Spitze, es geht voran“, denkt Andreas Hoffmann zunächst, als ihn das Schreiben der Telekom erreicht. Am 9. November vergangenen Jahres kündigt sie an, die beiden ISDN-Anschlüsse seiner Firma in Oberstelzhausen zum 14. April 2019 abzuschalten.

„Wir bauen das Telekommunikationsnetz der Zukunft“, heißt es. „Daten werden künftig noch schneller übertragen. Videokonferenzen lassen sich in höherer Bild- und Tonqualität führen. Anschlüsse verfügen über mehrere Telefonnummern und schaffen die Voraussetzung für bessere Sprachqualität beim Telefonieren.“ Die IP-Technologie macht’s möglich, Hoffmann muss nur noch einen neuen Vertrag abschließen. Die Anlage, die die Telekom vor zwei Jahren bei ihm installierte, ist schon IP-fähig.

Dann folgt der Schock

„Kommunikation mit Zukunftssicherheit“, damit wirbt die Telekom fürs neue Angebot, es sei eine Lösung „für Unternehmen jeder Größe. Digitalisierung. Einfach. Machen“. Klingt alles nicht nur einfach, sondern auch ganz toll, aber dann folgt der Schock.

Die Telekom misst die Bandbreite der beiden bestehenden Kupferleitungen und stellt fest, dass sie zu gering für IP-Telefonie ist. Die sogenannte letzte Meile bestimmt das Tempo, mit zunehmender Länge können weniger Daten übertragen werden. Die Vermittlungsstelle mit Glasfaser in Marktlustenau ist im wahrsten Sinne des Wortes meilenweit entfernt. Trotzdem hält die Telekom daran fest, die ISDN-Anschlüsse abzustellen. „Danach haben wir nur noch eine Rufnummer“, sagt Hoffmann. Das würde die Firma vor Probleme stellen.

Ein Herz für die Heimat

„Es geht um die Geschäftsfähigkeit“, findet der Maschinenbauingenieur. Vor vier Jahren kehrte er zurück, weil er „ein Herz für die Heimat“ hat, und übernahm die Firma von seinem Vater. Der fing 1981 mit einer Dreherei an, ein Schild über dem Eingang des Bürogebäudes erinnert daran. Aber Dreherei war einmal.

„Wir entwickeln uns von einem Handwerksbetrieb zu einem Industriedienstleister“, betont Hoffmann, heute 38. Die Firma hat sich auf die zerspanende Fertigung von Einzelteilen, Prototypen und Kleinserien spezialisiert. Vor allem bei Maschinenbauern ist das Know-how des Mittelständlers gefragt.

Die Lorenz Hoffmann GmbH beschäftigt 45 Mitarbeiter, die Aushilfen mitgezählt, darunter vier Auszubildende. 2017 lag der Umsatz bei 2,25 Millionen Euro. Das jährliche Wachstum liegt zwischen 10 und 15 Prozent. In den drei Produktionshallen ist nicht mehr viel Platz für zusätzliche Maschinen.

Die Zahl der Aufträge bewegt sich zwischen 20 und 30 pro Tag. Dem Kundenkontakt per Telefon misst Hoffmann eine große Bedeutung bei. Das gehöre zum Service, und der würde seine Firma auszeichnen, damit würde sie sich von der Konkurrenz abheben. „Wir konkurrieren hier mit dem Weltmarkt“, sagt Hoffmann. „Laufend sind drei von vier Leitungen besetzt.“ Nicht auszudenken, wenn es nur noch eine Leitung gebe.

Bis das Glasfasernetz, auf das die Gemeinde Kreßberg hinarbeitet, in Betrieb geht, kann es noch dauern. Hoffmann hofft, dass die Telekom bis dahin die Umstellung bei ihm aussetzt. Er telefoniert mit der Hotline, er fährt nach Aalen zu einem Shop. Auch dort macht man ihm wenig Hoffnung. Auf eine Antwort des Geschäftskundenservice, die ihm innerhalb einer Woche zugesagt war, wartet er noch. Bei Beschwerden könne er sich ja an die Bundesnetzagentur wenden.

Die Bundesnetzagentur führt das Telekommunikationsgesetz (TKG) aus. Damit verpflichtet der Gesetzgeber Anbieter von Telekommunikationsdienstleistungen für die Öffentlichkeit zur Einhaltung von Kundenschutzbestimmungen. „Das Telekommunikationsgesetz enthält keine Rechtsnormen, die sich auf die anbieterseitige Kündigung von Verträgen beziehungsweise auf den Schutz teilnehmerseitiger Investitionen beziehen“, schreibt die Bundesnetzagentur an Hoffmann. „Mangels gesetzlich zugewiesener Kompetenz“ sei es ihr „nicht möglich, auf die Produktgestaltung der Unternehmen Einfluss zu nehmen“.

Anspruch auf Grundversorgung

Endnutzer, merkt die Bundesnetzagentur noch an, hätten „einen Anspruch auf Grundversorgung mit einem Anschluss an ein öffentliches Telekommunikationsnetz an einem festen Standort, der Gespräche, Telefaxübertragungen und die Datenkommunikation mit Übertragungsraten ermöglicht, die für einen funktionalen Internetzugang ausreichen“.

Und jetzt kommt das Aber:  „Der Gesetzgeber hat innerhalb der Grundversorgung keine bestimmte Netztechnologie (Analog/ISDN/IP) festgelegt, folglich kann der Endnutzer keinen Anspruch bezüglich einer bestimmten Netztechnologie geltend machen.“

Das vorläufig letzte Schreiben der Telekom an Hoffmann datiert vom 17. Januar. Auf seine konkrete Situation wird darin nicht eingegangen. „Selbstverständlich können wir nachvollziehen, dass ein Produktwechsel nicht unbedingt Ihrem Wunsch entspricht“, heißt es da, und weiter: „Jedoch zwingen wir unsere Kunden nicht. Die Technik muss gewandelt werden, um den heutigen Anforderungen gerecht zu werden.“ Es stünde ihm frei, „diesen Wechsel mit dem Produkt, welches wir Ihnen an Ihrem Standort zur Verfügung stellen können, zu vollziehen oder sich alternativ einen anderen Anbieter zu suchen“. Immerhin weiß Hoffmann jetzt, dass der Slogan der Telekom – „Erleben, was verbindet“ – nicht auf ihn zutrifft.

Schlechter als in Rumänien

Was nun? Derzeit klärt er mit der Net-Com in Ellwangen ab, ob es prinzipiell möglich ist, dass sie die Leitungen der Telekom übernimmt. Früher experimentierte er schon mit Internet über Satellit, aber das war nichts. LTE? „Aufgrund der Topografie nur sehr schwierig nutzbar.“ Zu allem Überfluss liegt Oberstelzhausen in einem Funkloch. Seine rumänischen Mitarbeiter würden immer sagen: „In Rumänien ist das Telefonnetz besser als hier.“

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