Brettheim "Aus der Mitte der Gesellschaft"

"Deutscher Tag" am 15. März 1931 in Crailsheim: SA-Formationen marschieren durch die Innenstadt. Foto: Stadtarchiv
"Deutscher Tag" am 15. März 1931 in Crailsheim: SA-Formationen marschieren durch die Innenstadt. Foto: Stadtarchiv
Brettheim / HARALD ZIGAN 27.09.2013
Die Nazis fielen vor 80 Jahren nicht über Nacht vom Himmel: Schon lange vor der "Machtergreifung" am 30. Januar 1933 hatte sich die braune Pest auch in den Oberämtern Crailsheim und Gerabronn ausgebreitet.

Frühe Mitglieder der NSDAP in Hohenlohe waren keine verkrachten Existenzen, sondern "kamen fast alle aus der Mitte der Gesellschaft" - Stadtarchivar Folker Förtsch aus Crailsheim, der bei einem Vortrag im Brettheimer Rathaus auf Einladung des Fördervereins "Erinnerungsstätte Männer von Brettheim" die "Machtergreifung" in der Region nachzeichnete, wartete mit etlichen Beispielen auf: Schon 1920 warb in Crailsheim ein Arzt für die Partei und in Blaufelden war es ein Gärtnermeister, der 1925 hinter der offiziellen Gründung einer NSDAP-Ortsgruppe stand.

Was diese frühen NS-Funktionäre einte, war der Hass auf die demokratischen Kräfte der Weimarer Republik, denen von nationalistisch-monarchistischen Parteien die Schuld an der Niederlage im Ersten Weltkrieg in die Schuhe geschoben wurde.

Die NSDAP war mit ihren politischen Zielen nicht allein: Schon 1928 hetzte auch der in Hohenlohe stets mit hohen Stimmenanteilen von bis zu 80 Prozent gewählte "Bauernbund" gegen den "zersetzenden Geist des Judentums".

Spätestens bei der Reichspräsidenten-Wahl 1932 waren die Oberämter Crailsheim und Gerabronn als Hochburgen der NSDAP zementiert. Die Begeisterung der Hohenloher für diese Partei, die aus ihrer Gewaltbereitschaft und ihrem Rassismus keinen Hehl machte, gipfelte bei der Reichstagswahl im März 1933 in einem Stimmenanteil von 62,6 Prozent im Oberamt Crailsheim und 72,0 Prozent im Oberamt Gerabronn - in Hausen am Bach erzielte die NSDAP mit 95,6 Prozent ein Rekordergebnis.

Hitler gerierte sich als "Erlöser" - und fand nach der "Machtergreifung" mit dieser Rolle vor allem in Kreisen der evangelischen Kirche Widerhall. So begann der im Dezember 1933 abgehaltene Kirchenbezirkstag in Crailsheim "mit einem Bekenntnis zum Kampf unseres deutschen Volkes um sein Leben unter der Führung Adolf Hitlers", wie es in einem Bericht von Dekan Otto Matthes heißt.

Kritische Pfarrer wie Wilhelm Sandberger aus Gründelhardt (er verweigerte den Hitler-Gruß) und sein Amtsbruder Hermann Umfrid aus Niederstetten (er nahm sich im Januar 1934 nach massiven Anfeindungen das Leben) wurden von der Amtskirche fallen gelassen. Als weitaus immuner gegen die Nazis erwies sich die katholische Kirche.

Schlägertrupps wie jene SA-Einheit aus Heilbronn, die im März 1933 Angst und Schrecken in Hohenlohe verbreiteten und in Creglingen zwei jüdische Männer zu Tode prügelten, waren die Vorboten eines mörderischen Regimes, das zwölf Jahre später nach millionenfachen Todesopfern unterging.

Der Förderverein-Vorsitzende Norman Krauß zog eine mahnende Bilanz: "Wer 1933 die Nazis wählte, war sich über die Folgen nicht unbedingt im Klaren, weil er das Ende nicht kannte - wer aber heute Rechtsextreme wählt, weiß ganz genau, was er tut."

Info Ein Buch über die "Machtergreifung" in Crailsheim erscheint im Januar 2014.

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