Lesungen enden nach ein bis zwei Fragen oft unvermittelt, der Vortragende erhält Applaus und die Versammlung löst sich auf. In Kirchberg beim 35. Männervesper gab es dagegen nach dem 80-minütigen Vortrag von Umeswaran „Umes“ Arunagirinathan (40) keinen Bruch. Fast übergangslos ging es am Freitag weiter mit einer Diskussion über Migration und die damit verbundenen Herausforderungen für die Flüchtlinge und die Gesellschaft.

„Das war eine spannende Reise durch alle Kontinente, mir ist ganz schwindlig“, sagte Roland Bohn, der neu im Team des Kirchberger Männervespers ist.

Durch einen Fernsehauftritt hatte das Team aus Kirchberg Kontakt zu dem Arzt bekommen. In Sri Lanka geboren, wagte der Zwölfjährige die Flucht. Sie sollte eigentlich nur wenige Tage dauern – doch es wurden acht Monate voller gefährlicher Erlebnisse, bis Umes bei seinem Onkel in Hamburg ankam.

Der zweifache Buchautor verstand es, die 60 Besucher in seinen Bann zu ziehen. Detailliert berichtete er von der Todesgefahr, als Hubschrauber sein Dorf beschossen. Als dann seine ältere Schwester starb, da sie wegen des Kriegs nicht an ihrer Diabeteserkrankung behandelt werden konnte, entschlossen sich seine Eltern, ihrem ältesten Sohn die Flucht zu ermöglichen. „Außerdem wurden ab dem Alter von zwölf die Kindersoldaten rekrutiert, einige meiner Freunde sind bis heute spurlos verschwunden.“ Nach der sechsten Klasse wurde ohnehin keine Schule mehr angeboten. Umes war wissbegierig und bedauerte dies. Wobei es für ihn selbstverständlich war, zum Familienverdienst beizutragen. Deshalb verkaufte er am Straßenrand Obst und Gemüse.

15.000 Mark sollte die von Schleppern organisierte Flucht kosten. Dafür bürgte der Onkel in Hamburg. „Diese Schlepper sind okay, denn sie kennen sich politisch und geografisch aus. Ohne sie hätte ich es nicht geschafft“, sagte Arunagirinathan. „Ganz im Gegensatz zu den Schleppern im Mittelmeer, die die Menschen in den Tod schicken.“ Auch in Hamburg fand der junge Mann Menschen, die ihm weiterhalfen – so sein Lehrer, der eine Art Vaterersatz wurde und ihm nach der Ablehnung des Asylantrags doch noch das Studium ermöglichte.

Auch heute noch erlebt der Mediziner Vorurteile gegenüber Fremden, zum Beispiel im Fitnessstudio oder bei der Vergabe einer Wohnung. „Erst als ich sagte, ich sei Arzt, änderte sich die Einstellung gegenüber mir von einem Moment auf den anderen.“ Sein Lebensmotto: „Mit einem Lächeln und einem Ja kommst du im Leben weiter“ – auch in seinem Beruf als angehender Herzchirurg. „Integration funktioniert nur mit Arbeit. Man muss sich biegen können, aber nicht brechen.“ In zehn Jahren will Arunagirinathan als Abgeordneter im Bundestag sitzen.