Am Samstag werden wohl wieder viele Menschen beim Christopher Street Day in Schwäbisch Hall mitlaufen. Sind Sie auch dabei?

Christian Gaus: Ja, ich laufe mit. Sowie auch schon im vergangenen Jahr. Ich versuche, das Jahr über ein paar Christopher Street Days mitzumachen. Um zu zeigen, dass auch nach dem Beschluss „Ehe für alle“ noch nicht alles getan ist.

Sie und Ihr Partner haben sich im Jahr 2013 in Hall trauen lassen. War das ganz klassisch mit Standesamt und in der Kirche?

Wir haben im Schwäbisch Haller Rathaus standesamtlich geheiratet. Wir waren das vierte Paar 2013, das dort geheiratet hat. Dann haben wir in der Krone in Hessental mit mehr als 100 Gästen gefeiert. Es war toll. Kirchlich heirateten wir nicht.

Im vergangenen Jahr ist Ihr Partner an Krebs verstorben. Wie verarbeiten Sie diesen Verlust?

Ich habe mich viel mit Arbeit abgelenkt. Außerdem habe ich gute Freunde und Familie, die mir zur Seite gestanden sind. Ich habe mir in der Zeit auch kaum eine Pause gegönnt.

Bildergalerie Christopher Street Day in Schwäbisch Hall

Sie haben nicht nur Ihren Mann vor etwas über einem Jahr verloren, sondern auch Ihre Stelle als Wahlkreisbüroleiter von Annette Sawade (SPD), seitdem sie nicht mehr im Bundestag sitzt. Wie sind Sie mit dem herben Schlag umgegangen?

Ich habe fünf Jahre für Annette Sawade gearbeitet. Mein Mann war schon seit 2013 krank. Das baut sich so langsam auf. Da kommt eine Chemo, dann wird es doch wieder schlimmer und dann wieder stabil. Ich hatte das Glück, dass ich das Frau Sawade immer offen und ehrlich kommunizieren konnte. Wenn ich zum Beispiel mal ins Krankenhaus musste. Dass dann irgendwann der Job weg war, war doof. Wenn man es sich im Nachhinein anschaut, war es irgendwann klar, dass es schwierig wird, bei der SPD wieder einen Spin reinzubekommen.

Sie arbeiten momentan beim Landesverband der Gehörlosen in Stuttgart. Was machen Sie da?

Ich bin Referent beim Landesverband der Gehörlosen Baden-Württemberg in Stuttgart. Da koordiniere ich die Arbeit, versuche Ideen und Veranstaltungen umzusetzen und zu organisieren. Unter anderem Lobbyarbeit auf politischer Seite.

Wie war das bei Ihrem Outing?

Ich hatte das große Glück, dass es von Familie und Freunden gut aufgenommen worden ist. Es haben sich auch keine Freunde abgewandt und verabschiedet. Es ist immer schwer, denn man weiß nie, wie die Menschen reagieren. Es ist heute immer noch so. Ich bin jetzt 35 Jahre alt und im Grunde habe ich fast jeden Tag ein Comingout.

New York

Warum das?

Wenn ich jemanden auf der Straße treffe und der fragt mich, muss ich dem das auch sagen.

Haben Sie schon Anfeindungen erlebt?

Ich nicht. Man hört aber immer wieder die dummen Sprüche wie „Ah, die Hinterlader“, „Guck, die Schwuchteln“. Das bekommt man schon mit. Im Internet sind die Anfeindungen noch schneller. Mein Mann hatte vor ein paar Jahren nach der Hochzeit in einer Schwäbisch-Hall-Facebook-Gruppe etwas mitdiskutiert. Als Profilbild hatte er ein Hochzeitsbild von uns drinnen. Und irgendjemand schrieb dann, dass seine Meinung eh nicht zähle.

Wann haben Sie sich geoutet?

Ich war auf der Uni. In der Schule wäre es schwieriger gewesen. Das war auch eine andere Zeit. Ich bin auf dem Dorf aufgewachsen. Man hat sein Umfeld, seinen Freundeskreis. Mit 14, 15, 16 haben die Jungs ihre ersten Freundinnen gehabt und sie meinten, ich brauche auch eine. Weil man das so hat. Ich fragte mich nur warum. Die Gesellschaft um einen herum erwartet ja, dass man hetero ist. Mit der Uni ist man dann aus der ersten Blase rausgekommen.

Homosexualität ist keine Krankheit

Was muss in Sachen Akzeptanz in Politik und auch in der Gesellschaft getan werden?

Zum Glück wird es besser. In der Politik geht es viel um Vorbildfunktionen. Was wichtig war, war die Rehabilitierung der 175er. Da hat der Bundestag die Bestrafung von Homosexuellen via Paragraf 175 rückgängig gemacht. Man hat den Männern gesagt, dass es falsch war und es der Politik leid tut. Es wäre auch schön, wenn wir einen Bundeskanzler hätten, der mal bei einem CSD mitläuft. Aber zum Beispiel stellt die amtierende CDU-Vorsitzende die „Ehe für alle“ gleich mit Kinderheirat und Inzest. Wo leben Menschen, die das Bedürfnis haben, so etwas zu sagen? Wir wollen einfach Gleichberechtigung.

Vor Kurzem wurde ein Gesetzesentwurf zum Verbot der Konversionstherapie vorgelegt. Ist das ein weiterer Schritt?

