Reformation „Ein tragisches Missverständnis“

Für eine rege Diskussion sorgten die Thesen des Heidelberger Befreiungstheologen Prof. Dr. Ulrich Duchrow (links) bei der Luther-Tagung im Kirchberger Schloss, die vor allem die Rolle des Reformators im Bauernkrieg kritisch beleuchtete.
Für eine rege Diskussion sorgten die Thesen des Heidelberger Befreiungstheologen Prof. Dr. Ulrich Duchrow (links) bei der Luther-Tagung im Kirchberger Schloss, die vor allem die Rolle des Reformators im Bauernkrieg kritisch beleuchtete. © Foto: Hartmut Volk
Kirchberg / Hartmut Volk 03.11.2016
Hochkarätige Referenten beleuchteten bei einer Tagung im Kirchberger Schloss die Position von Martin Luther im Bauernkrieg und ziehen Parallelen zur heutigen Zeit.

Auf großes Interesse stieß die zweitägige Tagung der Akademie Schloss Kirchberg, die sich mit Martin Luther, dem Bauernkrieg und der weltweiten Bauernfrage heute beschäftigte. Mit einem gehaltvollen Vortrag des Theologen und Sozialethikers Professor Dr. Ulrich Duchrow nahm die Veranstaltung am Reformationsabend ihren Auftakt im  Rittersaal. Dessen Nordwand hatte Hausherr Rudolf Bühler von Künstler Koval symbolträchtig mit einem historischen Bauernkriegsmotiv bemalen lassen.

In seiner Begrüßung schlug der Vorsitzende der Stiftung „Haus der Bauern“ den Bogen vom Bauernkrieg vor 500 Jahren, als die leibeigene Landbevölkerung gegen die Ausbeutung durch ihre Fronherren aufbegehrte, zur Situation der Landwirte heute, die von neuen Ausbeutungsmechanismen durch ein nur an Profitvermehrung orientiertes internationales Agrarbusiness geprägt sei.

Der Gastredner von der Universität Heidelberg bestätigte Bühlers These, welche Auswirkungen für das Kleinbauerntum weltweit habe und auch die Zukunft des ganzen Planeten aufs Spiel setze.

In seiner sozialgeschichtlichen Analyse dieser unheilvollen Entwicklung wies der Theologe der Ausbreitung der Geldwirtschaft vor rund 2500 Jahren eine entscheidende Rolle zu, gegen die schon die Propheten des Alten Testamentes ihre Stimme erhoben hätten. Zwei Jahrtausende später, als sich in Europa alle Lebensbereiche der Ökonomisierung und Kapitalakkumulation zu unterwerfen begannen, und sogar die Kirche die Käuflichkeit des Heils durch den Ablasshandel propagierte, äußerte dann Martin Luther seine scharfe Kritik am Frühkapitalismus. Die neu aufgekommenen, großen, und länderübergreifenden Bank- und Handelsgesellschaften wie die Fugger bezeichnet der Reformator als „Erzdiebe“ und bezichtigt sie in harschem Ton des Götzendienstes.

Auch die Bauern habe Luther als „Opfer des um sich greifenden Kapitalismus“ gesehen, postu­lierte Duchrow. Deshalb habe er zunächst auch vorbehaltlos ihren Forderungskatalog unterstützt, den sie 1525 in ihren zwölf Artikeln gegenüber dem Schwäbischen Bund erhoben hatten. Erst nachdem die Bauern fortfuhren zu brandschatzen und die adligen Herren zu ermorden, habe Luther dann „die unselige Schrift“ „Wider die räuberischen und mör­derischen Rotten der Bauern“ verfasst, in der er das gewaltsame Vorgehen der Bauern auf das Schärfste verurteilt und gar empfahl, sie totzuschlagen „wie tollwütige Hunde“.

Dass „Luthers unmöglicher Aufruf“ letztlich auf einem „tragischen Missverständnis“ beruhe, begründete der Referent damit, dass es zu Luthers Zeit noch keine staatliche Gewaltenteilung mit einer unabhängigen Justiz gab, sondern die Herren auch gleichzeitig Richter waren.

Absolutismus gestärkt

Luther sah in dem gewaltsamen Bauernaufruhr nämlich nicht nur eine Rechtsverletzung, sondern ein Aufheben der staatlichen Rechtsordnung, der das Land in Chaos und Blutvergießen stürzen würde, und habe damit ungewollt zur Stärkung des Absolutismus beigetragen, so die These Duchrows. An der deutschen Kirche kritisierte der Redner, dass sie „den systemkritischen weltweiten Konsens gegen den imperialen Kapitalismus und für eine Kultur und Ökonomie des Lebens“ nicht umsetzen, geschweige denn, ihn in den Gemeinden bekannt geben würde. Deshalb seien die Kirchen in ihren Positionen „radikal zu reformieren“, meint der Herausgeber einer fünfbändigen Buchreihe zum Thema „Die Reformation radikalisieren“.

Diese Forderung des Heidelberger Befreiungstheologen habe ihn zunächst erschreckt, bekannte der frühere Crailsheimer Dekan Dr. Winfried Dalferth in seinem Referat am Dienstag. Den globalen Herausforderungen möchte er jedoch mit „radikalem Weiterdenken“ in Richtung interreligiöse Dialoge, „radikaler Nächstenliebe“ und christlicher Bildung begegnen, die uns lehre, „das Leben von der Wurzel her zu verstehen“. Von ermutigenden Beispielen aus der Arbeit der evangelisch-lutherischen Kirche in Brasilien berichtete Silvio Meincke, der sich als Pfarrer dort viele Jahre für die landlosen Campesinos eingesetzt hat. Anschließend gab der Haller Stadtarchivar Dr. Andreas Maisch einen spannenden Überblick über die Stationen des Bauernkrieges in Schwäbisch Hall und Hohenlohe.

Zwölf Artikel fortgeschrieben

Zum Abschluss rief Organisator Dr. Rudolf Buntzel einen Arbeitskreis ins Leben, der die Impulse aus den regen Diskussionsbeiträgen aufgreifen und die zwölf Artikel der Bauern für die heutige Zeit neu formulieren soll. Der Forderungskatalog soll dann im Januar bei der großen Luther-Tagung in Wittenberg eingebracht werden und auch die Grundlage bilden für die Formulierung einer Charta für die Rechte der Kleinbauern weltweit.

Die Kirchberger Luther-Tagung  diente damit auch zur Vorbereitung für den internationalen Kongress „Global Peasants Rights“, den die Stiftung „Haus der Bauern“ vom 8. bis 10. März 2017 in Kirchberg und Schwäbisch Hall durchführt.

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