Crailsheim/Kirchberg Betrügerbande: „Manager“ bleiben hinter Gitter

Crailsheim/Kirchberg / Jens Sitarek 12.10.2018
Im Prozess gegen die EC-Karten-Bande hat das Amtsgericht Crailsheim das Urteil gefällt: Die beiden Köpfe erhalten eine Freiheitsstrafe, die anderen Mitglieder kommen mit einer Bewährungsstrafe davon.

Wegen bandenmäßigen Betrugs in 62 Fällen sind am ­Mittwoch fünf Männer – vier Rumänen und ein Deutscher –, die seit Ende April in U-Haft saßen, vom Amtsgericht Crailsheim verurteilt worden. Bei Ilie H. (43), Mihaita L. (26) und Florea T. (36) wurden die Haftbefehle aufgehoben, sie kommen jeweils mit einer Bewährungsstrafe von zwei Jahren davon. Bewährungszeit: drei Jahre. Für Richterin Uta Herrmann standen H., L. und T. „in der Hierarchie an unterster Stelle“, sie seien „die kleinsten, nicht die hellsten Lichter“ gewesen. Das Schöffengericht ist aber „davon überzeugt, dass sie zu einem sehr frühen Zeitpunkt in Kauf genommen haben, dass es zu betrügerischen Handlungen kommen sollte“.

Anders die Situation bei Daniel M. (33) und Thomas S. (48), dem Deutschen mit der rumänischen Exfreundin: Sie bleiben im Gefängnis. „Hier wiegen die Tatbeiträge deutlich schwerer“, betonte Herrmann. M. und S. hätten „eine höhere Stellung“ und „die Organisation in den Händen“ gehalten. Die Stellung spiegelt sich in dem Strafmaß: zwei Jahre und neun Monate Freiheitsstrafe für M. Bei S. sind es drei Monate weniger, „weil er ein Geständnis abgelegt hat“. Zudem ordnete das Gericht die Einziehung von Wert­ersatz (rund 16.600 Euro) an, die fünf Angeklagten tragen die Kosten des Verfahrens. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig.

Was war passiert? Anfang bis Mitte April dieses Jahres eröffneten H., L. und T. 23 Konten bei elf Banken. Die Männer beantragten EC-Karten und kauften mit diesen ohne Kontodeckung per Lastschriftverfahren von Mitte bis Ende April im süddeutschen Raum ein. Schaden: rund 19.200 Euro. Als die Polizei die Männer festnahm, war von der eingekauften Ware nicht mehr viel übrig.

Die für die vielen Kontoeröffnungen nötige Meldebescheinigung besorgte sich die Bande bei der Stadt Kirchberg, S. mietete dazu eine Wohnung in einem Teilort an. M. handelte den Preis vor Ort beim Vermieter herunter und zahlte 1000 Euro in bar. Für die Post von den Banken brachten die Männer sogar extra einen Briefkasten aus Rumänien mit. Doch wie sich zeigte, hätte es den wohl nicht gebraucht: Der Schlitz sei so klein gewesen, sagte der Vermieter am zweiten Verhandlungstag aus, dass die DIN-A4-Umschläge nicht reingepasst hätten. So landeten die Umschläge auf der Treppe.

„23 Konten! Das muss man sich mal ein bisschen auf der Zunge zergehen lassen“, sagte Richterin Herrmann. Sie sieht „ein bandenmäßiges Vorgehen“ und „konkludentes Zusammenwirken“, demzufolge verurteilte sie alle Angeklagten als Mittäter und rechnete allen alle Taten an. Zudem habe es „keine aktiven Tätigkeiten für ein Baugewerbe“ gegeben. H., L. und T. betonten stets, wegen der Aussicht auf Arbeit nach Deutschland gereist zu sein.

„Hohe kriminelle Energie“

Die Einlassung von H. findet Oberstaatsanwalt Oliver Knopp nicht nachvollziehbar: „Obwohl er eine Stelle in Rumänien hat, schließt er sich einer Privatperson an, mit der er sich kaum verständigen kann, begibt sich ins Ausland, wo er noch nie vorher war, weiß nicht, wie lange er bleibt und eröffnet eine Vielzahl von Konten.“

Den Taten liege „eine hohe kriminelle Energie zugrunde“, so Knopp in seinem Plädoyer weiter, und ein „erheblicher logistischer Aufwand“. Er forderte für H., L., T. und S. jeweils zwei Jahre und sechs Monate sowie für M. drei Jahre und drei Monate.

Für Richterin Herrmann war S. „in die ganze Sache eingeweiht“, er habe „Kontakte nach Rumänien zu den Hintermännern“ gehalten. „Herr S. war der Manager von den Leuten“, so beschrieb es der Vermieter. Die Rolle eines Managers oder „eine gewisse Sonderrolle“, wie Herrmann es am ersten Verhandlungstag formulierte, kommt auch M. zu. Dessen Aussage, er sei nur mitgekommen, um ein Auto zu kaufen, sei „auch Motiv für die Fahrt, Teil des Plans“ gewesen. Denn: M. blieb nach dem Kauf in Deutschland und fuhr überall mit hin. M. hatte Kontakt mit Hintermännern. M. war im Besitz von Dokumenten seiner Landsleute. M. bezahlte die Wohnung.

Als die Geräte mit dem Transporter abgeholt wurden, habe er „endgültig gemerkt, dass sie für keine Baustelle gedacht waren“, ließ T. über seine Rechtsanwältin Ottilia Bojo-Lamers ausrichten. Er habe Angst bekommen, wollte nicht mehr in der Wohnung bleiben und übernachtete bei Bekannten von Freunden in Mannheim. In seinem Schlepptau: L. Als sie am nächsten Morgen zurückkamen, um ihre Sachen zu holen, war die Polizei schon da.

Für Rechtsanwalt Günter Hofmann ist sein Mandant H. „in dieser Konstruktion das allerkleinste Licht“, ein „Werkzeug“, „ein ganz armes Würstchen“ und „kein Intelligenzbolzen“. H. habe in Rumänien nicht mal ein Konto. „Der ist da mitgelaufen und hat irgendetwas unterschrieben“, sagte Hofmann. „Das sind alles nützliche Idioten – das ist die Version, die hier funktioniert“, findet auch Bojo-Lamers.

Für Anna Göbel, die Rechtsanwältin von S., stellte sich „die Frage, ob sein Beitrag als Mittäterschaft oder Beihilfe zu werten ist“. Ihr Mandant habe „gehofft, dass er auffliegt“. Er sei an eine Frau geraten und hätte „ein Stück weit aufgeatmet, als die Polizei ihn mitgenommen hat“. Bei S. selber klang das so: „Es tut mir ganz arg leid, dass ich mich habe überreden lassen, da zu helfen.“ Dazu stellte Richterin Herrmann fest: „Das Wort Hilfe ist nicht der richtige Ausdruck.“

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