Das ist genau das Richtige. Das muss verboten werden, weil Homosexualität keine Krankheit ist. Man muss nicht therapiert werden. Ich bin froh, dass der Gesundheitsminister das angeht und hoffe, er zieht es auch durch.

Werden Homosexuelle, Bisexuelle oder Transsexuelle in Hall akzeptiert?

Ich erfahre das sehr positiv. Mich hat noch niemand direkt angefeindet oder verprügelt. Leider gibt es das aber immer noch, auch wenn es weniger wird.

Transsexualität ist keine geistige Störung

Welche Themen sollten in Bezug auf Gleichberechtigung von der Politik angegangen werden?

Die Politik ist gerade dabei, das Transsexuellengesetz zu ändern. Das Bundesverfassungsgericht hat gesagt, der Bund muss eine neue Regelung machen. Das Gesetz sagt, wenn ich mein Geschlecht ändern möchte, weil ich mich als Frau oder Mann fühle, aber im anderen Körper geboren wurde, dann muss man bisher zum Psychologen. Der muss dann bescheinigen, ob derjenige beispielsweise tatsächlich eine Frau ist. Gestellt werden aber nur Fragen wie: „Warum haben Sie kurze Haare, Frauen haben doch lange Haare?“ Oder „Kochen Sie gerne?“ Das hat nichts mit Frausein zu tun. Damit wird angedeutet, dass Transsexualität eine geistige Störung ist, die man behandeln muss. Und von dem Pfad muss man weg. Es ist eine individuelle Entscheidung, weil ich die einzige Person bin, die weiß, welches Geschlecht ich habe.

Also soll vor allem die psychologische Beratung gestrichen werden?

Richtig. Aber auch die Geschlechtseintragung ist ein Thema. Man hat nun zwar „divers“ eingeführt. Das klingt aber ein bisschen komisch ... Es gibt aber auch Länder, die gar nichts mehr vorgeben und man mit 18 einfach aufs Standesamt gehen und sein gewünschtes Geschlecht eintragen lassen kann.

Fehlt noch etwas in dem Gesetz?

Ja, ein Recht auf Änderung aller meiner Zeugnisse auf den neuen Namen.

Was sollte noch angegangen werden?

Wichtig wäre auf Bundesebene noch ein „Nationaler Aktionsplan gegen Homo- und Transphobie“. Es gibt solche Pläne in manchen Bundesländern. Auf Bundesebene war so etwas für 2017 angekündigt, wurde bis heute aber nicht umgesetzt.

Sie waren ja auch Bürgermeisterkandidat in Rosengarten und haben sich auch für den Gemeinderat in Hall aufstellen lassen. Beides hat ja nicht geklappt. Woran lag es?

Wenn ich es wüsste, hätte ich es gleich anders gemacht ...

Sind Sie wehmütig deswegen?

Es ist schon schade, dass es nicht geklappt hat. Aber es geht weiter. Da bin ich Demokrat genug, um sagen zu können: Das war eine demokratische Entscheidung. Auch wenn es alles andere als toll war.

Würden Sie noch einmal kandidieren?

Ja, würde ich. Mich interessiert das Amt, weil man auch etwas umsetzen kann. Aber erst mal schaue ich, wie es beruflich weitergeht.

Und haben Sie da schon Pläne?

Im September läuft mein Vertrag beim Gehörlosenverband aus. Ich fange an, Bewerbungen zu schreiben, aber Präferenzen habe ich noch keine.

Verbissene und hasserfüllte Stimmung in Deutschland

Was wünschen Sie sich für die Zukunft?

Zurzeit haben wir eine sehr verbissene und hasserfüllte Stimmung in Deutschland. Wir sollten uns anschauen, wie gut wir es haben. Und wieder Fakten zählen lassen. Gefühle sind wichtig, aber vorurteilsbeladenes Diskutieren bringt uns auch nicht weiter. Außerdem wünsche ich mir, dass schwule Männer endlich Blut spenden können. Das wurde zwar gelockert, denn wenn sie ein Jahr lang enthaltsam gelebt haben, dürfen sie spenden gehen ... Ebenso ist die Gleichstellung von Regenbogenfamilien (Familien, in denen Kinder bei gleichgeschlechtlichen Partnern aufwachsen, Anm. d. Red.) ein wichtiger Punkt.

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Christian Gaus, geboren am 3. Juni 1984, stammt aus Blaubeuren. Er hat in Ulm Wirtschaftswissenschaften studiert. Er zog mit seinem Ehemann 2010 nach Hall. 2013 heirateten sie hier. Momentan arbeitet er als Referent für Selbsthilfe und Öffentlichkeitsarbeit beim Landesverband der Gehörlosen Baden-Württemberg. Fünf Jahre lang leitete er das Wahlkreisbüro der ehemaligen Bundestagsabgeordneten Annette Sawade. SPD-Mitglied ist Gaus seit 2004. Außerdem ist er stellvertretender Vorsitzender des SPD-Kreisverbands Schwäbisch Hall und des SPD-Ortsvereins Hall. Er ist Schriftführer der AG SPDqueer Baden-Württemberg und auch Kreisvorsitzender der AWO. Daneben ist er Mitglied in verschiedenen Vereinen wie dem Club Alpha 60, der AIDS-Hilfe Stuttgart, der Gewerkschaft ver.di und der VHS Schwäbisch Hall. kv