Die Sturzflut ist drei Jahre her. Was war das besondere Ereignis von damals, das Ihnen immer noch durch den Kopf geht?

Frank Harsch: Was wirklich hängen geblieben ist und auch hängen bleiben wird, das sind der Zusammenhalt und die Hilfsbereitschaft der Menschen. Vor allem das ehrenamtliche Engagement der Menschen aus der Region und sogar weit darüber hinaus. Das waren am Anfang wirklich heftige Tage. Diese Hilfe, auch die Spenden, aber besonders die Arbeitskraft der Menschen, die vor Ort da waren, das hat mich beeindruckt und tut es immer noch. Die Bürger der Gemeinde Braunsbach haben während dieser Zeit fast Unmenschliches geleistet. Ich kann mich nur verneigen!

Unsere Artikel aus den ersten Tagen nach der Flut.

Wie viele Spenden gab es?

Auf den beiden Spendenkonten sind rund 1,7 Millionen Euro eingegangen. Die Konten haben unsere beiden regionalen Geldinstitute damals übrigens kostenlos zur Verfügung gestellt. Das war sehr wichtig, weil quasi schon am ersten Tag nach der Flut die ersten Spenden auf dem Konto der Gemeinde eingegangen sind – aus ganz Deutschland. Da hätten wir irgendwann den Überblick verloren. Die Konten werden erst aufgelöst, wenn wirklich der letzte Cent verteilt ist.

Wann wird das sein?

Bis dato haben wir bereits 1,4 Millionen auf Grundlage einer Richtlinie ausbezahlt. Bis Juli wird die Auszahlung abgeschlossen sein. Insgesamt konnten 144 Haushalte/Geschädigte unterstützt werden. Die niedrigste Einzelauszahlung lag bei 114 Euro und die höchste bei rund 45 000 Euro. Die Spendenkommission war zuständig für die Erarbeitung und Weiterentwicklung der Richtlinie und hat bei Einzelfallentscheidungen mitgewirkt. Der Gemeinderat hat die Richtlinie und die Fortschreibung jeweils beschlossen und ebenfalls bei Einzelentscheidungen mitgewirkt.

Braunsbach am Morgen nach der Überschwemmung

Bildergalerie Braunsbach am Morgen nach der Überschwemmung

Wissen Sie, wie viele freiwillige Helfer nach der Katastrophe in Braunsbach und den Teilorten mit angepackt haben?

Es gab schon Tage, an denen bis zu 1000 Leute gekommen sind. Über drei Wochen hinweg sind Menschen gekommen, die ehrenamtlich geholfen haben. Das war schon surreal.

Nach dem Wegräumen des Schutts hat die Planung des Wiederaufbaus begonnen. Sie haben Ende 2016 gesagt, dass der Wiederaufbau der kommunalen Infrastruktur drei bis fünf Jahre dauern wird. Jetzt sind drei Jahre vergangen. Wie ist Ihre momentane Schätzung?

Meine damalige Schätzung war nicht so schlecht. Mittlerweile denke ich trotzdem, dass ich damals fünf bis sechs Jahre hätte sagen müssen.

Also noch mal drei Jahre?

Ja, im nächsten Jahr gehen wir an die Raingasse. Das heißt, dass wir dann die Schäden, die man so offensichtlich sieht, beseitigt haben. Die noch benötigten Geröllfänge werden nach und nach kommen. Das Problem war, dass dazu erst einmal ein Gutachten erstellt werden musste. Jetzt fehlen noch die genauen Standorte.

Das Land hat ja für die Finanzierung des Wiederaufbaus eine Sonderlinie Braunsbach aufgelegt. Wie viel Euro umfasst diese Förderung?

Insgesamt sind es jetzt rund 22 Millionen Euro, speziell als Eigen­anteilunterstützung für die Gemeinde. Es gab eine erste Tranche von etwa 10,3 Millionen. Damit haben wir auch die Aufräumarbeiten finanziert. Dann ist es noch einmal aufgestockt worden. Wir sind froh, dass wir so viel bekommen haben. Damit werden wir den Wiederaufbau der Infrastruktur stemmen. Zuzüglich erhalten wir noch Förderungen aus verschiedenen Fachfördertöpfen. Wir sprechen hier von einigen Dutzend Millionen.

