Blaufelden "Hohenlohe von oben": Große Firma überragt kleines Dorf Wiesenbach

Blaufelden / SEBASTIAN UNBEHAUEN 22.08.2015
Hohenlohe von oben (Teil 7): Wiesenbach ist Wiesenbach geblieben, aber an seinem Rand hat sich Entscheidendes getan: Die Firma Bosch ist in den vergangenen Jahren förmlich explodiert.

Manchmal sprechen schon bloße Auflistungen für sich: 2004 Inbetriebnahme der neuen Präzisions-Mischeranlage; 2005 Erweiterung und Modernisierung der Produktionsanlagen (neue Produktionshalle, Erweiterung des Komponentenlagers); 2006 Bau einer neuen Kommissionierhalle; 2007 Bau einer Anlage zur Frischfleischverarbeitung, Bau einer Backhalle mit 50 Meter langer Backstraße und der dazugehörigen Verpackungsanlage; 2008 Bau und Inbetriebnahme einer neuen Extrudier-Anlage; 2009 Einbau und Inbetriebnahme einer zweiten Backlinie, Bau eines vollautomatischen Hochregallagers; 2010 Bau und Inbetriebnahme einer neuen Kommissionierhalle; 2011 Bau einer Kleinsnackproduktion und einer Abpackhalle für Backwaren, Erweiterung der Frischfleischverarbeitung; 2012 Erweiterung des vollautomatischen Hochregallagers; 2013 Spatenstich zur Erweiterung des Verwaltungsgebäudes.

760 Einwohner leben in Wiesenbach

So steht's auf der Internetseite der Wiesenbacher Firma Bosch, die Futter für Hunde, Katzen und Frettchen herstellt - und längst Marktführer in Deutschland ist. Es ist ein beeindruckendes Wachstum. 2005 hatte das Unternehmen noch 200 Mitarbeiter, heute sind es etwa 500. Zum Vergleich: Das Dorf selbst zählt gerade einmal 760 Einwohner. An der Straße Richtung Brettheim, wo einst das Sägewerk Keitel stand, wird gerade auf 9000 Quadratmetern ein neues Verpackungslager mit 20.000 Palettenstellplätzen gebaut. Über eine Brücke mit Hängebahn ist es mit dem Rest der Firma am Ortsrand verbunden.

Es ist dies eine jener Geschichten von sogenannten "Hidden Champions", auf die Baden-Württemberg und Hohenlohe so stolz sind: 1960 hatte Kurt Bosch das Unternehmen in einer Scheune in Wiesenbach gegründet. Damals ging es um die Produktion von Mineralfuttermitteln, Vitaminkonzentraten, Milchaustauschern und Fertigfutter für landwirtschaftliche Nutztiere. Erst 1984 begann man langsam, ins Heimtiergeschäft einzusteigen. 2000 avancierte dieses eigentlich kleinere Segment zum einzigen Standbein. Die durchaus riskante unternehmerische Entscheidung trafen die Verantwortlichen vor dem Hintergrund der BSE-Krise. Sie hätte sich zum Rohrkrepierer entwickeln können, war aber tatsächlich der Urknall dessen, was folgte und das Gesicht Wiesenbachs heute prägt. Im mittelpreisigen Marktsegment stieß Bosch in eine Lücke, in der die Firma sich immer weiter ausbreiten konnte. Und so wurde und wird gebaut und gebaut und gebaut. Nach dem Verpackungslager soll noch eine Kantine dazukommen.

50 Lkw am Tag

Die täglich von 50 Lkw angelieferte Rohware - Getreide vor allem aus der Region, Fleisch auch aus dem EU-Ausland - kommt in eine Mischanlage und anschließend in eine Art Dampfgarer, bevor die Masse unter Hochdruck zusammengepresst, geformt und handlich zugeschnitten wird. Künstliche Zusatzstoffe, darauf legt man Wert, gibt es nicht. Nach dem Verpacken liegen die Produkte, die mal speziell auf Baby-Frettchen und mal auf Senioren-Hunde abgestimmt sind, in einem Hochregallager mit 32.000 Palettenstellplätzen. Wiederum 50 Lkw am Tag bringen die Ware in mehr als 35 Länder.

