Ehrenamt „Für alle Seiten ist das Bereicherung“

Wallhausen / Birgit Trinkle 03.02.2018

Wie ihre ganze Familie ist Lea Geldner in der Kirchengemeinde Wallhausen engagiert. Für Pfarrer Stefan Brender und Bürgermeisterin Rita Behr-Martin lag es nahe, die Studentin zu bitten, sich der Arbeit mit Flüchtlingen in der Gemeinde anzunehmen. Mit erstaunlichen Ergebnissen – die jüngst im Gemeinderat präsentiert wurden. Aus einem Gesprächskreis wurde der Freundeskreis Asyl Wallhausen („Gemeinsam stark für Integration“), aus Geldners uneigennützigem Einsatz entstand ihre Bachelorarbeit im Studienfach Religions- und Gemeindepädagogik, und Wallhausen freut sich jetzt an einer Konzeption für die Arbeit mit Geflüchteten, was außerhalb der großen Städte noch immer die Ausnahme ist. Für Behr-Martin ist es wichtig, dass ihre Gemeinde so früh eingestiegen ist in die Arbeit mit Flüchtlingen: Wenn die Gemeinschaftsunterkunft bezugsfertig sei, gebe es weitere Zuweisungen und es sei gut, dann vorbereitet zu sein.

Berührende Erlebnisse

Es gibt natürlich Schwierigkeiten, unterschiedliche Mentalitäten – etwa der Menschen aus Syrien und Nordafrika –, bürokratischer Aufwand, Ärger eben. Aber Lea Geldner sieht vor allem das Positive. So findet sie es „schön und wertvoll“, wenn Wallhausener außerhalb des Freundeskreises den Geflüchteten begegnen und  mit erfreulichen Rückmeldungen auf sie zukommen: „Das ist ja echt eine nette Familie. Ganz normal, wie wir auch.“ Solche Erfahrungen bestärkten sie in ihrer Arbeit, „dann erlebe ich, dass Vorurteile schwinden und sich bei den Menschen etwas ins Positive verändert“; die Geflüchteten wiederum könnten die Erfahrung machen dazuzugehören.

Oft seien es die kleinen Dinge, über die sie sich freuen: „Wenn sich ein Kind trotz traumatischer Erlebnisse im Kindergarten eingewöhnt, eine Mutter endlich den Deutschkurs besuchen darf, Kinder im Sportverein integriert werden oder wenn man zu Familienfesten eingeladen wird.“

Angst machender Hubschrauber

Ein Erlebnis mit einem syrischen Flüchtlingskind hat die 27-Jährige besonders berührt: Jedes Mal, wenn es ein Flugzeug oder einen Hubschrauber gesehen oder gehört hat, ist dieses Kind wohl zusammengezuckt und hatte Tränen in den Augen. „Erst nach vielen Erklärungen und viel Zeit lernte es, dass Flugzeuge und Hubschrauber in Deutschland keine Bomben abwerfen, also keine Gefahr bedeuten.“ Da werde erst bewusst, wie viel Leid Kinder, Familien, Menschen jeden Alters in diesen Ländern erfahren mussten und wie sehr dies ihr Leben präge. „Dabei sollte doch jedes Kind die Chance haben, in Frieden und mit kindlicher Freude aufzuwachsen.“ Ihnen einen Neuanfang und ein friedliches Leben zu ermöglichen, sei ein gutes Ziel. Nicht alle in Wallhausen sehen das so; einige seien nicht gut auf Flüchtlinge zu sprechen. Das werde immer wieder spürbar, und es sei sehr wichtig, so die junge Frau, deren Sorgen und Ängste ernst zu nehmen und im Dialog zu bleiben.

Nichts ohne die Ehrenamtlichen

Behördengänge, Begleitung im Alltag, Fahrten etwa zum Arzt, Patenschaften, die Vermittlung von Arbeit und Praktika, Begegnungen organisieren, Sprachbarrieren überwinden helfen: Es gibt so vieles zu tun. Ein Länderfest wurde etabliert, das Café und ein Stand bei Adventsbegegnung und Weihnachtsmarkt.

Ehrenamtliche handeln und entscheiden im Freundeskreis in vielen bestimmten Bereichen eigenständig. Dies berge jedoch die Gefahr der Überschätzung, so Geldner, weshalb ein „Rahmen zur Orientierung“ geschaffen werden müsse. Die Konzeption definiert Ziele, Voraussetzungen, Risiken und Unterstützungsmöglichkeiten. Von den Ehrenamtlichen wird Offenheit, gegenseitiger Respekt, Interesse gegenüber anderen Kulturen, Hilfsbereitschaft und Geduld verlangt. Alles was über Hilfe zur Selbsthilfe hinausgeht sei aber eine Gratwanderung, sagt Geldner: Ehrenamtliche sollen lernen, eigene Grenzen zu ziehen. Auch bei Rollenkonflikten zwischen Männern und Frauen seien Grenzen zu wahren. Zu enge Bindungen zwischen Ehrenamtlichen und Geflüchteten gelten als gefährlich, vor allem wenn Abschiebung droht: Mit Enttäuschungen leben zu lernen, sei unerlässlich.

Das Amt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) bietet Weiterbildungen an. Viele Geflüchtete sind aber traumatisiert, und dann sind Ehrenamtliche in jedem Fall überfordert. Wer Hilfe, wie die vom Freundeskreis angebotene organisiert, hat grundsätzlich einiges zu bedenken, nicht zuletzt den Versicherungsschutz im Bereich der Haftpflicht- und Unfallversicherung.

Glaubensfragen

Beim Zusammenleben hilft ein interreligiöser Dialog – eben weil der christliche Glauben Feste und Traditionen in Deutschland prägt. Auch deshalb sind die Geflüchteten bei den Angeboten und Gruppen der Kirchengemeinden in Wallhausen willkommen. Geldner: „Hierbei soll es um ein respektvolles Zuhören und gegenseitiges Verstehen gehen, ohne dem Gegenüber den eigenen Glauben aufdrängen zu wollen.“

Pfarrer Brender versucht, sich in die Lage eines Geflüchteten zu versetzen, stellt sich vor, wie er reagieren und entscheiden würde, wäre er in seiner Existenz bedroht: „Würde ich mit oder ohne Familie losziehen? Hätte ich überhaupt eine Wahl? Würde ich mich in dem fremden Land zurechtfinden? Wäre ich in der Lage, die Sprache zu lernen und mich an die Gepflogenheiten zu gewöhnen? Dankbar wäre er in jedem Fall, für jede Hilfe. Eine Bibelstelle („Alles nun, was ihr wollt, dass euch die Leute tun sollen, das tut ihr ihnen auch!“ Mt 7,12)  sei ihm Richtschnur für sein Handeln. Es sei gut, dass sich Menschen zusammengetan haben, die nach Kräften den Geflüchteten dabei helfen, sich zurechtzufinden. „Das ist gelebte Nächstenliebe.“ Er sei gern Teil dieser Arbeit.

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