Gibt es etwas, das Sie lieber anders gemacht hätten?

Zum Beispiel hat bei der Frage der Gestaltung von öffentlichen Plätzen wie dem Marktplatz sicher jeder eine andere Vorstellung. Da gehen die Geschmäcker auseinander. Es gab welche, die wollten eine reine Parkfläche haben, und andere, die meinten, wir sollten daraus eine reine Grünfläche machen. Aber dafür gibt es ja den ehrenamtlichen Gestaltungsausschuss, dem Mitglieder der Gemeinderats, aber vor allem engagierte Bürger angehören.

Es gab Interessenskonflikte?

Natürlich. Da kommt auch die Bürgerbeteiligung an ihre Grenzen. Man kann einfach nicht alle Wünsche berücksichtigen, so leid es mir tut.

Wie erleben Sie denn die Reaktion der Braunsbacher Bevölkerung zum Wiederaufbau?

Der Großteil ist zufrieden und dankbar, es läuft ja prima. Dass es im Einzelfall Kritik gibt, das ist nun mal so, wenn man alles von Grund auf neu aufbauen muss. Wir leben mit der Kritik, die gehört zum Leben.

Sie haben für den Wiederaufbau die Website flut-chancen geschaltet. So schlimm es klingt: War die Flut eine Chance für Braunsbach?

Ich würde nicht so weit gehen, zu sagen, die Flut war ein Segen für uns. Aber wir haben versucht – und werden es weiter tun –, da­raus das Beste für die Gemeinde Braunsbach zu erreichen. Das ist legitim. Das kann und muss man auch von der Verwaltung einer Gemeinde erwarten. Wir sind seit drei Jahren dabei, diesen Erwartungen gerecht zu werden. Und ich denke, dass wir das bislang gut hinbekommen haben. Denken Sie nur an die Möglichkeiten des Breitbandausbaus, die sich ergeben haben. Darauf hätten wir wahrscheinlich noch Jahre warten müssen.

Braunsbach Straße zwischen Braunsbach und Orlach ist wieder offen

Wie würden Sie einen Ausblick auf die kommenden Jahre formulieren?

Die Aufbauarbeiten werden irgendwann erledigt sein. Man muss aber darüber nachdenken, wie es oben, also auf Höhe Orlach, aussieht. Wie kann man dort zum Beispiel die landwirtschaftlich genutzten Flächen versiegeln, sodass sie Wasser speichern, anstatt es zu schnell nach unten ins Tal abzugeben? Aber das ist noch ein langer Prozess, der noch nicht einmal angefangen hat.

Wie geht es Ihnen heute, wenn es wieder heftig aufs Dach prasselt?

Von der Sturzflut ist, glaube ich, jeder Braunsbacher geprägt. Man weiß, was ein Starkregen anrichten kann. Wer das hier miterlebt hat, hat einen ganz anderen Umgang mit dem Thema. Ich zumindest muss auch im Urlaub, wenn ich von vergleichbaren Ereignissen höre, immer an die Nacht des 29. Mai 2016 denken.

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Frank Harsch ist am 16. Juli 1971 in Ludwigsburg geboren worden. Nach einer Ausbildung bei der Post hat er Betriebswirtschaft studiert. Zwei Jahre war er bei einem Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsunternehmen in Frankfurt tätig. Danach war er für das Stadtmarketing und Controlling der Stadt Waldbröl verantwortlich. 2004 erlangte er über ein Fernstudium den Master in Verwaltungsmanagement. Im selben Jahr wurde er mit 33 Jahren in Braunsbach zum damals jüngsten Bürgermeister im Landkreis Schwäbisch Hall gewählt. 2012 ist er wiedergewählt worden. Frank Harsch ist verheiratet und hat eine Tochter.