Bühlerzell "Eine der bittersten Stationen"

Regierungspräsident Johannes Schmalzl (links) und Bürgermeister Franz Rechtenbacher aus Bühlerzell unterhalten sich am Gedenkstein von Hermann Koziol aus dem Jahr 1986 über die Zukunft des Denkmals bei Gantenwald. Foto: Michaela Christ
Regierungspräsident Johannes Schmalzl (links) und Bürgermeister Franz Rechtenbacher aus Bühlerzell unterhalten sich am Gedenkstein von Hermann Koziol aus dem Jahr 1986 über die Zukunft des Denkmals bei Gantenwald. Foto: Michaela Christ
MICHAELA CHRIST 12.09.2013
Mehr als 70 Gedenkstätten erinnern in Baden-Württemberg an die nationalsozialistische Diktatur. Acht Stationen wurden für eine Gedenkstättenreise ausgesucht, auch der Kinderfriedhof Gantenwald.

Der Friedhof ist klein, er liegt naturbelassen am Waldrand von Gantenwald. Zwanzig Meter lang, zehn Meter breit. So klein wie seine Bewohner. Kinder. Eigentlich Babys, denn sie sind durchschnittlich nur knapp drei Monate alt geworden. Kleine schlichte Grabplatten begrenzen zwölf Ruhestätten. Ein Kreuz, Vor- und Zuname, sowie Geburts- und Sterbedatum zeugen vom kurzen Leben in einer sogenannten Ausländerkinder-Pflegestätte im nahegelegenen Gehöft.

Was sich hier zwischen 1943 und 1945 abspielte, ist eine Tragödie der besonderen Art: Schwangere Zwangsarbeiterinnen aus Polen, der Ukraine und Russland wurden hierher zur Entbindung gebracht. Wenige Tage nach der Geburt wurden sie wieder zurück an ihre Arbeitsstätte geschickt. Nur knapp die Hälfte der geborenen 52 Kinder überlebten, 24 starben. Anfangs wurden sie auf dem drei Kilometer nordöstlich gelegenen Friedhof in Bühlerzell beerdigt. Ab Juli 1944 am 500 Meter entfernten Waldrand.

Wer heute die Gedenkstätte besucht, kommt von der anderen Seite, aus dem Tal von Bühlerzell her. Die letzten 200 Meter müssen zu Fuß bewältigt werden. Davon gehen die ersten hundert Schritte steil bergauf, auch für Regierungspräsident Johannes Schmalzl, der auf seiner Gedenkstättenreise Gantenwald als zweite Station auf dem Programm hatte. "Allein der Ort hier mitten im Wald spricht Bände", sagt Schmalzl kopfschüttelnd. "Vom so genannten Entbindungsheim, dem Gehöft im Gantenwald, waren es nur fünfhundert Meter über eine Wiese", klärt Bühlerzells Bürgermeister Franz Rechtenbacher seinen Gast auf.

Vor dem 1986 errichteten Gedenkstein stehen zwei Weidenkörbe mit Moos und Farn. Dunkelgrüne Primelblätter zeugen von der einst blühenden Zugabe. Am Kopfende des Grabes der 18-jährigen Russin Eugenia Rossamacha steckt eine kleine Sonnenblume aus Blech. Die Blüte zeigt in Richtung des Grabes von Sohn Eugen. Er überlebte seine Mutter, die bei der Geburt verblutete, nur um sechs Wochen.

"Immer wieder stehen auch Kerzen auf verschiedenen Gräbern", weiß Bürgermeister Rechtenbacher, der den Ort auf seinen Spaziergängen immer wieder besucht. Er sehe es als anonyme Geste Einheimischer, die den Friedhof auch als individuellen Pilgerort aufsuchen.

Der Regierungspräsident wählt für die Reise nicht ohne Grund das stille Gantenwald aus: "Weil es eine der bittersten Stationen ist", so Schmalzl. Der Friedhof zeige, wie unmenschlich die NS-Diktatur mit Müttern umging. Es dokumentiere das größte vorstellbare Leid: Den Verlust eines eigenen Kindes. Will er an der Stille des Ortes etwas ändern? Nein. Der Ort sei gut, aber er wolle die mediale Stille aufwecken. Damit so etwas nie wieder passiere, dürfe es nicht vergessen werden. Insofern sei seine Reise Wertschätzung an das ehrenamtliche Engagement der Zivilbevölkerung, unter anderem im Gantenwald, das quasi ehrenamtlich vom Bauhof der Gemeinde gepflegt wird.

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