Interview „Im Winter ist noch keiner Meister geworden“

Wallhausen / Jens Sitarek 08.12.2018

Am Sonntag um 7.30 Uhr frühstückt der dreifache Vater Hasan Salihamidzic noch mit der Familie in München. Es gibt Weißwürste. Und weil erster Advent ist, brennt eine Kerze. Danach fährt der 41-jährige Sportdirektor des FC Bayern München selber nach Hengstfeld, um den Fanclub Red Bulls Hohenlohe zu besuchen. Einmal im Jahr ist das Tradition. Im vergangenen Jahr war er in der Nähe von Passau. Auf dem Beifahrersitz: Christopher Keil, einst Redakteur bei der Süddeutschen Zeitung, mittlerweile beim deutschen Fußball-Rekordmeister Leiter der Abteilung Public Affairs. Salihamidzic nimmt sich drei Stunden Zeit für die 200 Fans, die in der Turn-und Festhalle auf ihn warten. Er trägt sich in das Goldene Buch der Gemeinde ein, beantwortet geduldig viele Fragen, schießt auf die Torwand (drei Treffer oben) und erfüllt wirklich alle Autogramm- und Selfie-Wünsche. Am Ende machen sie ihn zum Ehrenmitglied. Bevor es zurückgeht, gibt er unserer Zeitung noch ein Interview. Den Schal, den ihm die Red Bulls Hohenlohe schenken, nimmt er erst ab, als er wieder ins Auto steigt.

Wie war es?

Hasan Salihamidzic: Also ich fand es sehr unterhaltsam.

Haben Sie den Weg nach Hengstfeld gleich gefunden?

Ja. Zum Glück gibt es heute Navigationsgeräte. Es hat alles sehr gut gepasst. Ich habe, Gott sei Dank, den Fanclub hier bekommen (lacht). Es war wirklich sehr nett.

Was er nicht sagt: Es gibt auch eine witzige Routenbeschreibung vom Fanclub-Vorstand. Der setzte in der Bewerbung beim FC Bayern einen animierten Thomas Müller in ein rotes Auto und ließ ihn von der Säbener Straße in München nach Hengstfeld fahren. Statt Müller ist es nun Salihamidzic geworden, aber egal, Hauptsache FC Bayern.

Hinter Ihnen liegt eine bewegte Woche. Erst das 5:1 in der Champions League gegen Benfica Lissabon, gefolgt von der Jahreshauptversammlung des Vereins und dann das 2:1 gegen Werder Bremen.

Bei der Jahreshauptversammlung war ich nicht dabei. Ich war schon bei der Mannschaft in Bremen. Uli, Kalle (Uli Hoeneß, Präsident, und Karl-Heinz Rummenigge, Vorstandvorsitzender; Anm. d. Red) und ich haben das so besprochen, dass es in der Situation besser wäre.

Die Versammlung war eher unbequem, es gab Pfiffe. Nach der Kritik in den vergangenen Wochen tut es bestimmt gut, in eine Halle wie in Hengstfeld zu kommen, in der Sie gefeiert werden.

Ach, wissen Sie, ich bin solche und solche Zeiten gewohnt. Man muss damit leben, wenn es sportlich mal nicht so läuft, wie wir das besonders in den letzten Jahren gewohnt waren. Als Spieler habe ich beides erlebt, wir gewannen die Champions League, aber wir waren auch mal Dritter. Generell muss man sich der Kritik stellen, das tun wir alle, aber Kritik sollte konstruktiv sein.

Neun Jahre spielte Salihamidzic für die Bayern, von 1998 bis 2007, der Bosnier absolvierte wettbewerbsübergreifend 364 Partien. Legendär ein Spiel anno 2002 gegen Real Madrid, in der er seinen Gegenspieler Roberto Carlos provozierte, bis der ihm mit einem Ellenbogencheck die Nase brach. Salihamidzic spielte weiter – ein Kämpfertyp, so einen können sie beim FC Bayern gut gebrauchen. Seit August 2017 ist er Sportdirektor.

Als Sportdirektor sind Sie Teil des angekündigten Umbruchs beim FC Bayern. Was sind Ihre Aufgaben?

An erster Stelle kümmere ich mich um die Mannschaft, dann habe ich den Transfermarkt im Blick, die Verträge, das Scouting, die Jugendspieler im FC Bayern Campus. Weitere Aufgaben sind der Kontakt mit der medizinischen Abteilung und der Physioabteilung sowie der Bereich Videoanalyse. Das Wichtigste ist jetzt, dass wir das Sportliche wieder in den Griff bekommen. Dass wir den Transfermarkt gut einschätzen und vorbereiten.

Es gibt einen Jugendlichen aus Hohenlohe, der beim FC Bayern in der U 16 spielt: Pepe Brekner, aus Waldtann. Der Name sei ihm bekannt, sagt Salihamidzic. In der Frage-Antwort-Runde mit den Fanclub-Mitgliedern betont er, wie wichtig es sei, den Jüngeren eine Chance zu geben. Aber wegen der großen Qualität bei den Profis sei das schwierig.

Viel Luft zum Experimentieren bleibt nicht. Bayern rangiert in der Tabelle neun Punkte hinter Borussia Dortmund. Das Saisonziel Meisterschaft, das der Klub alljährlich ausgibt, scheint in weitere Ferne gerückt. Hat sich das Saisonziel geändert?

Im Moment ist es wichtig, dass wir erst einmal ranrücken, dass wir den Abstand verkleinern, wenn das möglich ist. Aber das liegt nicht nur in unserer Hand. Erst einmal müssen wir unsere Spiele gewinnen. Das Gute ist: Bisher ist noch keiner im Winter Meister geworden (lacht). Neun Punkte sind viel, das ist klar. In der Situation von der Meisterschaft zu sprechen, möchte ich nicht, aber ich verliere das Ziel nicht aus den Augen. Solange es theoretisch möglich ist, werden wir hinterher sein.

Was sicher einige interessiert, die in der Halle waren: Was haben Sie ins Goldene Buch der Gemeinde Wallhausen geschrieben?

Ich habe ein großes Dankeschön reingeschrieben für alles, was heute gemacht wurde. Für den herzlichen Empfang und für die netten Worte.

Sie haben vorhin gesagt, dass Sie „jede freie Stunde mit der Familie verbringen“. Wie war denn das frühe Aufstehen am Sonntag für die Kinder?

Ja, das war denen sonntags nicht so recht (lacht).

Und wie geht es weiter, wenn Sie am frühen Abend wieder in München sind?

Wir werden den Abend ganz normal zusammen verbringen, vielleicht gehen wir zusammen noch was essen – das ist alles, bloß keinen Stress.

Wie sieht denn Weihnachten im Hause Salihamidzic aus? Gibt es eine Tradition aus Ihrer Heimat Bosnien, die Sie mitgenommen haben?

Nein. Ich bin selber nicht katholisch und ich bin nicht so religiös, aber ich finde Weihnachten schön. Es ist ein Fest, das ich gerne mit meiner Familie feiere. zu Hause kommt die Familie zusammen, da wird gut gegessen und getrunken, es gibt Geschenke. Und dann sind da natürlich ein paar Tage, an denen wir ein bisschen entspannen. Vielleicht gehen wir zwischendurch mal Skifahren, mal sehen. Seitdem ich nicht mehr Fußballspieler bin, geht das.

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