abonnenten und hat sich bereits vor einiger Zeit fest auf der Plattform etabliert, wenn es um politische Videos geht. Seinen Kanal findet man unter:
www.youtube.com/MrWissen2Go

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