Verbraucher, zu denen er auch kirchliche und diakonische Einrichtungen zählt, wünschten in der Regel gesunde Lebensmittel, ohne dafür einen angemessenen Preis zahlen zu wollen, sagte Dirscherl der evangelischen Nachrichtenagentur "idea". Dadurch vermittelten sie den Bauern das Gefühl, ihre Arbeit nicht genügend zu würdigen. In zahlreichen Veröffentlichungen würden bäuerliche Betriebe meist mit negativen Eigenschaften in Verbindung gebracht, etwa Agrarfabriken, Massentierhaltung, Umweltverschmutzung, Wasserverbrauch und Nitratbelastung.

Das "ewige Schimpfen auf die Bauern" mache diese krank, stellt Dirscherl fest. Verständnis oder Anteilnahme an ihren Sorgen fänden sie kaum: "Dass Landwirte auch marktwirtschaftlich handeln müssen, nehmen Kritiker selten wahr." Das schlechte Image als seelenlose Naturzerstörer sei mindestens ebenso belastend wie die Angst, dass die Erlöse aus dem Verkauf von Fleisch, Getreide oder Milch nicht zum Überleben reichten.

Wertschätzung für die Bauern

An die Kirchen appelliert der Experte, nicht nur Resolutionen zum Schutz der Schöpfung zu verabschieden, sondern konkret Solidarität mit Landwirten zu üben. Bildungsstätten, Einkehrhäuser, Altenheime, Behinderteneinrichtungen und Krankenhäuser sollten Lebensmittel in ihrer Umgebung kaufen, empfiehlt Dirscherl. Damit zeigten sie nicht nur Wertschätzung für Bauern, sondern trügen auch zu einer nachhaltigen Landwirtschaft bei.

Die Tagungsstätte Hohebuch bei Waldenburg kaufe Kartoffeln, Milch, Gemüse und Fleisch nur bei regionalen Erzeugern. Dadurch seien die Preise für die Mahlzeiten etwas höher als bei vergleichbaren Einrichtungen. Die Kirche müsse dies durch mehr Zuschüsse ausgleichen. Wenn Synoden dazu nicht bereit seien, sollten sie sich mit Forderungen an Politiker und andere gesellschaftliche Gruppen zurückhalten, so Dirscherl.

Auch Kirchengemeinden könnten viel für einen Meinungsumschwung tun. Viele Bauern würden es bereits als kleine Anerkennung ansehen, wenn man sie an der Gestaltung von Gottesdiensten beteiligte, etwa am Erntedankfest. Wenn dann noch die Notwendigkeit für einen größeren Stall erklärt würde, anstatt wie so oft nur die Agrarindustrie zu kritisieren, wären viele Bauern schon zufrieden, so Dirscherl.

Neben dieser ideellen sei auch materielle Wertschätzung willkommen. Viele Bauernhöfe vermarkteten ihre Produkte inzwischen auf Wochenmärkten oder in Hofläden. Hier könnten Kunden sicher sein, hochwertige Lebensmittel zu erwerben. Ebenso hilfreich wäre es, in Supermärkten nach Infos über die Herkunft zu schauen. Anhaltspunkte gäben regionale Gütesiegel.

Philipp Borg und Lukas Hanselmann aus Wallhausen: "Die Qualität war nie besser"

Zur Person

Clemens Dirscherl ist Geschäftsführer des Evangelischen Bauernwerks Württemberg (Waldenburg-Hohebuch) und Ratsbeauftragter der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) für agrarsoziale Fragen.

SWP