Was macht es mit einem Dorf, wenn ein Unternehmen sich so prächtig entwickelt, dass es vom Rand in die Mitte der Wahrnehmung rutscht? Ortsvorsteher Manfred Glemser lächelt und zitiert ein altes Volkslied - in angepasster Form: "Wo's Dörflein traut zu Ende geht, da steht bei uns der Bosch." Will heißen: Das romantisierte Bild des abgeschieden-ruhigen Landlebens ist in Wiesenbach offensichtlicher als an manch anderem Ort eines von gestern. Es fahren nun einmal viele Laster auf den Straßen, es stehen große Lager in der Landschaft und es liegt nicht selten ein Hundefutter-Geruch über dem Dorf. Glemser spricht von einem Spannungsverhältnis - "manchmal seufzt man, denn man muss nunmal damit leben, manchmal sagt man: Jawoll, es ist gut, dass es so ist." Denn natürlich bringt Bosch Gewerbesteuereinnahmen für die Gemeinde, sorgt für Arbeitsplätze, lockt auf diesem Weg auch neue Bewohner ins Dorf. Und Glemser sagt: "Der Firma ist es nicht egal, wie es den Leuten drumherum geht. Die Verantwortlichen haben immer der bestmöglichen Lösung zugestimmt."

Das betont auch Unternehmenssprecher Steffen Dill: "Wir wollen im Dialog mit der Bevölkerung Lösungen entwickeln, die zu einer wirklichen Entlastung führen - wie etwa den Bau eines Abluftkamins mit Filteranlagen, einer Schallschutzwand oder von zusätzlichen Lkw-Parkplätzen." Zudem setze sich Bosch aktuell stark für den Bau einer Umgehungsstraße ein. Demnächst wird die Zufahrt von der B 290 aus neu geregelt. Der Lieferverkehr soll dann vom Schuckhof aus Richtung Engelhardshausen und dort über einen Kreisverkehr direkt zum Werk geführt werden. Für das Dorf verspricht man sich dadurch eine deutliche Entlastung. Das Land zahlt rund zwei Millionen, der Landkreis rund 2,7 Millionen Euro für die Maßnahme. Auch die Straße zwischen Wiesenbach und Brettheim wird gerade saniert. Als Nächstes will sich Bosch für eine bessere Internetverbindung einsetzen.

"Hohenlohe von oben" in 14 Teilen: Von A wie Anglerparadies bis W wie Wellness

1. Teil / Samstag, 1. August: Beerenobst so weit das Auge reicht (Gemeinde Wallhausen)

2. Teil / Mittwoch, 5. August: Die A 6 als Lebensader (Satteldorf)

3. Teil / Samstag, 8. August: Ernte mit Bauer Hanselmann (Gerabronn)

4. Teil / Mittwoch, 12. August: Anglerparadies Storchenweiher 5. Teil / Samstag, 15. August: Die Outdoor-Puten vom Sternhof in Weikersholz (Rot am See)

6. Teil / Mittwoch, 19. August: Oh, du schöne Jagst (Kirchberg)

7. Teil / Samstag, 22. August: Wiesenbach - kleiner Ort, große Firma (Blaufelden)

8. Teil / Mittwoch, 26. August: Energiewende in den Hirtenwiesen (Crailsheim)

9. Teil / Samstag, 29. August: Eine Herberge im Schloss (Stimpfach)

10. Teil / Mittwoch, 2. September: Wellness im Muschelkalk (Langenburg)

11. Teil / Samstag, 5. September: Wohnen auf dem Tempelhof (Kreßberg)

12. Teil / Mittwoch, 9. September: Ein Schäfer und seine Herde (Frankenhardt)

13. Teil / Samstag, 12. September: Die Burgruine Leofels lebt (Ilshofen)

14. Teil / Mittwoch, 16. September: Barockes Bartenstein (Schrozberg)

Das große Finale mit Bildern: Samstag, 19. September

SWP

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