Kreßberg „Die Leute haben eine Vision“

Gerald Hüther schreibt Bücher, „um mich zu zwingen, etwas zu Ende zu denken“. Hier signiert er eines auf dem Tempelhof.
Gerald Hüther schreibt Bücher, „um mich zu zwingen, etwas zu Ende zu denken“. Hier signiert er eines auf dem Tempelhof. © Foto: Foto: Guido Seyerle
Kreßberg / Guido Seyerle 10.11.2018
Vor sechs Jahren war der Hirnforscher Gerald Hüther schon mal bei der Gemeinschaft Schloss Tempelhof zu Gast. In der Zwischenzeit ist viel passiert – ein Blick in die Vergangenheit und in die Zukunft.

Als klar strukturierter Wissenschaftler, der die menschlichen Gefühle in seine Überlegungen einbezieht und sie zum Ausdruck bringt, so offenbarte sich Professor Dr. Gerald Hüther bei seiner Rückkehr auf den Tempelhof. 2012 war er schon einmal zu Gast bei der Gemeinschaft in der Gemeinde Kreßberg. „In den zurückliegenden sechs Jahren ist so viel passiert“, sagte der 67-Jährige in der vergangenen Woche beim Symposium zur Erweiterung der Schule für freie Entfaltung. Damals gab es die Schule noch nicht.

Wie nimmt Hüther die Gemeinschaft Schloss Tempelhof wahr? Wie hat sie sich seit seinem ersten Besuch verändert? „Ich bin mir ganz sicher, dass hier ein Modell aufgebaut wird, das ich mir wünsche“, sagte Hüther. „Diese Menschen denken darüber nach, wie sie das Zusammenleben gestalten.“ Und mit Blick auf den reichlich vorhandenen Nachwuchs fügte er hinzu: „Um Kinder großzuziehen, dazu braucht es ein ganzes Dorf.“

Der Hirnforscher fand zudem lobende Worte für den Tempelhof-Chor: „Singen ist eine wunderbare Sache. Man kann gemeinsam mit anderen etwas lernen, was keiner allein schaffen kann. Beim Singen geht außerdem die Angst weg, denn man muss sich aufrichten und anders atmen.“

Sobald das Thema Kinder angeschnitten wurde, spürte man, wie sehr ihm dies am Herzen liegt. „Ich bin in einem kleinen Dorf aufgewachsen“, sagte Hüther. „Damals habe ich mich in die Vielfalt des Lebens verliebt.“ Das möchte er auch der heutigen Generation vermitteln. Dazu gehört die Arbeit als Autor: „Ich schreibe Bücher, um mich zu zwingen, etwas zu Ende zu denken. Dann kann ich es auch erklären.“

Das Potenzial entfalten

„Die Leute vom Tempelhof haben eine Vision, einen Traum“, findet Hüther. „Aus dem Bedürfnis heraus haben sie eine Vorstellung entwickelt, die sie nun umsetzen.“ Dabei durchlebe das Gehirn einen organischen Prozess: „Wohin soll es gehen?“ Ein Vorteil des Zusammenlebens wie auf dem Tempelhof sei: „Die Menschen können das in ihnen angelegte Potenzial entfalten.“ Sie seien nicht nur da, um Probleme zu lösen. „Sobald sich Menschen als Subjekt begegnen, ist diese Entfaltung des Potenzials unvermeidlich.“ Der Professor vermutet, dass nur dieser Führungsansatz Zukunft hat. Stringente Führung habe sich überlebt.

Hüther, selber dreifacher Vater, machte sich auch zur Erziehungsarbeit Gedanken. „Wir gehen in die Schule, weil wir die Welt retten möchten“, mit diesen Worten zitierte er einen Schüler aus Berlin. Der Umgang untereinander müsse so angelegt sein, „dass Sie sich auf das Morgen freuen“. Dies gelte natürlich auch für das Arbeitsleben. „Früher haben wir für Geld gearbeitet.“ Heute stehe beispielsweise durch den stark ausgeprägten sozialen Ansatz dieser im Mittelpunkt des Wirkens.

Eltern spielen wichtige Rolle

Zurück zu den Kindern: „Wir müssen auf die Perspektive des Kindes schauen“, sagte Hüther und fragte sich: „Ist der Gestaltungsspielraum noch da? Oder machen sie, was die anderen erwarten?“ Eine Antwort gab er ­selber: „Wir sollten den Kindern nichts erklären, sondern die ­Kinder stellen Fragen.“ Dies sei dann kein passiv angeeignetes Wissen.

„Wir müssen uns zum Thema dieser Schule noch einmal Gedanken machen“, meinte Hüther. Seine Ideen würden aber nicht bedeuten, „dass die Kinder in Freiheit vergammeln. Wir müssen die Kinder auf dem Weg führen, dadurch werden sie sich nicht gegängelt fühlen.“ Dabei spielen die Eltern eine wichtige Rolle: „Sie müssen bei sich bleiben und schauen, welche Beziehung tut ihnen gut?“

Offensichtlich tat vielen Bewohnern des Tempelhofs die Beziehung zu Hüther gut. Er war ein gefragter Gesprächspartner.

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