Landkreis "Ich will nicht kaputt gehen"

CHRISTINE HOFMANN 07.03.2014
Eltern oder Partner von Suchtkranken müssen darauf achten, nicht selbst ihre Lebensfreude zu verlieren. Ein offener Umgang mit dem Thema und der Austausch mit anderen Betroffenen können hilfreich sein.

Die Sorge um die Gesundheit oder gar das Leben eines geliebten Menschen begleitet Angehörige von Suchtkranken ein Leben lang. Rose (55) lebt seit über 20 Jahren mit dem Wissen, dass ihr Sohn Drogen nimmt. Im Alter von 13 Jahren begann er, sich zu verändern. "Ich habe das Drogenkonsumverhalten lange Zeit nicht erkannt", berichtet die Mutter. Im Laufe der Jahre ist Rose unfreiwillig zur Expertin geworden. Sie weiß um die giftigen Stoffe, die ihr heute erwachsener Sohn zu sich genommen hat und sieht die Folgen für seine Gesundheit.

Sie kennt das Gefühl der Ohnmacht, wenn das eigene Kind sich Schaden zufügt und es keine Möglichkeit gibt, ihm zu helfen. Schulabbruch, Kontaktstopp zum Elternhaus, Beschaffungskriminalität und Strafvollzug - all das hat die Frau aus Schwäbisch Hall mit ihrem Kind miterlebt. "Es gab mehrmals Phasen, in denen ich dachte, ich könnte es nicht mehr aushalten. Einmal war ich so enttäuscht, dass ich in einem Brief geschrieben habe: Du bist nicht mehr mein Sohn", erzählt die 55-Jährige. Der Antwortbrief aus dem Knast ließ nicht lange auf sich warten. "Ich bin dein Sohn und ich werde es immer bleiben", schrieb der suchtkranke Mann zurück.

Zu diesem Zeitpunkt suchte Rose erstmals Hilfe für sich selbst. Sie kam zur Selbsthilfegruppe für Angehörige von Suchtkranken, die sich einmal im Monat in Schwäbisch Hall trifft. Hier lernte sie, dass sie keine Schuld an der Suchtkrankheit ihres Sohnes trägt und - was noch viel wichtiger ist - dass sie nicht allein ist. "Ich habe nie ein Geheimnis aus der Krankheit meines Sohnes gemacht", berichtet Rose, "doch in der Gruppe ist noch eine ganz andere Offenheit möglich, weil jeder den anderen versteht."

In der Selbsthilfegruppe traf die Hallerin auf Katharina, eine Mutter aus dem Landkreis Schwäbisch Hall, die ein ähnliches Schicksal teilt. Ihr Sohn wurde im Alter von 16 Jahren abhängig. Fast zehn Jahre hat es gedauert, bis er Hilfe annehmen konnte und eine Behandlung begann. "Auf die Gruppentreffen freue ich mich sehr, die lasse ich nie ausfallen", berichtet die 60-Jährige, "das sind Wohlfühlabende für mich, Wellness für die Seele." Obwohl die Gesprächsthemen oft schwer und die Probleme groß sind und eine Lösung manchmal nicht greifbar ist, geht es bei den Treffen keinesfalls nur traurig zu. Es wird gemeinsam gelacht und geweint, Tipps und Adressen werden ausgetauscht und die Gemeinschaft genossen. Die Angehörigen stellen fest: Wenn sie selbst Kraft schöpfen in der Gruppe, wirkt sich das positiv auf die Suchtkranken aus.

Viele Angehörige haben Schuld- und Schamgefühle, versuchen nach außen die Fassade einer intakten Familie aufrecht zu erhalten und setzen ihre ganze Energie daran, das süchtige Verhalten ihres Familienmitglieds unter Kontrolle zu bringen. Manchmal entwickelt sich eine Co-Abhängigkeit und das eigene Lebensgefühl wird vom Suchtstatus des Süchtigen abhängig.

Letztlich muss der Abhängige jedoch selbst erkennen, dass er ein Suchtproblem hat und bereit sein, sein Verhalten zu ändern. Angehörige können nur darauf hinwirken, dass er seine Situation erkennt und Hilfe annimmt. Und sie können dafür sorgen, dass sie ihre eigene Kraft und Lebensfreude nicht mit der Sucht untergehen lassen.

Denn durch den jahrelangen Kampf gegen die Sucht ihrer Kinder oder Partner kommen Angehörige manchmal selbst an ihre Grenzen. Depressionen, Ängste, psychosomatische Krankheiten oder gar eine eigene Suchterkrankung können die Folge sein. Rose hat selbst eine Krisenzeit hinter sich. "Die Drogenkrankheit meines Sohnes hat mein Leben stark geprägt", sagt die Hallerin, "doch ich weiß heute, dass ich nicht auch kaputt gehen will, nur weil mein Sohn sein Leben nicht genießen kann. Ich sorge jetzt gut für mich. Ich will leben!"

Selbsthilfegruppen für Suchtkranke und Angehörige im Kreis