Wahlen und Firmen Umfrage: Manche Firmen fordern Arbeitnehmer auf, Wählen zu gehen

Die EU als Luftballon – mit dieser Vorstellung können sich Unternehmen nicht anfreunden. Einige Betriebe richten einen Appell an ihre Mitarbeiter, sich am Sonntag an der Wahl zu beteiligen.

Jürgen Stegmaier
Eine Umfrage bei Firmen aus der Umgebung hat unterschiedliche Haltungen gezeigt: Die Bausparkasse Schwäbisch Hall fordert zu Wahlen auf, Würth macht es nicht.

Beim größten Arbeitgeber im Landkreis haben sich Vorstand und Betriebsrat zusammengeschlossen: Man sehe als Unternehmen eine übergreifende Mitverantwortung für Staat und Gesellschaft. „Daher unternehmen wir diesen ungewöhnlichen Schritt und appellieren an Sie, sich an der Europawahl zu beteiligen“, steht in einem Schreiben der Schwäbisch-Hall-Gruppe, das vom Vorstandsvorsitzenden Reinhard Klein und der Betriebsratsvorsitzenden Ninon Kiesler unterzeichnet ist.

Die Ansichten darüber, ob Unternehmen ihre Beschäftigten dazu aufrufen sollten, sich an Wahlen zu beteiligen, gehen allerdings auseinander. Klar in die andere Richtung als die Bausparkasse ist beispielsweise Jan Willem Jongert positioniert. Der Sprecher der Geschäftsführung beim Gaildorfer Fahrzeug- und Werkstattausrüster Bott macht seine Ansicht deutlich: „Das geht über die Kompetenzen eines Arbeitgebers hinaus.“ Jeder Wahlberechtigte trage die Verantwortung dafür selbst, ob er an der Entscheidung teilhaben möchte oder nicht.

Auszeichnung für die Bausparkasse Schwäbisch Hall: Bei den Finanzdienstleistern steht das Haller Unternehmen an der Spitze.

Die Unternehmen der Rommelag-Gruppe mit Sitz in Sulzbach-Laufen vertreten eine ähnliche Haltung. Der Konzern wolle sich generell nicht politisch äußern. „Aufklärung und Information liegen hier in der Verantwortung der Politik“, lässt Rommelag wissen. Das Unternehmen ist auf Technik für Kunststoffverpackungen spezialisiert. Zur Gruppe gehören unter anderem die Betriebe Holopack, Kocher-Plastik und Thermo-Pack. Man sehe kein Informationsdefizit, das durch die Firmenleitung behoben werden sollte. Rommelag sieht sich als Unternehmensgruppe als gutes, aktives Vorbild, was den europäischen Gedanken anbetrifft.

„Wer nicht oder falsch wählt, überlässt Europa denjenigen, die es zugrunde richten wollen“, macht Robert Friedmann deutlich. Der Sprecher der Würth­-Konzernführung entscheidet sich dennoch, keinen offiziellen Wahlaufruf zu platzieren. Die Mitarbeiter in Deutschland und anderen europäischen Standorten, immerhin Zehntausende, wüssten auch ohne Appell, dass sich Würth für ein starkes Europa einsetzt.

Am 26. Mai 2019 finden in Baden-Württemberg die Kommunalwahlen statt. Aber was ist eine Kommune? Was macht der Gemeinderat? Diese Begriffe solltest du kennen.

Der Crailsheimer Maschinenbauer Groninger ermuntert seine Mitarbeiter, sich an der Wahl zu beteiligen. Allerdings verstehe man dies weniger als Appell, als vielmehr eine Erinnerung.

Groninger beschränke sich nicht auf die Europawahl, sondern betont auch die Bedeutung der Kommunalwahlen, die ebenfalls am Sonntag stattfinden. „Wir legen Wert darauf, dass unsere Mitarbeiter am politischen Leben aktiv teilnehmen, sich eine differenzierte Meinung bilden und diese auch mit ihrem Gang zur Wahlurne mitteilen“, sagt eine Sprecherin.

Reinhard Klein und Ninon Kiesler von der Bausparkasse machen im Aufruf ihre Ansicht deutlich, dass sich vielfältige Herausforderungen nicht über nationale Alleingänge lösen lassen. Sie  nennen Themen wie Klimaschutz, Einwanderung, die Gestaltung des internationalen Wettbewerbs oder die Auswirkungen der Digitalisierung.

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Wahl-Appell auf Lufthansa-Jet

Zu einem gemeinsamen Appell haben sich die Spitzenverbände von Arbeitgebern (BDA), Industrie (BDI), Handelskammern (DIHK) und Handwerk (ZDH) entschlossen: „Wir wollen ein starkes, vielfältiges, wettbewerbsfähiges Europa“, schreiben sie. Die EU sei nur dann in der Lage, mit anderen Weltmächten auf Augenhöhe zu verhandeln, wenn sie geschlossen und handlungsfähig ist.

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